Es ist noch nicht lange her, da schienen die Arbeitslosenzahlen in Deutschland nur eine Richtung zu kennen: nach oben, und zwar steil. Es war beinahe zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Arbeit schwer zu finden ist. Selbst angehende, gut ausgebildete Akademiker sorgten sich um ihre Zukunft, je näher das Examen rückte. Die düstere Botschaft des Arbeitsmarktes lautete: Zieh dich besser warm an, und schraube deine Ansprüche nach unten! Von deiner Sorte gibt es mehr als genug!
So schnell können sich die Zeiten ändern. Immer lauter klagen die Unternehmen über das fast vergessene Phänomen des Fachkräftemangels. Der Markt für Ingenieure, Informatiker und auch für gut ausgebildete Facharbeiter ist leer gefegt. Der Aufschwung macht's möglich. Die Bundesregierung hat Erleichterung versprochen. Seit dem 1. November können Maschinenbau- und Elektroingenieure aus den zwölf neuen Mitgliedsländern der EU leichter in Deutschland arbeiten. Unternehmen müssen bei der Besetzung einer offenen Stelle in dieser Berufsgruppe nicht länger deutsche Bewerber bevorzugen. Ob nun allerdings Massen hochqualifizierter Topleute aus dem Osten, etwa aus Rumänien oder Bulgarien, den deutschen Arbeitsmarkt stürmen werden, ist mehr als fraglich. Denn in den Ländern Osteuropas sind diese Menschen ebenso gefragt wie hierzulande.
"Der Fachkräftemangel ist mittlerweile ein ernsthaftes Problem in Rumänien", sagt zum Beispiel Klaus Kessler, als Partner und Rechtsanwalt bei der Kanzlei Rödl & Partner für Südosteuropa zuständig. Die internationale Kanzlei, die ihren Kunden neben Rechtsberatung auch Wirtschaftsprüfung, Buchhaltung und Steuerberatung anbietet, ist in vielen osteuropäischen Ländern vertreten, seit 2001 auch in Rumänien. Gerade erst hat das Bukarester Team ein neues Büro bezogen, hoch über der Stadt. Insgesamt 40 Mitarbeiter beschäftigt das Nürnberger Beratungsunternehmen in Rumänien.
Die Kunden kommen aus dem deutschsprachigen Raum. Es sind Unternehmen, die in Rumänien einen Vertrieb oder eine Produktion aufgebaut, eine Tochtergesellschaft gegründet oder ein bestehendes Unternehmen von rumänischen Partnern übernommen haben. Und von diesen Kunden hört die Kanzlei, dass es schwer geworden sei, kurzfristig gute Mitarbeiter zu bekommen. "Bei qualifizierten Leuten herrscht in Bukarest fast Vollbeschäftigung", sagt Kessler. Wer diese Mitarbeiter gewinnen wolle, müsse ihnen etwas bieten, damit sie den Arbeitgeber wechseln. Hohe Qualität zu Niedrigstpreisen - das ist vorbei.
"Wir jammern auf niedrigem Niveau", relativiert Dirk Rütze, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer in Bukarest. Wenn den Unternehmen Arbeiter fehlten, dann solche für 200 Euro im Monat. "Wenn ich 250 Euro zahle, gehen sie vom Konkurrenten weg und rennen mir die Bude ein." Der bisherige Standortvorteil Rumäniens sei es gewesen, qualifizierte Arbeiter zu niedrigsten Löhnen bieten zu können. Letzteres sei nicht mehr gegeben. "Und deshalb gibt es ein großes Geschrei und Abwanderungsdrohungen", sagt Rütze. Für deutsche Unternehmen hält er es angesichts dieser Veränderungen für vielversprechender, Rumänien künftig als Absatzmarkt statt bloß als verlängerte Werkbank zu nutzen.
Bis das so weit ist, behelfen sich produzierende Unternehmen anders. Große Betriebe sammeln an ihren Standorten die Mitarbeiter aus der Region morgens mit Bussen ein. Denn Pendeln ist angesichts der maroden Infrastruktur und des wenig ausgebauten Nahverkehrs auf andere Weise nicht möglich - und direkt vor Ort, wo sich wirtschaftliche Zentren herausgebildet haben, gibt es kaum noch die gesuchten Mitarbeiter.
Aber auch am anderen Ende der Arbeitsmarkt-Hierarchie ist die Luft dünn in Rumänien. "Mandanten suchen monatelang nach Top-Managern", sagt Bogdan Fratila, Rechtsanwalt und Leiter des Bukarester Büros Rödl & Partner. Die Knappheit beruht zum einen auf der steigenden Nachfrage angesichts des rumänischen Wirtschaftswachstums und des Booms in einzelnen Wirtschaftszweigen. Eine weitere Ursache ist, dass viele junge Rumänen, etwa sehr gefragte Informatiker, schon längst im Ausland arbeiten, in den Vereinigten Staaten oder Kanada.
"Die Ansprüche deutscher Unternehmen an ihre Manager sind recht hoch", sagt Kessler, und diese "deutschen" Ansprüche würden dann nach Rumänien transportiert. Fachlich gute Absolventen, frisch von der Hochschule, gebe es zwar, die müssten aber erst angeleitet werden, bis aus ihnen Manager werden. "Es gibt eine Lücke zwischen Berufsanfängern und erfahrenen Managern", spezifiziert Kessler das rumänische Fachkräfteproblem auf den oberen Ebenen des Arbeitsmarktes.
Rödl & Partner spürt diesen Mangel selbst, wenn die Kanzlei einen rumänischen Anwalt, Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer sucht. Der Beratungsmarkt hat sich in Rumänien gut entwickelt, die Nachfrage nach Mitarbeitern steigt. "Die Konkurrenz unter den Arbeitgebern ist sehr hoch", sagt Fratila, die Kosten seien gestiegen. Über Kontakte, Netzwerke, Headhunter und Annoncen versucht die Kanzlei ihr Glück. "Von 50 Bewerbungen sind vielleicht zehn interessant", so Kessler. Die guten Nachwuchskräfte können in Bukarest ähnlich gut verdienen wie im Westen.
Westliche Unternehmen gleichen den Mangel nach der Erfahrung von Rödl & Partner zunehmend durch die Zusammenarbeit mit Universitäten und durch die Ausbildung in den Betrieben aus. Auch IHK-Mann Rütze spricht von solchen Kooperationen. So habe zum Beispiel Infineon der Universität Bukarest einen Reinraum zur Verfügung gestellt.
Im Nachbarland Bulgarien ist die Situation ähnlich. Glaubt man der aktuellen Umfrage der Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer, dann benoten die befragten Mitgliedsunternehmen die Verfügbarkeit von Fachkräften nur mit der Schulnote 3,4. So berichtet etwa der Praktiker-Konzern, der mit sieben Baumärkten in Bulgarien vertreten ist, dass sich der Fachkräftemangel nach dem EU-Beitritt noch verschärft habe. Im Management sei die Qualifikation noch nicht auf internationalem Niveau, viele Bulgaren seien zudem wenig mobil und scheuten berufsbedingte Umzüge. Die Gehälter stiegen auf allen Ebenen.
Gegenüber der Konkurrenz will sich Praktiker zum Beispiel durch Schulungsangebote abheben, durch Ausbildungsmöglichkeiten, eine bessere Krankenversorgung, Bonuszahlungen - und im Fall potentieller Führungskräfte durch klare Karriereperspektiven. Dass es in Bulgarien ähnlich wie in Rumänien zum Durchschnittslohn kaum noch qualifizierte Mitarbeiter gibt, bestätigt auch die Industrie- und Handelskammer in Sofia. Zusätzlich lassen teure Lohnrunden und die relativ hohe Inflation die Arbeitskosten steigen. Im Osten Europas gilt eben, was in Aufschwungzeiten auch in Deutschland die Gesetze des Arbeitsmarktes bestimmt: Wer mehr will, muss mehr zahlen.
Text: F.A.Z.
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