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Arbeitsmarkt Europa Immer den Fachkräften nach Von Uta Bittner und Joachim Herr
In Deutschlands wachsender Informationstechnik-Branche sticht seit Monaten ein Klageruf laut hervor: Es fehlt an IT-Fachkräften!“, ertönt es überall. 43 000 offene Stellen warten darauf, besetzt zu werden. Gefragt sind vor allem Informationstechnik-Spezialisten mit Hochschulabschluss. Aber auch in den Anwendungsbranchen wie der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau fehlt es an allen Ecken und Enden an passendem IT-Personal. Hier sind viele IT-Nachwuchskräfte mit Ausbildungsabschlüssen gefragt“, beschreibt August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchenverbands Bitkom, die Lage. Und die scheint bedrohlich. Mittlerweile entpuppt sich der Fachkräftemangel als Wachstumsbremse. Besonders stark betroffen sind kleine und mittelständische IT-Unternehmen, die der Personalnotstand in ihrer Existenz bedroht: Ihnen bricht wichtiges Geschäft weg, wenn sie nicht die nötigen Mitarbeiter finden, die die Aufträge abarbeiten. Kein Wunder also, dass es deutsche Informationstechnik-Unternehmen immer stärker nach Osteuropa zieht. Der Grund: Märkte wie Bulgarien, Rumänien, Polen, aber auch Tschechien, die baltischen Staaten und Russland verheißen große Wachstumspotentiale. Und was ebenso wichtig ist: Gut ausgebildete IT-Arbeitskräfte scheint es dort wie Sand am Meer zu geben. Zweistellige Wachstumsraten Allein für den Markt mit Unternehmenssoftware (Softwarelizenzen und Wartung) sagen Marktforscher jährliche Wachstumsraten beispielsweise in der Tschechischen Republik von rund 12 Prozent, in Polen sogar von fast 17 Prozent voraus. Das nutzen viele deutsche IT-Unternehmen, denn in Osteuropa hat die Marke Made in Germany“ große Zugkraft. So heißt es zum Beispiel für den IT-Dienstleister Materna seit Ende 2006: Go East!“ Zunächst streckte das Dortmunder Unternehmen seine Fühler in Bulgarien aus, eröffnete dort einen Standort. Kaum drei Monate später übernahm Materna dann in Tschechien einen lokalen Dienstleister. Damit nicht genug: Es folgte eine Mehrheitsbeteiligung in Rumänien und im Winter 2007 ein weiterer Standort in Slowenien. Das Expansionstempo ist beachtlich. Das Leistungsangebot in diesen Märkten ist dem in Deutschland sehr ähnlich“, sagt Martin Köpke, der die Osteuropa-Aktivitäten von Materna im Geschäftsbereich Information verantwortet. Bisher macht Materna 15 Prozent seines Umsatzes im Ausland.“ Tendenz steigend. Auch in Estland, Lettland und Litauen läuft schon die Vertriebsmaschine. Derzeit sind rund 30 Materna-Mitarbeiter in Osteuropa tätig. Die Zahl soll sich in den nächsten zwei Jahren verdoppeln. Ob das gelingt? Der Fachkräftemangel ist nach unseren Feststellungen nicht so ausgeprägt wie in Deutschland“, sagt Köpke. Gleichwohl ist es auch dort nicht so einfach, geeignete Mitarbeiter zu finden.“ Einen Fachkräfteengpass spürt die Itelligence AG aus Bielefeld. Auch in den osteuropäischen Ländern herrscht akuter IT-Kräftemangel, auch wenn die Gründe von Land zu Land unterschiedlich sind“, sagt Christian Motovsky, zuständig für das Itelligence-Geschäft in Zentral- und Osteuropa. Das mittelständische Unternehmen hat sich vor allem auf IT-Dienstleistungen rund um die Produkte des deutschen Softwarekonzerns SAP spezialisiert. Seit mehr als zehn Jahren ist Itelligence in Ungarn, der Slowakei, Tschechien, Polen, Slowenien und der Ukraine tätig. Vor sieben Jahren kam Russland hinzu. Im vergangenen Jahr arbeiteten etwa 200 der insgesamt gut 1070 Mitarbeiter für Itelligence in den östlichen Regionen. Und die Chancen für SAP-Berater stehen gut: In Abhängigkeit von der Marktentwicklung in den Schlüsselländern Polen, Tschechien und Russland könnte die Mitarbeiterzahl in den nächsten ein bis zwei Jahren auf 250 bis 300 steigen“, sagt Motovsky. Das Zauberwort heißt könnte Das Zauberwort heißt könnte“. Denn die passenden Mitarbeiter müssen erst einmal gefunden und rekrutiert werden. Und die Ansprüche sind nicht niedriger als in Deutschland: Fachliche Qualifikation, am liebsten ein Hochschulstudium der Betriebswirtschaft, der Ingenieurwissenschaften oder der Informatik, sind genau so gefragt wie eine möglichst langjährige Praxiserfahrung. Dazu noch sehr gute Sprachkenntnisse in Englisch beziehungsweise Deutsch, zählt Motovsky auf. Wer diese Anforderungen erfüllt, der sucht jedoch schon längst nicht mehr in seinem Heimatmarkt nach einem Job. Das spüren auch die Niederlassungen der Deutschen: In Polen wird einem Job im europäischen Ausland – zum Beispiel in Großbritannien, Irland – oder in den Vereinigten Staaten der Vorzug gegeben“, sagt der Itelligence-Manager. Ähnlich sehe die Personallage in Russland und der Ukraine aus. Und es gibt noch ein weiteres Problem: Selbst wenn die passenden Mitarbeiter gefunden wurden, heißt das noch lange nicht, dass die Unternehmen am Ziel sind. Oftmals seien die Fachkräfte sehr wechselfreudig, die Loyalität zum Arbeitgeber niedrig. So läuft häufig schon nach kurzer Zeit die Rekrutierungsmaschine von neuem an. Doch eine Alternative haben die meisten Anbieter nicht. Denn lokale Präsenz vor Ort, daran führt vor allem im IT-Geschäft heutzutage kein Weg mehr vorbei. Auch in dem Berliner Unternehmen PSI AG soll bis zum Jahr 2010 die Hälfte des Umsatzes aus dem Ausland kommen, der größte Teil aus Osteuropa. Schon heute zählt der etwa 1000 Mitarbeiter starke Softwarehersteller, mit dessen Programmen Pipelines gesteuert werden, Unternehmen wie Gasprom oder Lukoil zu seinen Kunden. In Moskau haben die Berliner seit etwas mehr als einem Jahr eine Repräsentanz. In Polen hat PSI 2004 eine Tochtergesellschaft gegründet, in der derzeit 24 Mitarbeiter arbeiten, alles fast ausschließlich hochqualifizierte Ingenieure und Informatiker. Geplant ist hier eine Personalaufstockung auf etwa 50 Mitarbeiter“, sagt PSI-Personalleiter Michael Christen. Dabei werde von den IT-Spezialisten in Osteuropa dasselbe Qualifikationsniveau erwartet wie von ihren Kollegen in Deutschland: Die Belegschaft von PSI besteht zu drei Vierteln aus Hochschul- oder Fachhochschulabsolventen. Mit eigenem Personal ist auch der Münchner Softwarehersteller Soft M Software und Beratung AG in Tschechien und Polen vertreten. In Pilsen unterhält Soft M seit 2000 einen Entwicklungsstandort. Das Unternehmen pflegt mit seinen 420 Mitarbeitern, von denen rund fünf Prozent in Osteuropa arbeiten, einen regen Personalaustausch: Die tschechischen Kollegen arbeiten auch in deutschen Projekten mit, die polnischen sind an Projekten deutscher Firmen in Polen beteiligt“, sagt Brigitte Schaffer, Personalleiterin von Soft M. Das setzt eines voraus: Alle sprechen Deutsch.“ Abseits der großen Hauptstädte Osteuropas scheint der Fachkräftemangel noch nicht so gravierend zu sein: In Pilsen zum Beispiel ist es wesentlich leichter, qualifizierte Softwareentwickler zu finden, als bei uns“, sagt Schaffer. Doch der Druck wächst: Es wird schwerer, die richtigen Kräfte zu finden. Exzellente Fachkräfte werden mit guten Löhnen geködert Auch Ernst Homolka, Vorstandssprecher der Münchner Nemetschek AG, stellt einen harten Wettbewerb um die besten Köpfe fest. In Budapest konkurriert die Tochtergesellschaft Graphisoft mit SAP und Microsoft, die sich auch dort niedergelassen haben. Exzellente Fachkräfte werden mit guten Löhnen geködert“, berichtet Homolka. Auch in der Slowakei hat es das Unternehmen schwer: In Bratislava ist Nemetschek seit 1992 tätig und beschäftigt dort mehr als 60 Mitarbeiter. Aber auch Volkswagen besitzt in der slowakischen Hauptstadt ein großes Entwicklungszentrum. Billige Standorte sind Ungarn und die Slowakei nicht mehr“, sagt Homolka und beziffert den Lohnunterschied im Vergleich mit Deutschland auf weniger als 10 Prozent. Um die Mitarbeiter im eigenen Unternehmen zu halten, bietet Nemetschek unter anderem Programme zur Weiterbildung an und Perspektiven für einen Aufstieg. Die Fluktuation in Osteuropa, wo das Unternehmen in Ungarn, der Slowakei und in der Tschechischen Republik rund 300 Mitarbeiter beschäftigt, betrage wie in den anderen Ländern 5 bis 7 Prozent, berichtet der Vorstandssprecher. Im Fall des Tochterunternehmens Graphisoft, das Neme-tschek erst im vergangenen Jahr mit mehr als 100 Entwicklern übernommen hat, kommt Homolka noch ein emotionaler Aspekt zugute: Für Graphisoft zu arbeiten gehört für die Ungarn zum Nationalstolz.“ Text: F.A.Z.Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak
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