Beruflicher Stillstand

Willst du das dein ganzes Leben tun?

Von Holger Appel

Beruflicher Stillstand: Willst du das dein ganzes Leben tun?
23. Januar 2007 

Siegfried S. ist vierundvierzig Jahre alt, Abteilungsleiter in einer Großbank, genießt relativ viel Entscheidungsspielraum - und sucht eine neue Aufgabe. Daniel U. ist vierzig, Leitender Arzt in einem mittelgroßen Krankenhaus, schiebt zwar viele Überstunden, aber auch viele interessante Einsätze, hat weitreichende Kompetenzen und ein gutes Gehalt - und sucht eine neue Aufgabe.

Hans S. ist einundvierzig, trägt als Leiter eines Logistikunternehmens die Verantwortung für mehrere hundert Mitarbeiter, verdient ein sechsstelliges Gehalt, hat einen schicken Dienstwagen - und sucht eine neue Aufgabe. Noch mehr Beispiele gefällig? Kein Problem, eine Umfrage am Arbeitsplatz oder im Bekanntenkreis förderte eine lange Liste zutage. Im Beruf in einer ordentlichen Position angekommen, ereilt viele Fach- und Führungskräfte mit Anfang vierzig die Sinnkrise. Nicht etwa, weil sie richtig unzufrieden wären mit dem, was sie tun, sondern weil ihnen die Perspektive fehlt.

Immer gewinnen die anderen

Zehn Jahre Aufstieg hinter und fünfundzwanzig Jahre Arbeit vor sich, fragen sie sich: War es das? Wo bleibt das nächste Erfolgserlebnis? Soll ich noch fast drei Jahrzehnte dieselbe Treppe hochlaufen, denselben Fahrstuhl benutzen, dasselbe Büro betreten? Hinzu kommen die ewig wiederkehrenden Meldungen, dass gerade ein etwa Gleichaltriger irgendwo Vorstandsvorsitzender geworden ist, dass die immer jünger werdenden Investmentbanker oder M&A-Berater immer höhere Boni einsacken, dass die Bubis auf dem Fußballplatz oder die mit einer Internetbude Millionen nach Hause schleppen, kurz: Immer gewinnen die anderen.

Da gesellt sich zu dem Gefühl fehlender Perspektiven der Gedanke: Meine Arbeit wird nicht richtig wertgeschätzt, nicht adäquat entlohnt. Und die Menschen, die so denken, werden immer jünger. Die Mid-Career-Crisis schlägt nicht mehr wie früher mit 50 Jahren zu, mittlerweile ereilt sie viele schon mit 40. Was tun? In stiller Verzweiflung warten, bis das Gefühl vorübergeht? Dann mit 50 Jahren zu denen zählen, die nach allgemeiner Lesart beruflich nicht mehr gebraucht werden und sich irgendwie bis 65, jetzt wegen des späteren Renteneintrittsalters eher bis 67 retten?

Nicol Adler hat schon viele Vierzigjährige mit derartigen Schwierigkeiten gesehen. Das sei ein wirklich kritisches Alter, sagt die Kölner Psychologin, doch die Probleme kämen schon viel früher. Nur merkten das die meisten nicht. „Die Sinnkrise fängt vor allem bei Männern schon mit 30 Jahren an, wird aber jahrelang weggedrückt“, sagt sie. Wenn dann die ersten Zipperlein auftauchten und man(n) körperlich nicht mehr so fit sei, komme der seelische Einbruch. Mit 40 also.

Die Kunst, im Kopf Freiräume zu schaffen

„Der erste Lack ist ab. Der Bauch setzt sich durch“, konstatiert die Psychologin schonungslos. Das verbinde sich mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, dem häufigeren Griff zum Glas Bier und sexueller Langeweile. Die ersten Kreislaufzusammenbrüche seien zu beobachten. „Ich hatte so einen Fall. Der hat gerade noch eine Rede gehalten und ist dann einfach weggeklappt.“ Vor allem auf der zweiten Führungsebene sei der Druck hoch, weil er von oben und von unten wirke. „Die müssen sehr viel aushalten“, sagt Adler. Die Kunst sei es, sich im Kopf Freiräume zu schaffen.

