25. Mai 2007 Wenn Heinrich Traublinger erklären will, warum der Unternehmergeist nur als laues Lüftchen durch Deutschland weht, dann hält er sich an Winston Churchill. Der hat einmal gesagt: "Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht." Gerade in Deutschland seien das viel zu wenige, findet Traublinger. Deshalb sieht der 63 Jahre alte Präsident der Handwerkskammer München und Oberbayern es als seine Mission, vor allem der Jugend das Unternehmertum schmackhaft zu machen. Traublinger sitzt seit 1986 für die CSU im Bayerischen Landtag. Er ist schon lange Jahre eher Funktionär als Unternehmer. Was es heißt, einen Betrieb zu führen und auszubauen, weiß er trotzdem. Der Bäcker- und Konditormeister trat Ende der sechziger Jahre in die elterliche Bäckerei in München ein. Wenige Jahre später baute er den Betrieb neu auf und expandierte, 1999 verlagerte er das Familienunternehmen aus Kapazitätsgründen ein weiteres Mal. "Ein handwerklicher Unternehmer tritt in der Regel als haftender Unternehmer auf", sagt Traublinger. "Und wer mit seinem Vermögen dabei ist, ist auch mit dem Herzen dabei."
Ein Herzenswunsch ist es aber nur wenigen Deutschen, Unternehmer zu werden. Obwohl im Web-2.0-Rausch viel von erfolgreichen Hightech-Gründungen die Rede ist, manche eine neue Gründungswelle ausrufen und Risikokapitalgeber sich aus der Deckung trauen - in der breiten Masse bleiben die Deutschen Gründungsmuffel. Der Global Entrepreneurship Monitor zeichnet ein jämmerliches Bild: Mitte 2006 haben nur knapp 3 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren versucht, ein Unternehmen zu gründen. Das bedeutet Rang 34 unter 42 Ländern. Und: Drei von zehn dieser werdenden Unternehmer nennen als stärkstes Motiv für den Schritt in die Selbständigkeit die Angst vor Arbeitslosigkeit. In anderen ähnlich entwickelten Staaten spielt dieses Motiv nur für jeden zehnten Gründer eine Rolle. Weitere Ergebnisse: Die Deutschen fürchten sich besonders heftig vor dem Scheitern und sind besonders pessimistisch, was die Erfolgsaussichten einer Gründung angeht.
Es überwiegt die Angst
Michael Frese, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Gießen und der London School of Economics, hat schnell ein Beispiel parat, um zu belegen, dass Deutschland kein unternehmerisches Land ist. "Wenn ich hier eine Lehrveranstaltung über das Unternehmertum anbiete, kommen ein paar Studenten. Wenn ich das irgendwo anders auf der Welt tue, kommen Hunderte." Unternehmer zu werden, das sei kein Thema, für das sich die Menschen hierzulande richtig interessierten. Es überwiege die Angst, dass Unternehmersein ziemlich gefährlich ist. "Die Deutschen haben aber noch nicht verstanden, dass angestellt zu sein auch Risiken beinhaltet", sagt Frese und spricht von Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzverlust oder unerwünschten Versetzungen. "Sie sehen das zwar alles", fügt er hinzu, "betrachten die Selbständigkeit aber nicht als Alternative." Das war nicht immer so. Nach dem Krieg sei jeder Dritte Unternehmer oder selbständig gewesen, aus der Not heraus. Unternehmertum tut einer Volkswirtschaft gut. "Eine nicht unternehmerische Gesellschaft", sagt Frese, "nimmt Chancen nicht wahr und trottet bloß hinterher."
Für das vergangene Jahr rechnete die Creditreform Wirtschaftsforschung mit 905 600 Unternehmensgründungen, etwas weniger als 2005. Gleichzeitig wurden 700 500 Betriebe wieder abgemeldet. Die Zahl der neu angemeldeten Unternehmen, die wirklich wirtschaftlich aktiv sind, gab die Creditreform mit 152 700 an. Die KfW Bankengruppe rechnet etwas anders, kommt aber zu einem in der Tendenz ähnlichen Ergebnis. Aus dem Gründungsmonitor 2006 geht hervor, dass sich 2005 knapp 1,4 Millionen Menschen im Voll- oder Nebenerwerb selbständig gemacht haben, rund 40 000 weniger als im Jahr zuvor. Auch nach neuesten Zahlen des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung sank die Zahl der Existenzgründungen 2006 um fünf Prozent auf den niedrigsten Stand seit der Jahrtausendwende. Das wird wohl zunächst so bleiben, denn der Aufschwung führt nicht dazu, dass unternehmenslustige Gründer ihre Stunde gekommen sehen. Er sorgt vielmehr für jede Menge begehrte Angestelltenjobs.
