Von Jan Grossarth
05. Dezember 2008Der taxifahrende Soziologe ist schon seit den siebziger Jahren unterwegs. Auch vom "Dr. Arbeitslos" war in dieser Zeit viel die Rede. Und von der "Akademikerschwemme". Das Wort kam zu Beginn der deutschen Bildungsexpansion auf, vor allem Konservative nutzten es damals. Heute zählt es zu den politisch unkorrekten Tabubegriffen, schließlich gelten Bildungsabschlüsse als Schlüssel zum Aufstieg. Das Thema gehört jedoch weder in die Mottenkiste noch auf eine schwarze Liste: Heute trifft die Inflation der Abschlüsse auch Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, Pädagogen und Architekten - nicht mehr so auffällig wie früher als Arbeitslosigkeit, sondern als massenhafte Überqualifikation.
Zum Beispiel Freerk Schumann, 27 Jahre alt, Diplomvolkswirt, der in München bei einem großen Beratungsunternehmen jährlich rund 50.000 Euro verdient, sich im Studium mit Ökonometrie und höherer Algebra befasste und jetzt sagt, er verbringe seine Arbeitszeit mit einfachen Grundrechenarten vor Exceltabellen. Oder der Jurist, der als Volontär einer kleineren Regionalzeitung im Süden Niedersachsens über dies und das schreibt. Vor Jahrzehnten benötigte man dafür kein Studium, es genügten fehlerfreie Deutschkenntnisse. Oder Felix Wachsmann, der Psychologe ist, in München im Alter von 34 Jahren hier und da jobbt und sehr froh über so einen Volontärsposten wäre. Oder Yuan Chuan aus Bonn, Magistra in Sinologie. Sie spricht fließend Chinesisch, Italienisch, Englisch, als Muttersprache Deutsch, findet aber weder in Deutschland noch in China einen einigermaßen anspruchsvollen, angemessen bezahlten Arbeitsplatz und verdient ihr Geld derweil in einem Callcenter. Die drei Namen lauten in Wahrheit anders, die Fälle sind in ihrer Dramatik kaum vergleichbar. Allesamt aber geben sie einen Eindruck davon, was Überqualifikation bedeutet.
Überqualifikation in Deutschland? Der Leiter der Personalberatung von Access, Arne tom Wörden, bestreitet ihre Existenz vehement. Er nennt als Gegenbeispiele etwa die hohe Nachfrage nach "guten" Controllern und Ingenieuren. Dann aber räumt er ein, in einzelnen Segmenten gebe es das Phänomen wohl doch: Einige Biologen und Geisteswissenschaftler erledigten Arbeiten, "für die muss man nicht studiert haben". Auch in Marketing und Vertrieb komme das vor. Noch ein Beispiel ist die Logistik: "Früher hat eine Speditionskaufmannslehre gereicht, um weit zu kommen." Heute müsse man dazu meist Betriebswirt sein. Auch der Diplomkaufmann mit "durchschnittlichen Studienleistungen" als Sachbearbeiter ist so ein Fall.
Die niedrigen Arbeitslosenzahlen von Akademikern, betonen Arbeitsmarktforscher immer wieder, belegten doch gerade deren Knappheit. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung etwa argumentiert in einem kürzlich veröffentlichten Bericht, dass sich "in der Tat größerer Akademikermangel" andeute. Schließlich liege die Arbeitslosenquote der Hochschulabsolventen mit rund vier Prozent weit unter jener der Nichtstudierten und Ungelernten. In dem Bericht fehlt auch das obligatorische Bedauern darüber nicht, dass nach jahrzehntelangem Anstieg 2006 die Studienanfängerquote leicht zurückging. Der Bericht schließt mit der Forderung einer weiteren "Bildungsexpansion".
Dass einige Abiturienten sich womöglich durchaus vernünftig verhalten, wenn sie das Studium verweigern, liest kaum ein Experte aus den Zahlen. Auch der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut lehnt es strikt ab, von einer "Qualifikationsschwemme" zu sprechen. Wer will schon etwas gegen "Bildung" sagen? Nur wenige Ökonomen nehmen eine andere Sichtweise ein. Professor Ekkehart Schlicht von der Ludwig-Maximilians-Universität München ist einer von ihnen. In einem Forschungspapier untersucht er, wieso Hochqualifizierte vergleichsweise immer besser verdienen, aber auch immer mehr von ihnen offenbar überqualifiziert für ihre Arbeit sind. Nach der klassischen Lehre ist das ein Widerspruch: Ein zu großes Qualifikationsangebot müsste die Akademikergehälter theoretisch sinken lassen. In der Praxis, argumentiert Schlicht, mache die Lohnspreizung aber ein Studium für sehr viele attraktiv. Doch längst nicht alle erzielten später tatsächlich die hohen "Bildungsrenten". So wird das Qualifikationsangebot noch größer, ein Teufelskreis.
Schlicht kommt zu folgender Erklärung: "Angesichts massiv expandierender Bildungssysteme hat sich das Qualifikationsprofil der Arbeitskräfte während der letzten Jahre deutlich verbessert." Dies führe zu einem Verdrängungsprozess von oben nach unten - woraus folge, dass die Arbeitslosigkeit unter Besserqualifizierten konjunkturell und langfristig nur sehr gering schwanke. "Hochschulabsolventen haben jedoch zunehmend nicht ausbildungsadäquate Tätigkeiten akzeptiert und dabei Nichthochschulabsolventen aus diesen Bereichen verdrängt." Brachliegende Qualifikationen seien individuell und volkswirtschaftlich jedoch eine Fehlinvestition.
Empirisch ist Über- oder Fehlqualifizierung kaum messbar. Was bleibt, sind die subjektiven Einschätzungen der Arbeitnehmer selbst. Die Forscher des Hochschul-Informationssystems (HIS) aus Hannover befragen regelmäßig mehrere tausend Berufstätige aller Fachrichtungen danach, ob ein Studium für ihre Tätigkeit erforderlich gewesen ist und ob sie sich ihrer Qualifikation gemäß adäquat beschäftigt sehen. An der letzten Umfrage im vergangenen Jahr nahmen rund 5400 Angestellte teil. Die Unterschiede zwischen den Fachgruppen sind sehr deutlich: Zählt man diejenigen, die sich "inadäquat" oder "nur vertikal adäquat" - also "fachlich nicht adäquat, jedoch von der Hierarchieebene her passend" - beschäftigt sehen, zusammen, so sehen sich 53 Prozent der Magisterabsolventen als fehlqualifiziert, gefolgt von 45 Prozent der Pädagogen und 43 Prozent der Agrar- und Ernährungswissenschaftler. Insgesamt schätzen sich 30 Prozent der Universitätsabsolventen als fehl- oder überqualifiziert ein, unter den Fachhochschulabsolventen sind es sogar 33 Prozent.
Dennoch fordern Bund und Länder nicht erst seit dem Bildungsgipfel, die Akademikerquote müsse von derzeit 21 auf 40 Prozent steigen. Auch die OECD kritisiert die vermeintlich niedrige deutsche Quote, die weit unter dem OECD-Durchschnitt von 37 Prozent liegt. Dabei haben schon 2007 so viele Menschen in Deutschland einen Hochschulabschluss erreicht wie nie zuvor: 286.400 waren es, die Mehrzahl von ihnen weiblich. Die größte Gruppe unter den Absolventen stellten die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von den Geisteswissenschaften. Erst dann folgten die Absolventen der Fachrichtungen Mathematik und Naturwissenschaften, danach die auf dem Arbeitsmarkt so begehrten Ingenieurwissenschaften.
Den Münchner Philosophieprofessor und früheren Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat diese Verteilung zu einer kritischen Bemerkung veranlasst. "Wenn man den Statistiken glauben darf, haben wir in Deutschland einen besonderen Mangel an Ingenieuren und Schlossern (ja: Schlossern). Wir haben dagegen keinen Mangel an Architekten, Juristen, Kommunikationswissenschaftlern und Germanisten", schreibt Nida-Rümelin, sicher kein Marktradikaler, in einem Artikel. Sein Resümee: "Die pauschale Anhebung der Akademikerquote macht in Deutschland weder bildungspolitisch noch volkswirtschaftlich Sinn."
Bei Bildungspolitikern und Lehrerverbänden finden solche Stimmen wenig Gehör, schließlich lebt die Bildungslobby von der wachsenden Akademikerproduktion. Vom Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler, erhält die These immerhin eine vorsichtige Unterstützung. "Natürlich braucht Deutschland hochqualifizierte Akademiker", sagt er. "Ebenso notwendig brauchen wir aber auch beruflich qualifizierte Eliten." Der Handwerkschef fordert deshalb die Stärkung des dualen Bildungssystems, das die Ausbildung im Betrieb und die Theorie in der Berufsschule kombiniert. "Dass dieser Weg einen höheren Praxisanteil einschließt, ist durchaus ein Vorteil."
Ob sich denn ein Studium überhaupt noch lohne, fragen sich die Nutzer eines Internetforums zum Thema in einigen hundert Beiträgen. Einer, der sich selbst als Mathematiker bezeichnet, schreibt, er kenne in seiner Abteilung "keinen Informatiker, Mathematiker, Physiker, der höhere Mathematik braucht". Der Nächste vermutet, bald werde es in Deutschland so sein wie in Schweden, wo manche Handwerker das Doppelte eines Lehrergehaltes verdienten. Dort studiert schon mehr als die Hälfte eines Jahrgangs.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Cyprian Koscielniak