Das Phänomen sei vor zehn, fünfzehn Jahren so noch nicht aufgetaucht. In den wirtschaftlich satten achtziger Jahren sei der Druck noch nicht so groß gewesen. Vor allem hätten die Führungskräfte der zweiten Ebene noch Perspektiven gehabt, durch gute Leistung einen weiteren Sprung zu machen. Das sei heute immer seltener der Fall, weil Seilschaften und Beziehungen über Auf- und Abstieg viel stärker entschieden.

„Den Job gut machen, das reicht nicht mehr“, sagt die Psychologin. Es könne sogar eine kaum fassbare Zwangslage entstehen. „Da sagt sich der Vorgesetzte: Der Typ macht seine Arbeit gut. Prima, den lasse ich an dieser Position. Dann habe ich keinen Stress“ Manche könnten damit umgehen, sagt Adler, manche aber empfänden dies als „Verrat“. Und dieses Gefühl des Verrats sei kaum zu ertragen. Auch wenn es schwierig ist, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, so kann es doch gelingen, macht sie Mut. Sich neue Inhalte suchen, regelmäßig in die Berge gehen, beim Sport auftanken, das kann helfen. „Man muss es schaffen, wieder sich selber zu leben. Dann kehrt auch die Zufriedenheit zurück“, meint Adler.

Die berufliche Irritation überbrücken

Die Hamburger Psychologin Ulrike Schulze-Wischeler-Dau empfiehlt im Grundsatz Ähnliches, geht aber noch weiter. Mit einem Perspektivwechsel könnten Zeiten der „beruflichen Irritation“ überbrückt werden. Dazu könne ein Aufenthalt in einer sozialen Einrichtung zählen, was, ernsthaft betrieben, nicht nur neue Erfahrung bringe, sondern auch die soziale Kompetenz und die emotionale Intelligenz stärke. Dazu könne aber auch der Wechsel innerhalb des Unternehmens in eine andere Abteilung mit anderen Arbeitsinhalten zählen. Man könne einen Auslandsaufenthalt einschieben oder eine Auszeit nehmen, um sich um die Kinder zu kümmern. „Der Vater um die 40 darf ruhig einmal für zwei Jahre Elternzeit nehmen“, sagt Schulze-Wischeler-Dau. Wer sich in dieser Zeit beruflich fit halte, brauche keine große Sorge zu haben, nicht mehr an den Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Schließlich seien die Betriebe interessiert, qualifiziertes Personal zu halten.

Das sieht die Kölner Psychologin Adler anders: „Für Auszeiten fehlt weitgehend das Verständnis. Wer die Spielregeln verletzt, ist draußen“, warnt sie. Durch die ganzen Firmenzusammenschlüsse und Entlassungen selbst bei guten Geschäftsergebnissen sei die Unsicherheit viel größer geworden. „Es gibt heute keine Jobsicherheit mehr. Für niemanden“, sagt sie. Und die kommenden zehn Jahre würden diesbezüglich noch schlimmer.

Noch drastischer erteilt sie der Idee eine Absage, für eine Zeit komplett auszusteigen. „Einfach sagen, ich schmeiß hin, nehme eine Abfindung und fahre ein Jahr mit dem Segelboot durch die Karibik, das klappt nicht.“ Doch dies scheint sowieso für die meisten nicht in Frage zu kommen, weil der Mut fehlt. „Die Sachzwänge sind schlicht zu groß. Die meisten haben doch zwei Kinder, eine Ehefrau, manche noch eine Freundin und einen Kredit - wie soll man da aussteigen?“, fragt Adler rhetorisch.

Bin ich konkurrenzfähig?

Auch der Psychologe Christopher Rauen aus Goldenstedt spricht davon, dass sich die Schwierigkeiten nach vorne „phasenversetzt“ haben. Er macht vor allem drei Ursachen aus. Unbewusst gespeicherte Erfahrungen mit der als Kind erlebten schwierigen Lebensphase der Eltern kämen nun hoch, die Wirtschaft sei deutlich dynamischer geworden, weshalb die Menschen früher verschlissen, und den Jugendwahn, nach dem Arbeitnehmer mit Mitte 40 nicht mehr in einen neuen Job vermittelbar seien.