Rahmenbedingungen für Gründer gar nicht schlecht
Dabei sind laut Entrepreneurship Monitor die Rahmenbedingungen für Gründer hierzulande gar nicht so schlecht. Gute Noten gab es für die Infrastruktur, den Schutz geistigen Eigentums und die Förderinfrastruktur. Woran es aber mangelt, sind die passenden gesellschaftlichen Werte und eine gründungsbezogene Ausbildung. "Im internationalen Vergleich zeichnet sich die deutsche Gesellschaft durch geringe Risikobereitschaft, geringen Optimismus und eine wenig positive Sicht von Unternehmertum aus", heißt es auch im KfW-Bericht. Das würde Traublinger unterschreiben. "Wir bilden nicht aus für die unternehmerische Tätigkeit." Hinzu komme "etwas Mentales", dass zum Beispiel der Unternehmer, der es im ersten Anlauf nicht schafft, gleich als gescheitert gilt, während ihm in Amerika Respekt entgegengebracht wird - immerhin hat er es versucht. Traublinger setzt darauf, schon Schülern Lust auf das Unternehmertum zu machen, mit Schülerunternehmen zum Beispiel. "Die Karriere im eigenen Unternehmen bedeutet eine einmalige Chance, einen Traum zu verwirklichen."
Dass der Unternehmergeist früh gesät werden muss, weiß auch Peter Schäfer. Er leitet die Initiative für Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge (Ifex) des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums. Auf dem Besuchertisch in Schäfers Büro im Stuttgarter Haus der Wirtschaft steht eine kleine Skulptur - der European Enterprise Award. Die Ifex, gegründet, um das Gründerklima und die Informationstransparenz im Ländle zu verbessern, hat ihn vergangenes Jahr für ihre Arbeit als unternehmerischer Wegbereiter gewonnen. Die Initiative koordiniert als zentrale Stelle die vielen Gründungshelfer in Baden-Württemberg. Sie weist Wege durch den Förderdschungel, in dem sich so mancher Unternehmer zu verlieren droht. Ein preiswürdiges Modell, fand die Europäische Kommission. Zusätzlich kann die Ifex ausgesuchte Programme, etwa von Kammern oder Verbänden, fördern und Mittel verteilen, zum Beispiel, um den Gründungseifer an Hochschulen zu stärken.
Kann man das lernen?
Eigentlich sollen künftige Unternehmer sich gleich an die Partner vor Ort wenden. Trotzdem sitzen jede Woche zwei bis drei Gründer in Schäfers Büro. "Der eine will einen Senkrechtstarter bauen, der andere einen Hausmeisterservice aufmachen." Schäfer hört zu, fragt nach und vermittelt sie an den jeweils passenden der 1400 Kooperationspartner - oft zunächst an eine "One-Stop-Agency", die Gründern mit den verschiedensten Anfangsproblemen hilft und sie danach an Spezialisten weiterleitet. Am meisten treibt die angehenden Unternehmer die Frage um, wie sie an Kunden kommen - und an Geld. Oft haben sie bei ihrer Hausbank schon einen Korb bekommen. Den wichtigsten Rat, den Schäfer geben kann, ist der, flexibel zu sein und auf Kundenwünsche wirklich einzugehen. "Viele Gründer sind nicht in der Lage, den Kundenbedarf so aufzunehmen, dass daraus ein Angebot wird. Sie müssen mitkriegen, wofür ein Kunde bereit ist zu zahlen."
Fragt man den Organisationspsychologen Frese, was einen Unternehmer auszeichnet, dann spricht er davon, dass unternehmerische Menschen am liebsten selbst entscheiden, gerne mit neuen Ideen arbeiten, risikoorientiert sind, sich gegenüber der Konkurrenz robust verhalten und Eigeninitiative zeigen. Kann man das lernen? "Meine Vermutung ist, dass man alles lernen kann", sagt Frese, "es wird dem einen aber schwerer fallen als dem anderen. Ich kann mein Verhalten ändern, aber nicht meine Persönlichkeit." Für den Wissenschaftler liegt die Essenz des Unternehmertums in der Wahrnehmung und Umsetzung von Chancen auf dem Markt. "Die Deutschen denken aber nicht in Marktchancen", sagt er. Hoffnung gibt es trotzdem, denn sie können, meint Frese, trotz aller Defizite eines wirklich gut: "Wenn sie zum Unternehmertum kommen, dann aus einer bestimmten Sache heraus, die sie vorantreiben wollen." Und noch etwas steht auf der Haben-Seite. Weil die Deutschen sich so sehr vor den Gefahren des Unternehmertums fürchten und jede Unsicherheit am liebsten vermeiden wollen, sind sie Weltmeister darin, sich gegen Widrigkeiten zu wappnen. Sie sind ganz große Planer. Und das ist eine ziemlich gute unternehmerische Eigenschaft. Frese sagt: "Wenn sie sich erst einmal durchgerungen haben, dann sind sie als Unternehmer gar nicht so schlecht."
Bessere Konjunktur, weniger Gründer
-2006 gab es in Deutschland laut Institut für Mittelstandsforschung rund 471.000 Existenzgründungen. Gleichzeitig wurden 431.000 Betriebe aufgelöst.
-Damit ging die Zahl der Gründungen im vergangenen Jahr um fünf Prozent zurück. Auch der Gründungssaldo, also die Differenz zwischen Gründungen und Geschäftsaufgaben, verringerte sich - um 14.000 auf 40.500.
-Die Forscher begründen den Rückgang damit, dass die Rahmenbedingungen für Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus verändert wurden. So wurden Existenzgründungszuschuss und Überbrückungsgeld zur Jahresmitte 2006 abgeschafft, der als Ersatz gedachte Gründungszuschuss wurde weniger in Anspruch genommen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak