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28. August 2008

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Maritime Technologie - die größte Herausforderung an die Konstruktion

Ingenieure

Von wegen dröger Tüftler

Von Max Bolze



13. April 2007 Mit dem Hubschrauber geht es für den Meerestechniker Walter Kühnlein zweimal im Jahr von der kasachischen Küste auf die knapp 150 Kilometer entfernte Öl-Bohrplattform im nördlichen Teil des Kaspischen Meeres. Von Dezember bis April ist das eurasische Binnengewässer in dieser Region eine riesige Eisfläche. Wenn Kühnlein im Mai die Ölplattform ansteuert, ist das Wasser oft noch von einem Eisfilm überzogen. Knapp 100 Menschen arbeiten auf der Bohrplattform, die sich 2000 Meter tief in das derzeit größte Erdölfeld der Welt hineinbohrt. Vor und nach dem Winter wird der fußballfeldgroße Bohrkoloss an eine andere Explorationsstelle bewegt. Kühnlein trägt die Verantwortung für den Umzug. „Es ist jedes Mal spannend, diese riesigen Massen zu bewegen. Die Taucher, das Wetter, der Einsatz der Schlepperschiffe, alles muss perfekt zusammenspielen“, beschreibt er die Faszination an seiner Arbeit.

50.000 Euro Einstiegsgehalt sind möglich

Zwei Wochen dauert der Umzug, dann nimmt Kühnlein wieder die Arbeit für eine amerikanische Ölfirma mit Sitz in Hamburg auf. Dort arbeitet er an der Entwicklung eisbrechender Bohrplattformen. Der 46 Jahre alte Ingenieur gehört als Meerestechniker zu einer gefragten Spezies. Nach Angaben des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) ist der Bedarf in der Branche doppelt so hoch wie die Zahl der Fachabsolventen. Mit dem Ergebnis, dass „die Firmen versuchen, zum Beispiel an Maschinenbauer heranzukommen, um sich diese zurechtzubiegen“, sagt Ralf Sören Marquardt, Vorsitzender des Verbandes. Die Auftragsbücher der Werften sind voll, in den nächsten Jahren werden in Deutschland knapp 700 Großcontainerschiffe zusammengebaut. Dass händeringend Spezialisten gesucht werden, spürt Günther Clauss, Professor am Institut für Land- und Seeverkehr an der Technischen Universität Berlin: „Die Firmen sind böse auf mich, wenn ich die Studenten nach ihrem Abschluss an meinem Institut beschäftige“, sagt er.


Das zähe Ringen um die 70 Absolventen aus den nautisch-technischen Studiengängen, die jedes Jahr die Hochschulen verlassen, zeigt sich im Einstiegsgehalt: Bis zu 50 000 Euro sind möglich. Jedoch ruft die Branche nicht nur nach Schiffbauern und Meerestechnikern. Der Verband sagt jährlich einen Bedarf von 800 Ingenieuren aller Fachrichtungen voraus. Und die dürfen sich, sagt Clauss, in der technischen Königsdisziplin wähnen. „Die maritimen Technologien stellen die größten Herausforderungen an die Konstruktion. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem größere Kräfte wirken als im Meer.“

Gewappnet für den Lagerkoller

Das Meer ist die zweite Heimat für Alexandra Pohl. Sie ist Schiffbetriebsingenieurin, und zweimal im Jahr ist sie für jeweils vier Monate auf See und klappert die Häfen dieser Welt ab. Pohl wartet und überwacht die Maschinen. Wenn die nicht laufen, kann sie sich auf hoher See nicht auf den Kundendienst des Herstellers verlassen. „Ich muss auch oft selbst den Schraubenschlüssel in die Hand nehmen, aber das ist ja gerade das Charmante an diesem Beruf“, sagt sie. Wer eine Berufsausbildung im Bereich der Seefahrt und ein Fachhochschulstudium hinter sich hat, darf sich „Wachoffizier im Gesamtschiffsbetrieb“ nennen, wie Alexandra Pohls Berufsgattung im Fachjargon heißt. Nicht zuletzt durch den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas steigt die weltweite Flotte der Containerschiffe und damit auch der Bedarf an den Maschinenbetreibern.

Experimente im Weltraum - Ulrich Walter (2. v.r.) an Bord der Columbia 1993

Es gilt jedoch auch in dieser Branche: Akademiker sind Mangelware. Über 300 Absolventen wünscht sich der Verband Deutscher Reeder jährlich. 2006 waren es jedoch nur 73. Den Bedarf an Schiffskapitänen hinzugerechnet, die in ihrer Ausbildung ebenfalls mit technischen Inhalten vertraut werden, fehlen der Branche 450 hochqualifizierte Arbeitskräfte. Dabei sind die Verdienstaussichten attraktiv. Ein Einstiegsgehalt von 3833 Euro im Monat ist selbst unter Ingenieuren überdurchschnittlich. Ebenso die Aufstiegsmöglichkeiten, die laut dem Reederverband derzeit besonders gut sind. Bereits nach vier Jahren sind tariflich bis zu 5500 Euro möglich, wobei hier von Mindestzahlen die Rede ist. Paradiesisch muten die Urlaubsregelungen an: Bis zu vier Monate am Stück sind Schiffsbetriebsingenieure bei fortlaufender Bezahlung vom Dienst befreit, nachdem sie drei bis vier Monate eine Siebentagewoche auf See hinter sich haben. Weniger erfreulich ist der Lagerkoller, der während der Zeit an Bord ausbrechen kann, wobei Alexandra Pohl relativiert: „Die Leute wissen, dass man sich auf See schwer aus dem Weg gehen kann, deswegen reißen sie sich am Riemen.“

