Von Ralf Nöcker
31. Dezember 2006 Vielleicht ist die ZIA das Modell der Zukunft. In der Zentralen Intelligenz Agentur, einem Berliner Unternehmen ohne feste Angestellte und ohne Bürogebäude, arbeiten Journalisten, Grafikdesigner und Internetspezialisten zusammen. Das virtuelle Unternehmen arbeitet zum einen auf Projektbasis für Kunden wie BMW, zum anderen aber an der Verwirklichung eigener Ideen und Veranstaltungen.
Jeweils für ein Projekt stellt ein Projektleiter Teams zusammen, die über das Internet zusammenarbeiten. Der Projektleiter handelt die Verteilung der Aufgaben und der Einkünfte zu Beginn des Projekts mit den Beteiligten aus. Zugegeben: Das Ganze findet in Berlin und damit in einem sehr speziellen Biotop statt und in einem Branchenumfeld, das derartige Modelle begünstigt. Und nicht jeder kommt mit diesem wackeligen Geschäftsmodell zurecht. Fest steht aber: Die ZIA steht für eine Arbeitswelt, die sich ganz erheblich wandelt.
Das Ende der Routine
Und das hat zum großen Teil mit der Informationstechnik zu tun. Es sind vor allem Computer und das Internet, die die Arbeitswelt noch wesentlich dramatischer verändern werden, als sie das ohnehin schon tun. Sämtliche Tätigkeiten, die sich wiederholen lassen, werden über kurz oder lang an Maschinen delegiert oder ins Ausland verlagert, ist Peter Wippermann, Chef des Hamburger Trendbüros überzeugt.
Und nicht nur er. Auch aus den amerikanischen Elitehochschulen Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology kommen ähnliche Vorhersagen. Arbeit für Mitarbeiter entsteht in Industrieländern danach nur noch außerhalb von Routine - zu sehen etwa auf dem Apple I-Pod: Designed in California, made in China. Das bedeutet zunächst, daß der Bedarf nach Kreativen in den heute als Industrieländer bezeichneten Regionen dramatisch wachsen wird, wie etwa auch der amerikanische Soziologe Richard Florida postuliert.
Werden Kapazitäten frei oder gestrichen?
Denn vor allem kreative Wissensarbeiter haben mit Routine wenig am Hut und sind daher nicht ersetzbar. Während der Bedarf an kreativen Wissensarbeitern dramatisch ansteigen wird, wie Wippermann prognostiziert, geht er auch in Berufsbildern dramatisch zurück, die sich derzeit noch in Sicherheit wiegen: Auch für Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater ist Routine nur auf den ersten Blick ein Fremdwort.
Daß im Dienstleistungssektor die Jobs entstehen, die in anderen Sektoren wegfallen, erweist sich also als Ammenmärchen. Denn gerade hier greife die Automatisierung noch schneller als in der Industrie, betont der Philosoph Frithjof Bergmann.
Personalexperte Christian Scholz, Professor an der Universität Saarbrücken, sieht diese Vorhersagen kritisch: Wenn Routinetätigkeiten ausgelagert werden, um sich auf Bereiche mit strategischen Wettbewerbsvorteilen zu konzentrieren, ist alles wunderbar. Aber passiert das auch? Haben nämlich Controller das Sagen, werden die freiwerdenden Kapazitäten schlicht gestrichen.
Das Ende der Festanstellung
Beispiel Personalabteilungen: Auch dort führt das Outsourcing von Routineaufgaben wie Gehaltsabrechnungen häufig nicht dazu, daß die verbliebenen Personaler sich auf strategische Aufgaben konzentrieren können. Es führt vielmehr dazu, daß Personalabteilungen verschwinden.
Das Verschwinden von Routinetätigkeiten hat schwerwiegende Konsequenzen. Es bedeutet etwa, daß Arbeit in Zukunft typischerweise Projektarbeit sein wird. Damit wird die pauschale Entlohnung von Arbeitszeit zum Auslaufmodell. Wenn man es überwiegend mit Wissensarbeit zu tun hat, ist ein über Stundenzahlen geregeltes Arbeitspensum ein Anachronismus, der in erster Linie das Kontrollbedürfnis der Vorgesetzten bedient, sagt ZIA-Mitgründer und Buchautor Holm Friebe.
Die Arbeit von Kreativen und Wissensarbeitern zeichnet sich durch wenig strukturierte Prozesse und unsichere Resultate aus - und paßt somit nicht in die herkömmlichen Arbeitszeitmodelle.
Unsere Kinder, die Multitalente
Und auch nicht in herkömmliche Karrierepfade: Menschen werden für ein Projekt bezahlt, müssen sich privat weiterqualifizieren und Folgeaufträge akquirieren, beschreibt Trendforscher Wippermann die neue Arbeitswelt. Das bedeute im Klartext: Jeder ist seines Glückes Schmied, die umsorgende Organisation verliert an Bedeutung. Die Individualisierung erreicht nun auch die Arbeitswelt.
Das in Frankfurt ansässige Zukunftsinstitut sieht das ähnlich. Nach den Voraussagen des Instituts wird sich der Anteil der Selbständigen in den kommenden Jahrzehnten auf 20 bis 25 Prozent mehr als verdoppeln. Von den Nichtselbständigen werden danach etwa 40 Prozent Werkverträge oder befristete Arbeitsverträge haben. Nur 30 bis 40 Prozent verfügen über herkömmliche unbefristete Arbeitsverträge, hiervon entfallen 15 Prozent auf den Staatsdienst.
