Auf dem Marktplatz für Ingenieure stehen Bewerber neuerdings wieder in einer Warteschlange. Im Congress Park in Hanau zum Beispiel: fast nur Männer, sorgsam gekleidet in Anzug und Krawatte, Aktentasche unter dem Arm. Sie haben ein freundliches, verbindliches Gesicht aufgesetzt, geduldig auf der Suche nach einem Job in der Krise. Sie sind örtlich nicht gebunden, oder?, fragt die Personalreferentin den Mittvierziger. Doch, doch, sagt der ein bisschen gequält und versucht es dann mit einem Lächeln, als er ihr seinen Lebenslauf reicht. Mein Haus verkaufe ich nicht, aber ich bin mit allen Kommunikationsmitteln ausgestattet.
Den Bewerbermarkt von 2008 gibt es nicht mehr. Es ist nicht länger selbstverständlich, dass sich Kandidaten unter mehreren Angeboten entscheiden und Forderungen hinsichtlich Gehalt, Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten stellen können. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gibt an, die Zahl der offenen Stellen habe im vergangenen Jahr ihren Höhepunkt mit durchschnittlich 93.000 erreicht. In der Wirtschaftskrise werde die Ingenieurlücke 2009 deutlich schrumpfen. Verglichen mit dem restlichen Arbeitsmarkt jedoch bleibt die Zahl der offenen Ingenieurstellen auf einem sehr hohen Niveau. Unter Volkswirten ist zu hören, es gebe noch 50.000, vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.
Der Trend ist unbestritten, die eifersüchtig gehütete, vermeintlich genaue Zahl weniger relevant. Sie ist nur Ergebnis einer simplen Subtraktion: offene Stellen minus arbeitslose Ingenieure. Nach der Theorie ergibt sich dieser Lückenwert, wenn Arbeitsplätze und vollständig mobile Suchende optimal zueinander passen. Was sie nie tun.
Die Maschinen- und Anlagenbauer äußern sich zurückhaltend. Die Aussagekraft von Umfragen sei oft begrenzt, sagt Susanne Krebs, Statistikerin beim Branchenverband VDMA. Kleinere Unternehmen machten einen Großteil der Arbeitgeber aus. Wenn der Ingenieurmangel gerade ein Thema ist, melden sich aber vor allem die, die ihre Stellen nicht besetzt bekommen. Für ein stimmiges Bild müsse das in der Hochrechnung berücksichtigt werden.
So oder so gibt es noch immer gute Nachrichten von diesem Arbeitsmarkt: Die Zahl der arbeitslosen Ingenieure steigt auch 2009 nicht, heißt es unisono. Der VDI glaubt sogar, dass die technischen Fachkräfte meist nur vorübergehend arbeitslos werden, etwa beim Wechsel von einer Stelle zur nächsten, und spricht daher nach wie vor von Vollbeschäftigung im Ingenieurbereich und ebenso nach wie vor von einem Ingenieurmangel.
Warum dieser Mangel so dramatisch ist, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Dezember 2008 zuletzt beschrieben. Die Wertschöpfung eines Ingenieurs betrage das 1,7-Fache eines durchschnittlichen Arbeitnehmers, knapp 104.000 Euro im Jahr. Bei 70.000 nicht besetzten Stellen errechneten sich daraus Folgeverluste für die Volkswirtschaft von fast 7,2 Milliarden Euro pro Jahr. Kein Wunder, dass es immer mehr Initiativen gibt, die die MINT-Begabungen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) fördern. Das IW erwartet, dass der MINT-Bedarf den der Hochschulabsolventen 2010 um 10 Prozent übersteigt, 2012 schon um fast 20 Prozent - Tendenz steigend. Da waren die neuesten Statistiken über die Studienanfänger allerdings noch nicht fertig: Besonders deutlich hat im Wintersemester die Zahl der Ingenieurwissenschaftler zugenommen. 75.800 angehende Techniker haben sich 2008 eingeschrieben, das sind 9,2 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor.
Zurzeit verdrängt Unsicherheit den Optimismus. Personalmanager von Siemens, Schott oder Panasonic sind sich einig: In diesem Jahr gibt es deutlich mehr Bewerber auf den Jobmessen - und sie sind nervöser als früher. Die Repräsentantin eines großen Technologiekonzerns erzählt: Wenn heute in der Zeitung schlechte Prognosen einer Firma stehen, haben wir morgen deren Mitarbeiter bei uns auf der Matte.