Noch fataler sind Psychokriege unter Astronauten. Deshalb muss bei einer Raummission die Arbeitsteilung perfekt abgestimmt sein und die Truppe menschlich zusammenpassen. Das weiß der ehemalige Wissenschaftsastronaut Ulrich Walter, heute Inhaber des Lehrstuhles für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Im Jahre 1993 hatten er und sechs Kollegen mit dem Raumschiff Columbia zehn Tage lang über 90 Experimente im Weltraum durchgeführt. Die Astronauten selbst sind selten Ingenieure. Beim Bau eines Orbiters hingegen sind hochqualifizierte Ingenieure beteiligt. Die bemannte Raumfahrt ist jedoch nur ein Einsatzfeld der Raumfahrttechnik. Die Konstruktion von Satelliten zur Messung des Klimawandels oder die Entwicklung abhörsicherer Kommunikationsmittel sind weitere Themen. Insgesamt arbeiten in Deutschland ungefähr 2500 Ingenieure in der Raumfahrtindustrie, ein großer Teil davon beim europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. „Die Raumfahrt ist zwar zyklischen Schwankungen unterworfen, aber Ingenieure stellen wir eigentlich immer ein“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Zwar spüre man die starke Konkurrenz um hochqualifizierten Nachwuchs, die spannende Materie sei jedoch bei der Suche ein Vorteil. Die Bedingungen der Schwerelosigkeit verlangen auch in der Entwicklung der Maschinen auf der Erde ein anderes Denken.

Wassertürme für den Libanon


Vollkommene Ingenieurskunst ist bei den Einsätzen der Spezialisten des Technischen Hilfswerkes (THW) nicht das Hauptaugenmerk. Vielmehr geht es darum, in kürzester Zeit möglichst vielen Menschen zu helfen. So auch im August des vergangenen Jahres: Die Invasion des israelischen Militärs in den Südlibanon hatte ihre Spuren hinterlassen. Wegen zerstörter Wasserleitungen waren Zehntausende von der Versorgung abgeschnitten, die Infrastruktur lag brach. Eine Woche nach Waffenstillstand kam Stefan Tahn in das Land, um Hilfe zu leisten. Tahn ist Bauingenieur und koordiniert normalerweise Auslandseinsätze des THW von Deutschland aus. Nun leitet er seit acht Monaten libanesische Bauunternehmen beim Reparieren der Wasserleitungen und dem Bau neuer Wassertürme an. Tahn ist beim THW fest angestellt. Die meisten Ingenieure, mit denen das Hilfswerk zusammenarbeitet, haben einen Arbeitgeber in der Industrie. Sobald nach einem Krieg oder einer Naturkatastrophe Hilfe benötigt wird, werden die Ingenieure angeworben. Wer bei einem größeren Projekt mitarbeitet, wird nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt. Je nach Gefahrenlage gibt es Zuschläge. Die Einsatzgebiete im Bereich der Katastrophen- und Entwicklungshilfe sind vielfältig.

Von Patentierungsberatung in China bis zum Straßenbau im Südsudan bieten etliche Organisationen Projekte an. Zumeist sind die Jobs projektbezogen, wie bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Dort werden in der Regel Dreijahresverträge vergeben, die anschließend meist um zwei Jahre verlängert werden. „Die Einsätze sind oft psychisch und physisch kräftezehrend. Da muss man schon sehr motiviert sein“, sagt Hans Stehling von der GTZ. Als Entwicklungshelfer brauche man neben einem heißen Herz auch einen kühlen Kopf. Zusätzlich werden Fachkenntnisse und Auslandserfahrung verlangt. Erst dann kann man an dem 18-monatigen Jobtraining teilnehmen.

Helfer des THW reparieren die Wasserleitungen im Libanon

Trotz der zeitraubenden Vorbereitung ist die Entwicklungshilfe nicht nur ein Soziotop für Idealisten, sagt Stehling: „Unsere Spezialisten tragen auf deutscher Seite meist die alleinige Verantwortung für das Projekt und müssen die Fachkräfte vor Ort koordinieren. Wer sich in so einer Führungsposition über längere Zeit etabliert, für den kann die Entwicklungshilfe ein Sprungbrett für die Karriere sein.“ Auch bei der Bezahlung lägen Entwicklungshelfer nicht weit hinter der Industrie zurück. Belastend kann hingegen die schwere Vereinbarkeit der Hilfsprojekte mit dem Familienleben sein. Stefan Tahn lässt sich jedoch weder davon noch von der ein oder anderen Nacht in einer unbeheizten Baracke nahe der Baustelle beirren. Der Libanon-Einsatz soll nicht sein letzter gewesen sein. Er will sein technisches Wissen auch zukünftig in die Welt tragen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
 
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