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Gesundheit am Arbeitsplatz

„Arbeitsschutz ist gut für das Geschäft“

Von Alexia Angelopoulou und Thomas Jansen



In Singapur wissen sich Arbeiter zu schützen
25. Juli 2007 
Nicht nur Unternehmen, auch Länder mindern ihre Wettbewerbsfähigkeit, wenn sie sich nicht um den Arbeitsschutz kümmern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und des Hauptverbands der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG). Demnach geht eine niedrige Zahl von tödlichen Arbeitsunfällen mit hoher Wettbewerbsfähigkeit einher. Länder wie die Schweiz mit knapp drei tödlichen Arbeitsunfällen je 100.000 Beschäftigte führten nicht nur die Liste der Staaten mit dem höchsten Stand des Arbeitsschutzes an, sondern gehörten auch zu den wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften, heißt es in der Studie.

"Guter Arbeitsschutz ist stets auch gut fürs Geschäft", bilanziert Gerd Albracht, der bei der ILO den Bereich Arbeitsschutz betreut. Eine britische Untersuchung habe die wirtschaftlichen Vorteile nachgewiesen, die durch die Verbesserung des Arbeitsschutzes entstünden, beispielsweise geringere Fehlzeiten, aber auch Einsparungen infolge der besseren Wartung von Anlagen und der niedrigeren Versicherungsbeiträge. "Auch Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass erfolgreiche Unternehmen den Arbeitsschutz sehr ernst nehmen", bestätigt Walter Eichendorf, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des HVBG. Zudem hat Arbeitsschutz Auswirkungen auf die produzierten Güter. "Die Qualität der Produkte ist weltweit dort am höchsten, wo die Qualität der Arbeitsplätze hoch ist", sagt Albracht.

Vor allem große Firmen kümmern sich


Nicht nur erfolgreiche, sondern vor allem große Unternehmen kümmern sich intensiv um den Arbeitsschutz. Die kleinen und mittleren Unternehmen könnten noch viel mehr tun, urteilt der HVBG. "Ihnen fehlt es oft an einer systematischen Herangehensweise", sagt Eichendorf. Tatsächlich wiesen diese Betriebe meist höhere Unfallquoten auf als Großunternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. Zwar ist der Anteil von gefahrenträchtigeren handwerklichen Tätigkeiten bei kleinen Unternehmen höher; gleichzeitig haben jedoch Stichproben der Berufsgenossenschaften ergeben, dass nur knapp die Hälfte der Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern über eine Analyse der Gefährdung am Arbeitsplatz verfügen.

Dabei verbessern sich nicht nur Daten wie Fehlzeiten, sondern auch die Produktivität, wenn der Arbeitsschutz ernst genommen wird. Als Beispiel führt die ILO Projekte in Mexiko, Brasilien und Südafrika an. Dort halfen Arbeitsinspektoren und Arbeitsschutzexperten den Zulieferern für den Autohersteller Volkswagen (VW), die Sicherheit der Arbeitsplätze und damit auch die Arbeitsabläufe zu verbessern. Der Aufwand sei gering gewesen, die Produktivität aber habe sich wesentlich verbessert. "Im Grunde ist Arbeitsschutz die beste Unternehmensberatung", sagt Eichendorf.

Die Mehrheit der Todesfälle entfällt auf Krankheiten

Dabei werden entsprechende Maßnahmen häufig als reiner Kostenfaktor begriffen. "Gerade dann wird es teuer, wenn Themen wie Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz nicht von Anfang an in alle Prozesse eingeplant werden", sagt Eichendorf. So sei es wesentlich teurer, neue Mitarbeiter anzulernen, als die bestehende Belegschaft fit zu halten. Auch habe eine kanadische Studie gezeigt, dass jeder in den Arbeitsschutz investierte Dollar eine zusätzliche Rendite zwischen 2 und 8 Dollar bringe.

Deutschland steht im internationalen Vergleich mit der Zahl der Verletzten und Todesopfer auf Grund von Arbeitsunfällen recht gut da. 2006 betrug die Zahl der Todesfälle 711. International waren es 2,2 Millionen Menschen, die durch Arbeitsunfälle oder berufsbedingte Erkrankungen ums Leben kamen. Die Zahl der Verletzten lag bei 270 Millionen; in Deutschland waren es mit 950.000 meldepflichtigen Unfällen immerhin noch 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. ILO geht davon aus, dass die Kosten für Arbeitsunfälle 4 Prozent des gesamten Sozialprodukts betragen.

Gefahrenquelle Mensch


Nicht die defekte oder außer Kontrolle geratene Maschine, sondern der Faktor Mensch birgt inzwischen das größte Gefährdungspotential am Arbeitsplatz. Dazu gehört der Mitarbeiter, der aus Nachlässigkeit seine vorgeschriebene Schutzweste nicht trägt, aus Unachtsamkeit auf die Fahrbahn läuft ebenso wie der, der aus Übermut unter einem Kran hantiert. In einigen Berufszweigen werde ein noch effektiverer Arbeitsschutz zudem dadurch erschwert, dass die Missachtung der Sicherheitsvorschriften in bestimmten Kreisen en vogue sei, sagt Anke Siefer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund.

Das Risiko, Opfer eines Arbeitsunfalls zu werden, variiert in den verschiedenen Wirtschaftszweigen. Der Maurer auf der Baustelle lebt erwartungsgemäß gefährlicher als der Bürokaufmann. In der Bauindustrie ist die Quote der meldepflichtigen Arbeitsunfälle am höchsten. Hier ereignen sich bei 1000 Vollzeitbeschäftigten 67 Vorkommnisse dieser Art. In der Holzindustrie sind es 62. Kaum Sorgen machen müssen sich dagegen die Beschäftigten im Gesundheitswesen und in der chemischen Industrie: In diesen Branchen kommen 13 beziehungsweise 15 Unfälle auf 1000 Vollzeitbeschäftigte. Der Durchschnittswert aller Berufszweige liegt bei 28 Unfällen. Die häufigste Unfallart mit Todesfolge ist der Absturz. Fast ein Drittel aller Opfer kommen auf diese Weise ums Leben.

Krankheiten gravierender als Unfälle

Oft nicht berücksichtigt werden Berufskrankheiten. Auf sie entfallen die Mehrheit der Todesfälle, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz stehen. Ihre Zahl ist im Gegensatz zur entsprechenden Zahl bei Arbeitsunfällen und zum generellen Abwärtstrend bei der Verbreitung von Berufskrankheiten stark angestiegen. 2600 Menschen starben 2005 an den Folgen einer Berufskrankheit, 2004 waren es noch 2093. 1986 - im ersten Jahr der Erfassung von Berufskrankheiten mit tödlichen Folgen - zählte die Statistik sogar nur 1596 Fälle.

Text: F.A.Z., 25.07.2007, Nr. 170 / Seite 12
Bildmaterial: ddp, F.A.Z., REUTERS
 
 
   
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