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| Nicht ohne meine Büropflanzen |
21. Mai 2008
Der Mensch sei von Natur aus veränderungsavers, sagt Rainer Skowronek, Finanzvorstand der HDI-Gerling Sach Serviceholding AG. Deshalb war er wenig erstaunt, als sich unter den Mitarbeitern des Versicherungsunternehmens Gerling zunächst großer Widerstand gegen einen Standortwechsel von Köln nach Hannover regte. Im Frühjahr 2006 gab das Kartellamt grünes Licht für die Integration von Gerling in den Talanx-Konzern. Ein halbes Jahr später stand bereits fest, welche Funktionsbereiche wohin verlagert werden sollten. Damit fing die eigentliche Umzugsarbeit aber erst an: das "Einpacken" der Mitarbeiter.
Der Umzug eines Unternehmens ist eine große Sache, aber keine Seltenheit. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Unternehmen diesen Schritt unternommen: etwa der Anlagenbauer IWKA (von Karlsruhe nach Augsburg), Chevrolet Deutschland (von Bremen nach Rüsselsheim) und Kamps (von Düsseldorf nach Garrel und Schwalmtal). Es geht vom Land in die Stadt, von der Stadt aufs Land.
Gerling sah sich überfordert, mehrere hundert Mitarbeiter zu einem Umzug quer durch Deutschland zu bewegen. Das Unternehmen beauftragte eine Relocationagentur mit der Organisation. Um die Mitarbeiter an den Gedanken an einen Umzug zu gewöhnen, gab es unter anderem 50 Bustouren von Köln nach Hannover für fast 2000 Mitarbeiter. Diese konnten zusammen mit ihren Partnern die Gegend um ihren potentiellen neuen Wohn- und Arbeitsplatz erkunden. "Man kann nicht davon ausgehen, dass die Leute auf Anhieb ,hurra!' schreien", sagt Thomas Emmert, Personalvorstand der HDI-Gerling Sach Serviceholding AG. "Ein Umzug ist eine fundamentale Entscheidung."
Unternehmen, die ihren Standort verlagern, müssen die Werbetrommel rühren, um ihre Mitarbeiter nicht zu verlieren. Das ist teuer. Noch teurer jedoch ist der Verlust von erfahrenen Arbeitskräften. Die interne Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Idealerweise findet die Überzeugungsarbeit in enger Zusammenarbeit mit dem Führungspersonal statt, und die Ressorts kommunizieren die Informationen möglichst einheitlich und frühzeitig an die einzelnen Mitarbeiter. Der Vorstand sollte die Mitarbeiter über die Entwicklungen informieren. In der Regel reichen regelmäßige Rundmails. Niemand erfährt gerne zuerst aus der Zeitung, wie es um den eigenen Arbeitsplatz bestellt ist. Neben der übergeordneten Kommunikation ist die direkte Ebene wichtig. "Die Mitarbeiter müssen auch mal im O-Ton hören, welche Absichten verfolgt werden, wo der Zug hingehen soll", sagt Skowronek, der persönlich durch die betroffenen Abteilungen gegangen ist.
Umzüge sind eine langwierige Angelegenheit - im Fall von Gerling ist der Prozess derzeit noch in vollem Gange. Viele Beschäftigte entscheiden sich schrittweise. "Die meisten unserer Mitarbeiter pendeln in den ersten Wochen und Monaten", erklärt Skowronek. Gerling-Mitarbeiter dürfen den neuen Arbeitsplatz zudem sechs Monate lang auf Probe besetzen. Wer sich danach trotzdem gegen den Umzug entscheidet, behält sämtliche Ansprüche laut Sozialplan. "Die Schnupperphase ist ein wichtiger Baustein, um Vertrauen zu schaffen", sagt Finanzvorstand Skowronek. Bezahlte Heimfahrten, ein Maklerservice und Übergangsgelder gehören mittlerweile zum Standard. "Man muss den Mitarbeitern signalisieren, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden", sagt Personalvorstand Emmert. Pendeln und doppelter Wohnraum sollten nach Ansicht von Experten jedoch nicht zu lange bezahlt werden, maximal ein Jahr. Sonst richten sich die Mitarbeiter in dem Übergangszustand ein.
Der tatsächliche Umzug ist für die Betroffenen dann die leichtere Übung: Die Relocationagenturen stellen Berater als Ansprechpartner zur Verfügung, die nicht nur lästige Behördengänge übernehmen. Sie holen außerdem individuell angepasste Wohnungsangebote ein, helfen in der Suche nach geeigneten Schulen für die Kinder und übernehmen die An- und Abmeldungen so weit wie möglich. Sie beraten mitunter die Neueingezogenen auch im Kauf von Haushaltsgeräten und übernehmen die Suche nach einer Haushaltshilfe.
Das Serviceangebot, das die Mitarbeiter in Anspruch nehmen können, variiert. "Der Umfang unserer Leistung ist abhängig davon, wie intensiv ein Unternehmen seine Mitarbeiter unterstützen will", sagt Helmut Berg, Geschäftsführer des Frankfurter Relocation Service RSB, der den Gerling-Umzug begleitet und auch schon für Kunden wie BMW Rolls-Royce oder BP Gruppenumzüge abgewickelt hat. "Dabei die richtige Balance zu finden ist oft nicht einfach. Weder zu wenig noch zu viel erzielt die gewünschte Wirkung." Je nach Situation bevorzugten die Mitarbeiter gelegentlich aber auch das Angebot einer Umzugspauschale.
An erster Stelle sei es Sache der Unternehmensleitung und der Betriebsräte, die Grundlage für die Abwicklung zu schaffen. "Wir beraten und sorgen für den moralischen Überbau", sagt Berg. An speziellen Infotagen erfahren die Betroffenen etwas über den neuen Standort. "Die Unternehmen sehen häufig nur eine Arbeitskraft in ihren Angestellten", sagt Berg. Sie vergessen die Familien und ihre Ängste und Bedürfnisse. "Wir vermitteln den Mitarbeitern: Euer Unmut ist verständlich. Ihr seid in einer schwierigen Situation. Aber nachdem die Entscheidung nun einmal gefallen ist, geht es darum, das Beste daraus zu machen." Insofern ist Berg gleichzeitig ein Motivationstrainer: "Wir päppeln die Mitarbeiter auf und holen sie aus der Ecke des Weinerlichen, damit sie konstruktiv denken."
Dennoch ziehen im Schnitt weniger als die Hälfte der Beschäftigten mit. Denn manchmal helfen weder Geld noch gute Worte, um Mitarbeiter aus der angestammten Umgebung zu bewegen: Häufig können Mitarbeiter ihren Wohnort nicht verlassen, weil etwa ihre pflegebedürftigen Eltern dort leben. Das Werben muss also auch eine Grenze haben: "Wir können den Mitarbeitern nicht sagen: Das wird schon alles toll", sagt Gerling-Mann Emmert. "Das wäre über das Ziel hinausgeschossen."