„Damit steuern vor allem Leute, denen es recht gut geht und die sich keine elementaren Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen müssen, in eine gewisse Leere“, sagt Rauen. Anfang vierzig setze Torschlusspanik ein. Viele sähen aus dieser Situation nur eine Lösung, die Rauen als „Weg-von-Gedanke“ bezeichnet: Ich weiß nicht, wohin ich will. Ich weiß nur, ich will weg. Das sei, wie wenn man in ein Taxi steige und dem Fahrer sage: „Fahren Sie mich nicht zum Bahnhof.“

Diese Orientierungslosigkeit gelte es zunächst aufzubrechen mit Fragen wie „Wohin will ich?“, „Was sind meine Stärken?“, „Will ich wirklich etwas total anderes?“. Letzteres zumindest, der totale Wechsel der beruflichen Tätigkeit, gehe oft schief, warnt der Psychologe. Eine andere Arbeit biete nicht automatisch neue Entwicklungsmöglichkeiten. Zudem tauchten da neue Hindernisse auf. Direkte Konkurrenten im neuen Arbeitsumfeld seien entweder zehn Jahre jünger und dynamischer oder aber gleichaltrig und mit entsprechender Erfahrung und Kontakten ausgestattet.

Die eigenen Stärken nicht wegwerfen

Deshalb müsse man sich die Frage ehrlich beantworten: „Bin ich da überhaupt konkurrenzfähig?“ Rauen rät denn generell auch eher dazu, keinen Schnitt zu tun, sondern die berufliche Aufgabe in Nuancen zu verändern. „Ein radikaler Jobwechsel kann in Einzelfällen funktionieren, meist jedoch klappt das nicht. Die Gefahr ist groß, dass man dann feststellt: Ach du meine Güte, das ist ja noch schlimmer. Es ist besser, sich nach realistischen Alternativen umzusehen“, rät er. Man solle in seinem erlernten Tätigkeitsfeld verbleiben, aber die Inhalte ändern, das Thema verlagern. Und: „Werfen Sie Ihre Stärken nicht weg“, mahnt Rauen.

So wie Willy Cohnen es gemacht hat. Sein japanischer Arbeitgeber Honda bietet den Fach- und Führungskräften systematisch alle vier bis fünf Jahre eine neue Aufgabe an. Sei es im weltweiten Konzernnetz, sei es am angestammten Standort. Zuletzt war Cohnen Leiter Motorsport, nun hat er mit 59 Jahren die Leitung über das Geschäftfsfeld Motorrrad in Europa übernommen. „Als mein Präsident mich fragte, ob ich das machen will, habe ich gesagt: ,Davon habe ich doch keine Ahnung.“ Und er hat geantwortet: „Prima."“Cohnen ist begeistert. „Ich kann meine Managementerfahrung nutzen, muss mich aber mit neuen Inhalten beschäftigen. Die Methode bricht Strukturen im Unternehmen auf und hilft, dass ich im Kopf nicht einroste.“

Siegfried S., Hans S. und Daniel U. haben keine Arbeitgeber, die so denken und handeln. So probiert jeder von ihnen gerade mehr oder weniger intensiv aus, was die Psychologen raten. Siegfried S. hat im Nebenjob in einer kleinen Unternehmensberatung angeheuert und versucht so, neues Selbstvertrauen zu tanken und ein zweites Standbein aufzubauen, das dereinst vielleicht mal zum ersten werden könnte. Hans S. hat sich ein paar Wochen Auszeit genommen und ist in Kur gegangen. Kleine Schritte. Daniel U. hat den größeren Schritt gewagt, sich mit eigener Praxis selbständig gemacht. Nebenbei hat er wieder mit regelmäßigem Sport angefangen. Er ist jetzt jeden zweiten Tag mit dem Fahrrad im Wald. Weil das dem Körper guttut, vor allem aber, weil es dem Geist guttut. „Radfahren für die Seele“ nennt er das.

Text: F.A.Z., 20.01.2007, Nr. 17 / Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak

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