Von Thilo Schäfer
29. Januar 2007Die Stellenanzeige in einem deutschsprachigen Magazin an der Costa Blanca klingt verlockend: "Arbeiten, wo andere Urlaub machen". Wer hat nach einem guten Essen und ein paar Gläsern Wein am warmen Mittelmeerstrand nicht schon mal mit dem Gedanken gespielt, einen Neubeginn in Spanien zu wagen. In der Tat zieht es Jahr für Jahr Tausende von Ausreisewilligen in das liebste Urlaubsland der Deutschen. Offiziell haben sich 75.000 Bundesbürger in dem Staat hinter den Pyrenäen niedergelassen.
Die hohe Lebensqualität ist meist der ausschlaggebende Faktor. Die Mischung aus Sonne rund ums Jahr, faszinierenden Landschaften und Kulturdenkmälern sowie die lockere Lebensart der Iberer üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf regenverdrossene Nordeuropäer aus. Nicht umsonst liegt die Lebensqualität für Führungskräfte bei der Bewertung der Standortfaktoren seit Jahren an erster Stelle, wie eine Umfrage der Handelskammer unter den in Spanien ansässigen deutschen Firmen zeigt. Die Mehrheit der Nordeuropäer zieht es an die Mittelmeerküste, die Balearen und die Kanarischen Inseln. Jobs in der Gastronomie, im Handwerk und in der Tourismusbranche sind die offensichtliche Wahl. Wer sich im Süden als selbständiger Schreiner, Wirt oder Einzelhändler versuchen möchte, sollte sich jedoch nicht der Illusion hingeben, ein einfaches Leben vorzufinden. Denn der Wettbewerb ist vielerorts knallhart. Doch auch abseits der Ferienregionen bieten sich für Ausländer gute Berufschancen, allen voran in den beiden vibrierenden Metropolen Madrid und Barcelona.
Denn Spaniens Wirtschaft boomt seit einigen Jahren mit Wachstumsraten von drei bis vier Prozent. Lag die Arbeitslosigkeit Mitte der neunziger Jahre noch bei mehr als 20 Prozent, so hat sich die Quote nun bei acht Prozent eingependelt, und das, obwohl die Zahl der Erwerbstätigen durch den massiven Zuzug von Einwanderern und einen steigenden Anteil berufstätiger Frauen deutlich gewachsen ist.
Der Boom wird zwar zum guten Teil von der ungezügelten Konsumlaune der Spanier und einer gar atemberaubenden Bautätigkeit gestützt. Doch Spanien ist auch ein wichtiger Standort für internationale Unternehmen geworden, während viele der heimischen Großkonzerne, wie etwa die Banken Santander und BBVA oder der Telekomriese Telefónica, mittlerweile zu den führenden Akteuren auf der internationalen Bühne zählen. Neben Handwerksberufen im Baugewerbe werden nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit vornehmlich IT-Experten, Naturwissenschaftler und Ingenieure gesucht.
EU-Bürger benötigen in Spanien keine Arbeitserlaubnis mehr. Es besteht jedoch Meldepflicht bei der örtlichen Gemeinde. Auch wenn es nicht verpflichtend ist, empfiehlt es sich auf jeden Fall, den Anwohnerausweis, die tarjeta de residente, zu beantragen. Die Plastikkarte gleicht dem spanischen Personalausweis und macht einem das Leben bei vielen Anträgen leichter, von der Kontoeröffnung bis zur Reservierung von Hotels oder Mietwagen. Für einige Berufe, wie Mediziner oder Lehrer, ist eine Anerkennung des Ausbildungsabschlusses erforderlich.
Ohne solide Spanischkenntnisse bekommt man außerhalb der deutschen Hochburgen am Meer kein Bein auf den Boden. Spanier tun sich mit Fremdsprachen immer noch sehr schwer, trotz vieler Lippenbekenntnisse der Bildungspolitiker in den letzten Jahren. Das Sprachproblem der Einheimischen wiederum kann für Deutsche, die neben Spanisch auch noch ein passables Englisch sprechen, ein nicht zu verachtender Wettbewerbsvorteil sein. In Katalonien sollte man sich zudem mit der katalanischen Sprache vertraut machen. Zwar kann man sich in Barcelona und der umliegenden Region auch auf Spanisch, sprich "castellano", verständlich machen. Wer aber zumindest ein paar Brocken Katalanisch spricht, erntet hier Sympathiepunkte.
Die Arbeitsmentalität der Iberer stellt Deutsche anfangs oft auf eine harte Geduldsprobe. "In Spanien braucht man keinen Terminkalender. In Deutschland ist man gewohnt, alles vier, fünf Wochen im Voraus zu planen. Hier ist alles viel kurzfristiger", sagt Georg Abegg, Partner der Anwaltskanzlei Rödl & Partner in Madrid. "Es wird viel mehr improvisiert. Bei einem Projekt entfallen hier 20 Prozent auf Planung und 80 Prozent auf Improvisation. In Deutschland ist es genau umgekehrt", erklärt Abegg.
Der Arbeitsmarkt leidet unter strukturellen Mängeln. Langzeitbeschäftigte erfreuen sich eines hohen Kündigungsschutzes. Doch die Kehrseite ist der anhaltende Missbrauch zeitlich befristeter Verträge. Ein Drittel aller Erwerbstätigen wird mit Zeitverträgen abgespeist. Selbst gutqualifizierte Fachkräfte müssen sich oftmals mit Drei- oder Sechs-MonatsVerträgen abfinden, vor allem am Anfang ihrer Karriere. Die Gehälter fallen für Berufseinsteiger und Angestellte auf der unteren und mittleren Ebene in der Regel geringer aus als hierzulande. Höhere Positionen und Spezialisten werden dagegen gut bezahlt. Die Steuerlast ist besonders für niedrige und mittlere Einkommen geringer als in der Bundesrepublik. Alle Stellen sind sozialversicherungspflichtig. Auch Freiberufler müssen in die "seguridad social" einzahlen. Die Lebenshaltungskosten sind vielerorts günstiger als in der Heimat. Doch in Großstädten wie Madrid und Barcelona haben die Preise in den vergangenen Jahren kräftig angezogen.
Wer bei einem Unternehmen in Spanien anheuert, sollte sich auf für deutsche Verhältnisse lange Arbeitszeiten gefasst machen. Mit einem Zehn-Stunden-Tag ist man oft noch gut bedient. Diese Arbeitszeiten machen es berufstätigen Eltern nicht leicht. Hinzu kommt, dass Halbtagsstellen weit weniger verbreitet sind als in Deutschland. Ein Grund für die langen Tage ist die ausgedehnte Mittagspause, die in vielen Unternehmen rund zwei Stunden beträgt. "Ich könnte natürlich während der Mittagspause im Büro durcharbeiten. Aber das wird von niemandem honoriert, und ich komme deswegen abends auch nicht früher weg. Also nutze ich die Zeit lieber für mich", erzählt ein amerikanischer Angestellter eines spanischen Großkonzerns. Spanier nehmen sich halt Zeit für ein gutes Essen. "Das Mittagessen ist für das Berufsleben eine sehr wichtige Sache", rät Anwalt Abegg. Statt über die verlorene Arbeitszeit zu klagen, sollte man sich daher lieber den Kollegen beim ausgiebigen Schmaus anschließen. Denn es ist ja gerade dieser Lebensstil, der den Wechsel nach Spanien so attraktiv macht.
Text: F.A.Z., 27.01.2007, Nr. 23 / Seite C4
Bildmaterial: F.A.Z., Wolfgang Eilmes