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Unternehmen des Monats

Arbeitszeitkontrolle

Das Prinzip Stechuhr

Von Sebastian Balzter



Bin in der Kantine: Kartenapparates aus Amerika, 1903
11. Mai 2008 
Was Zeitdisziplin bedeutet, lernen Bayerns Kinder jetzt wieder nach dem Rezept der Industrialisierung, in einigen Gemeinden zumindest. Dort nämlich, wo die Betreuungszeiten in Kindertagesstätten minutengenau abgerechnet werden und sich die Verwaltung dafür auf ein Allerheiligstes der Arbeitswelt verlässt - die Stechuhr. Die Geräte aus der Modelllinie "Perfect" mit dem klassischen schwarz-roten Farbband hat einer der Pioniere der Branche, der Hersteller Isgus aus Villingen-Schwenningen, 2007 ausgeliefert, mit einem Satz Stempelkarten aus Karton für die Kinder.

Die Renaissance für die mechanische Zeiterfassung kommt unerwartet, gilt sie doch als ein Relikt vergangener Tage. Schon 1995 etwa hat Hartmut Seifert, der Arbeitszeitexperte im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung, einen Sammelband zum Thema mit dem Titel "Die Stechuhr hat ausgedient" versehen. Tatsächlich ist sie ein Museumsstück: Erst vor ein paar Wochen sind 158 historische Exemplare, zum Teil aus edlem Eichenholz gefertigt und mit Messingornamenten verziert, im Mannheimer Landesmuseum für Arbeit und Technik angekommen. "Ihr Vater ist ein Uhrmacher, die Mutter ist das Misstrauen", mit diesen Worten empfing Thomas Kosche, der Leiter der Sammlungen, die Schenkung des verstorbenen Stuttgarter Privatsammlers Werner Schmid.

Alle möglichst gleichzeitig am Arbeitsplatz

Ziffernblatt der Uhr des Einschreibeapparates Howard Autography Time Recorder

Die ältesten Mannheimer Ausstellungsstücke stammen aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und lassen eine Epoche auferstehen, in der Fabrikanten ihren Beschäftigten die sogenannten Tugenden der Industrie einzubleuen versuchten - neben Fleiß, Zuverlässigkeit und Unterordnung war es vor allem die Pünktlichkeit, die zählte. Dass in den frühen Textilfabriken und Maschinenbauwerkstätten alle Mitarbeiter möglichst gleichzeitig an ihrem Arbeitsplatz sein sollten, und das auch noch Tag für Tag das ganze Jahr über, war ein Bruch mit der bäuerlichen und handwerklichen Arbeitsorganisation. Das vermeintlich unbestechliche tickende Herrschaftsmittel der Arbeitgeber wurde zum gefürchteten Symbol der neuen Zeit, denn Zuspätkommen wurde mit Lohnabzug bestraft.

Ist das alles Schnee von gestern, seit Gleit-, Tele- und Vertrauensarbeitszeit in Mode gekommen sind? Die Wirklichkeit sieht anders aus. Nur für 8 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland spielen Stunden und Minuten überhaupt keine Rolle mehr, weil nur noch Termin und Ergebnis zählen. Besonders verbreitet ist dieses Modell in der ITK- und Werbebranche. Für immerhin deutlich mehr als die Hälfte aller Beschäftigten aber gilt nach Hartmut Seiferts Einschätzung die eine oder andere Form von flexibler Arbeitszeitregelung. 14 Prozent verfügen sogar über ein Langzeitkonto, auf dem geleistete Arbeitszeit unbegrenzt für einen späteren Ausgleich angespart werden kann, ergab eine Befragung unter Betriebsräten im vergangenen Herbst.

Günther Teisz betätigt eine Radialstechuhr aus dem 19. Jahrhundert

Gemessen aber wird die geleistete Arbeitszeit auch in den meisten ihrer Betriebe. Inzwischen machen Hersteller wie Isgus zwar den Hauptanteil ihres Geschäfts mit computergestützten Methoden, auch die Identifikation per Fingerabdruck und Iriskontrolle ist möglich. Vom letzten verbliebenen mechanischen Modell "Perfect" wurden 2007 gerade noch 890 Stück verkauft, vor allem an kleine Handwerksbetriebe. Aber in manchen Unternehmen, berichtet der Werkstattleiter in Villingen-Schwenningen, sind noch bis zu 40 Jahre alte Geräte im Einsatz.