Wir - oder unsere Kinder - werden in Zukunft drei, vier, fünf verschiedene Berufe in unserem Leben ausüben, wir werden zwischen verschiedenen Erwerbsformen wechseln, sagt Trendforscher Matthias Horx voraus. Die guten Leute würden künftig als Selbst-Unternehmer in Netzwerken à la ZIA arbeiten, anstatt sich an eine große Organisation zu verkaufen.
Arbeitskraft on demand
Auch hier meldet Personalprofessor Scholz Zweifel an: Prognosen dieser Art gibt es schon seit 15 Jahren. Passiert ist wenig. Und das aus einem einfachen Grund: Die Leute wollen es nicht. Was Trendforscher gerne ignorierten, sei die Frage nach der Akzeptanz eines Trends unter den Betroffenen. Dominiere die Ablehnung, schwäche sich der Trend zwangsläufig ab. Trendforscher argumentieren sachrational. Menschen aber sind emotional.
Und die vorherrschende Emotion in Zusammenhang mit der neuen virtuellen Arbeitswelt mit ihren schwachen Bindungen zwischen Unternehmen und Mitarbeiter sei Verunsicherung. Auch Horx räumt ein, daß wir die richtigen Kulturkompetenzen hierfür nicht haben. Ähnliche Schwierigkeiten seien beim Trend zu flexibleren Arbeitszeiten zu erwarten, prognostiziert Scholz: Die Unternehmen wollen ,Arbeitskraft on demand‘.
Die Mitarbeiter wollen ,Freizeit on demand‘. Beides fällt in der Regel nicht zusammen. Auch hier dürfte der Widerstand den Trend schwächen. Und daß es künftig tatsächlich ausschließlich oder überwiegend Selbst-Unternehmer geben wird, bezweifelt auch Management-Denker und Autor Rowan Gibson. Grund: Ich glaube nicht, daß es Unternehmen sehr schätzen, wenn ihre freien Mitarbeiter gleichzeitig auch für den Wettbewerber arbeiten.
Das Comeback der Unternehmenskultur
Wirkliche Exklusivität erhalte nur, wer Mitarbeiter an sich bindet. Oder wer, wie in der Werbung üblich, Konkurrenzausschluß vereinbart, was mit Einzelkämpfern wohl kaum funktionieren dürfte. Es fragt sich allerdings, wie ein Unternehmen die Mitarbeiter, die es wirklich braucht, künftig an sich binden soll. Ein Unternehmen braucht neben den hochqualifizierten Kreativen auch Mitarbeiter, die den Kulturkern des Unternehmens stabilisieren, sagt Scholz. Also Leute, die sich sehr stark mit dem Unternehmen identifizieren, alte Geschichten erzählen können und somit identitätstiftend wirken.
Denn sonst würden die Fliehkräfte so stark, daß sie das ganze Unternehmen zerlegen könnten. Die hochspezialisierten Experten brauchen das Unternehmen nicht, sie können überall arbeiten. Und die flexible Randbelegschaft ist per se nicht sehr stark an das Unternehmen gebunden.
Auch für Trendforscher Wippermann ist ausgemacht, daß die Unternehmenskulturen langfristig nicht geschwächt, sondern vielmehr sogar gestärkt werden. In Netzwerken, in denen die Akteure ständig auf Kooperationen angewiesen sind, hat Vertrauen eine ganz besondere Bedeutung.
Arbeits- und Freizeit fallen zusammen
In Netzwerken gelten also harte Regeln. Nie wurde Fehlverhalten so streng bestraft. Das ist wie bei Jugendlichen: Wer eine SMS nicht beantwortet, ist nicht dabei, sagt Wippermann. Wohlverhalten und daraus resultierendes Vertrauen sind für die Akteure in der Netzwerk-Ökonomie lebensnotwendige Voraussetzungen für den eigenen Erfolg.
Outsourcing? Ein alter Hut. Crowdsourcing dagegen hat Zukunft, glaubt man Trendbüro-Chef Wippermann. Die Idee hinter dem schicken Begriff:Unternehmen verlagern Teile der Wertschöpfungskette nicht mehr nur an ihre Lieferanten, sondern an die Konsumenten. Ikea hat es vorgemacht, hier übernimmt der Kunde sogar Teile der Produktion, das Internet bietet auf diesem Gebiet viele Möglichkeiten.
Ebay wird mehr als ein Hobby
Schon heute wickeln die Kunden Bestellvorgänge komplett am Rechner ab. In Zukunft wird ein Teil unseres Einkommens aus Gegenleistungen für das Erfüllen solcher Aufgaben bestehen, ist Trendforscher Wippermann überzeugt. Nach dem Motto: Du übernimmst für mich Teilaufgaben, dafür gebe ich dir einen Rabatt.
Dafür muß der Kunde im Prinzip in seiner Freizeit arbeiten. Die Grenzen zwischen Arbeiten und Leben werden ohnehin zunehmend verwischen, sagt Wippermann voraus. Handeln bei Ebay ist für viele längst nicht mehr nur Hobby. Auch die Zentrale Intelligenz Agentur vermischt beides. Die Aufträge von außen dienen auch dazu, eigene Projekte zu finanzieren, sagt Friebe.
Text: F. A. Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak