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Karriere bei der EU Brüssel lockt und quält Von Marlene Holzner
Wenn Kai-Uwe Sprenger Vorträge halten soll, dann am liebsten auf Englisch. Mühelos, ohne viel nachzudenken, erzählt der Sachse dann vom "holding register", der richtigen "traceability" und der "breeding association". "In meinem Job läuft fast alles nur auf Englisch", lacht der EU-Beamte, "daher fallen mir die englischen Begriffe oft schneller ein als die deutschen." Der Agraringenieur aus Dresden hat gut lachen, nicht nur, weil ihm seine Arbeit als Experte für die Kennzeichnung von Tieren großen Spaß macht und er schon so manche EU-Richtlinie und Verordnung dazu vorbereitet hat. Der Dreiundvierzigjährige hat sich vor allem schon einen der heißbegehrten EU-Posten gesichert: EU-Beamtenjobs sind nämlich krisensicher, die Aufstiegschancen exzellent und mit einem Einstiegsgehalt von 3700 Euro netto für Akademiker nicht gerade bescheiden bezahlt. Wen wundert es daher, dass viele schon auf die nächste Chance warten, auch so einen Posten zu ergattern. Deutsche haben jetzt im Februar diese Chance. Denn schon am 28. Februar will die EU gleich 235 solcher hochbezahlter Stellen ausschreiben. Bewerben können sich Kommunikationsprofis aus allen 27 Mitgliedsländern. Die Anmeldefrist läuft bis Ende März. "Es ist eine ganz besondere Bewerbungsrunde, weil wir nach vielen Jahren erstmals wieder so viele Jobs für PR-Leute, Journalisten und Pressesprecher ausschreiben", sagt Guy van Biesen, Abteilungsleiter beim Europäischen Amt für Personalauswahl (EPSO), das die Ausschreibungen für alle EU-Institutionen, Parlament, Rat und Kommission, zentral führt. Wirklich spannende Jobs Aber vor allem sind es wirklich spannende Jobs: "Wer diese Auswahlrunde schafft, kann EU-Kommissare oder hohe Beamte beraten, wie sie am besten Krisen managen, sei es eine neue BSE-Krise oder eine politische, als Pressesprecher arbeiten oder Kommunikationsstrategien ausarbeiten", sagt van Biesen. Die Voraussetzungen sind je nach Position verschieden: Wer sich auf die Akademikerstellen für Kommunikationsprofis bewirbt, muss ein Fachstudium in diesem Bereich mitbringen - Kommunikationswissenschaften, Journalismus oder PR - oder einen anderen Uni-Abschluss plus drei Jahre Berufserfahrung in diesen Bereichen. Für die sogenannte Assistentenstellen im Bereich Kommunikation werden Abitur plus drei Jahre Berufserfahrung vorausgesetzt. Zugelassen sind auch Bewerber, die ein Fachdiplom im Bereich Kommunikation erworben haben. Und dann: Bibliothekare und IT-Experten Im März sollen dazu noch rund 40 Stellen für Bibliothekare und mehr als 100 für IT-Experten ausgeschrieben werden. Trotz der vielen Stellen ist es beileibe nicht einfach, einen der begehrten Jobs zu bekommen. Denn die Konkurrenz ist riesig. Wenn die EU ein paar hundert Stellen ausschreibt, bewerben sich gleich Zehntausende. Und so bekommen letztlich auch nur zwischen zwei und fünf Prozent der Bewerber eine Stelle. Die meisten scheitern schon in der ersten Runde des knallharten Auswahlverfahrens, wenn es darum geht, unter extremem Zeitdruck Multiple-Choice-Tests zur EU-Geschichte, zum logischen Denken und zum jeweiligen Fachgebiet zu bewältigen - und das in der gewählten Fremdsprache. Beim letzten großen allgemeinen Concours, wie die Auswahlverfahren im EU-Jargon heißen, mussten mehr als 90 Prozent der Antworten richtig sein, um in die nächste Runde zu kommen. Das schafften von 16000 Bewerbern gerade einmal 630. Dass die Multiple-Choice-Aufgaben jetzt erstmals am PC gelöst werden, macht die Sache auch nicht einfacher: Wer sich nämlich im Internet für den Test anmeldet, wird automatisch auf die Seite der Assessmentcenter geleitet, mit denen die EU einen Vertrag geschlossen hat. Dort kann er sich im vorgegebenen Zeitraum einen Prüfungstermin und ein Assessmentcenter aussuchen, wo er dann den Test am PC macht. "Das wird aller Voraussicht nach im Juni sein", verspricht van Biesen. Wer diese erste Hürde erfolgreich nimmt, wird dann im Herbst zur schriftlichen Prüfung eingeladen - Aufsätze schreiben zu EU-Politik-Bereichen, Geschichte und dem jeweiligen Fachgebiet. Auch keine leichte Übung für die meisten, die die Schulbank schon Jahre hinter sich gelassen haben. Kai-Uwe Sprenger, der EU-Beamte aus Dresden, erinnert sich noch genau, wie nervös er war, als er damals vor vier Jahren in den Brüsseler Messehallen den schriftlichen Test machte, obwohl er zu dieser Zeit schon einen befristeten Job bei der EU-Kommission hatte. "Da hab ich keine reelle Chance", dachte er noch, als er die riesige Halle sah: vor ihm unendlich lange Reihen von Einzeltischen, auf jedem Schreibzeug und ein Briefumschlag für die Testaufgaben. Dann die Ansage per Lautsprecher, zuerst auf Englisch, dann auf Französisch und zuletzt auf Deutsch: "Sie können nun beginnen." Hinter allen Hürden (noch) nicht am Ziel Irgendwie muss der ehemalige Referent des sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft dann doch Mut gefasst haben. Denn er schaffte nicht nur die schriftliche Prüfung, sondern auch noch die mündliche vor einer sechsköpfigen Jury. Sein Lohn für zwei Jahre intensives Büffeln an den Wochenenden und an vielen Feierabenden: ein Platz auf der Reserveliste - aber noch keine Anstellung. Denn eine Jobgarantie ist auch der bestandene Concours nicht. Wer auf der Liste steht, kann eingestellt werden, wenn eine Stelle nachbesetzt wird, etwa weil jemand in Pension geht. Weil die Listen aber im Normalfall nur zwei Jahre Gültigkeit haben, gibt es auch Fälle, in denen erfolgreiche Bewerber letztlich leer ausgegangen sind. Sprenger half natürlich, dass er schon vorher eine befristete Stelle bei der EU hatte. Das war auch beim Concours nicht anders: "Die EU und die ganzen Entscheidungsverfahren waren für mich nichts Abstraktes, das ich aus Büchern lernen musste", sagt Sprenger. Aber auch ohne Brüssel-Erfahrung sind die Prüfungen zu schaffen - viele der rund 3000 Deutschen, die derzeit bei einer der EU-Institutionen arbeiten, haben sich direkt aus Deutschland beworben. Dabei hilft auch das Auswärtige Amt, das seit 2001 eigene Vorbereitungskurse und Coachings anbietet. Mit großem Erfolg, wie die Zahlen belegen: Seit die Kurse angeboten werden, liegt die Erfolgsquote der deutschen Akademiker bei knapp 20 Prozent - und damit um ein Vielfaches höher als der Durchschnittswert von zwei bis fünf Prozent. Beim letzten Concours für Rechnungsprüfer kamen sogar alle vom Auswärtigen Amt gecoachten Teilnehmer durch. Selbst Interessierte, die schon wie Sprenger eine befristete Stelle bei der EU haben oder vielleicht ein Praktikum bei der Kommission absolviert haben, kommen um den ganz normalen, für alle gültigen Concours nicht herum. So bringen die meisten Bewerber auch schon ein paar Jahre Berufserfahrung mit. Nach internen Auswertungen der letzten Concours lag das Durchschnittsalter der Bewerber bei 32 Jahren. Frauen haben übrigens gute Chancen, bei der EU Karriere zu machen. Weil sich die EU-Kommission ein neues, modernes Image geben will, soll die magere Frauenquote - bei Akademikern liegt sie bei rund einem Drittel - deutlich gesteigert werden. Text: F.A.Z., 24.02.2007, Nr. 47 / Seite C4Bildmaterial: Reuters |
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