Nur im Museum ist Technikgeschichte nachvollziehbar

Den Gang ins Museum ersetzt das nicht. Nur dort ist die Technikgeschichte jener einstigen Wunderwerke nachzuvollziehen, in der es um stets neue Details geht, um den Beschäftigten das Flunkern zu erschweren. Die ersten Kontrolluhren etwa funktionierten nicht mit Karten, sondern mit Münzen: Der Arbeiter warf eine mit seiner Nummer versehene Münze ein und bekam eine mit seiner Ankunfts-Uhrzeit zurück. So ließ sich allerdings auch für Kollegen die Münze werfen.

Kontrolluhr als Scheckkartengerät: Hergestellt 1974 von der Firma Hasler in der Schweiz

Sicherer war da schon die Unterschrift auf einen durchlaufenden Papierstreifen, der mit der aktuellen Uhrzeit gestempelt wurde, bevor er weitergekurbelt wurde. Aber längst nicht alle schreckten vor Unterschriftenfälschungen zugunsten von Bekannten zurück. Die nächste Sicherheitsstufe stellten Apparate dar, die auf einem nur noch für den Vorgesetzten einsehbaren Streifen Personalnummer und Stempelzeit vermerkten. Zudem wurde jedes Stempeln von einem Glockenläuten begleitet, dadurch fiel Doppeltstechen im Auftrag langschlafender oder blaumachender Kollegen auf. Ob antiquarisch oder hochmodern, wer die Geräte manipuliert, handelt sich auch heute noch den Grund für eine fristlose Entlassung ein, das hat jetzt das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz bestätigt.

So trennt das "Prinzip Stechuhr" Arbeits- und Freizeit fein säuberlich. Manche Fach- und Führungskraft, die aus diesem goldenen Käfig entlassen ist, mag sich in schweren Stunden nach ihm zurücksehnen. Denn flexiblere Regelungen führen oft nicht zu mehr Freizeit, sondern schlicht zu mehr Arbeit. "Der Arbeitsrhythmus wird nun von betrieblichen Vorgaben bestimmt", beschreibt Seifert eine typische Gleitzeit-Situation. "Und das passt oft nicht mit dem privaten Rhythmus zusammen."Die "anekdotische Empirie" dazu, wie er sie nennt, ist bekannt: Rechtsanwälte, die auch sonntags in die Kanzlei kommen; Jungberaterinnen, die ihre Akten mit ins Wochenende nehmen; Finanzspezialisten, die in den Bankentürmen selten vor 20 Uhr das Licht ausmachen; Ingenieure, die unter ihren Aufträgen ersticken. Der Trend geht dabei zur unbezahlten Mehrarbeit. Schon vor zwei Jahren zeigte das sozioökonomische Panel vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Infratest Sozialforschung eine signifikante Zunahme: Manager schenken ihren Unternehmen demnach im Schnitt 6,6 Stunden in der Woche, Wissenschaftler 5,7 und technische Fachkräfte 4,3 Stunden. Wer aufsteigen will, der wird künftig noch länger unbezahlt im Büro oder an der Werkbank bleiben, sagt Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit voraus. Vor allem Männer wollen sich seiner Erfahrung nach so gegen globale und unternehmensinterne Konkurrenz behaupten.

Arbeitszeit und Werte

Schaltarmatur auf dem Gerät der Firma Hasler, 1974

Aber auch auf den unteren Ebenen ist der ein gutes Jahrhundert lang anhaltende Trend zu kürzeren Arbeitszeiten in Deutschland umgeschlagen: Nachdem 2001 mit durchschnittlich 39,6 Arbeitsstunden in der Woche der geringste je gemessene Wert verzeichnet wurde, nimmt die Zahl nun minutenweise zu. Inzwischen liegt sie bei 40,3 Stunden. "Die Beschäftigten gehen heute mit Zeit großzügiger um als mit Geld", analysiert Hartmut Seifert das dahinterliegende Wertesystem. Mit sinkenden Löhnen und Gehältern gebe sich niemand zufrieden, längere Arbeitszeiten dagegen stießen auf geringen Widerstand - dass auch so der effektive Stundenlohn sinkt, bleibt dabei offenbar unbeachtet.

Wie viel Arbeit ist gut für den Menschen? Objektiv ist die Frage nicht zu klären. Ein philosophisches Angebot hat, lange vor der Erfindung der Stechuhr, der britische Humanist Thomas Morus gemacht: "Drei Stunden vormittags, worauf sie zur Mittagsmahlzeit gehen; nach dem Essen zwei Stunden Ruhezeit, dann wieder drei der Arbeit gewidmete, worauf sie mit dem Abendmahl Feierabend machen", so beschrieb er schon 1516 den Kalender der Bewohner von Utopia. Der Realität vieler Arbeitsplätze zum Trotz: Ganz daneben kann er mit seinen Ideen nicht gelegen haben. Katholiken verehren Thomas Morus heute als Heiligen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andy Ridder / VISUM, Daniel Pilar, dpa
 
 
   
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