Die Fachleute halten dagegen: Allein im Maschinen- und Anlagenbau, dem Schwergewicht der Branche, sei fast die Hälfte der Beschäftigten in Forschung, Entwicklung und Konstruktion untergekommen, dazu ein Fünftel im Vertrieb, ein Zehntel in der Produktion. An neuen Produkten werde auch dann geforscht, wenn der Absatz einbreche, betont Arbeitsmarktexpertin Krebs. Die Ingenieure gehören zu den zehn am meisten gesuchten Berufsgruppen, sie sind unterproportional arbeitslos, beschreibt VDI-Referentin Tanja Schumann die Lage. Der Arbeitsmarkt 2009 bricht nicht ein.
Das bestätigt Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit (BA), obwohl die nur von jeder siebten Stelle für Ingenieure erfährt: Zwar sei die Nachfrage nach Ingenieuren im Februar im Vergleich zum Februar vor einem Jahr um 16,6 Prozent zurückgegangen, gleichzeitig sei aber auch die Arbeitslosigkeit von Ingenieuren stark gesunken. Der VDMA sieht darin einen grundsätzlichen Trend zur Höherqualifizierung; es würden immer mehr Ingenieure beschäftigt. Das könnte bei steigender Arbeitslosigkeit allenfalls das Gehaltsniveau drücken, glaubt Susanne Krebs. Drei bis fünf Jahre Berufserfahrung waren zuletzt sehr beliebt, das gab's kaum. Kleinere Betriebe hätten deshalb auch Ältere nachqualifiziert und damit gute Erfahrungen gemacht.
Nun suchen immer mehr Zeitarbeitsfirmen nach Ingenieuren. Zögerlich wählen viele Absolventen diesen Weg, auch weil er weniger Lohn verspricht. Nach der jüngsten Befragung des Trendence-Instituts bleibt die Dominanz der deutschen Automobilhersteller als Wunscharbeitgeber ungebrochen. Das Absolventenbarometer 2008 ergab, dass unter den zehn meistgenannten Wunscharbeitgebern allein sechs Plätze für die Autoindustrie reserviert bleiben: Audi (Platz 1), Porsche (2), BMW (3), Daimler (5), Bosch (7) und Volkswagen (8).
Doch die neuen Spieler holen auf. Brunel, einer der Großen im Markt, ist allein von 2007 auf 2008 um 1000 Mitarbeiter gewachsen, freut sich Recruiting-Referentin Nina Janz. Das seien festangestellte Fachkräfte, die an Kunden vermittelt würden. In diesem Jahr bewerben sich selbst Projektleiter mit 100000 Euro Jahresgehalt oder mehr. Der Zuspruch ist enorm. Die Nachfrage der Kunden steige in der Luft- und Raumfahrt, viele Spezialisten für Anlagen- und Energietechnik würden gesucht, vor allem für alternative Energien. In der IT und in der Telekommunikation sei der Markt zumindest stabil. Mehr Berufserfahrene seien gerade gefragt, weniger junge Absolventen. Unsere Kunden brauchen häufig Spezialisten, die sie sofort einsetzen können, ohne langes Anlernen, sagt Janz. Vom Fachkräftemangel sei gerade kaum die Rede.
Für die Unternehmen hat das seine guten Seiten. Das Beratungsunternehmen Lahmeyer aus Bad Vilbel bei Frankfurt suche nach Fachleuten für Energieerzeugung und -verteilung, sagt Personalreferentin Isabell Hesse: Elektro-, Kraftwerks-, Maschinenbauingenieure, aber auch Seiteneinsteiger aus dem Schiffsbau. Seit einigen Monaten werde das leichter. Wir erleben das Ende des Überbietungswettbewerbs, viele Unternehmen können jetzt mal durchatmen. Judith Wüllerich von der Arbeitsagentur mahnt deshalb schon, die Verantwortlichen müssten weiter denken. Mittelfristig wird der Fachkräftemangel viel elementarer als die Wirtschaftskrise sein.
Wie bringen sich die Bewerber in Position? Mit Weiterbildung? Viel hilft nicht viel, glaubt Heiko Mell, Karriereberater für Ingenieure. Das gelte für den promovierten Fachhochschul-Ingenieur oder den Absolventen einer technischen Universität, der den Abschluss als Wirtschaftsingenieur und noch einen MBA hat. Hören Sie auf mit dem Sammeln von Titeln, rät Mell. Solche Stellenanzeigen gibt es nicht. Und man möge ja nicht glauben, dass sich die Zahl der Zeugnisse im Gehalt niederschlage.
Einer wird nicht mehr lange in der Warteschlange ausharren: Ein 29 Jahre alter Maschinenbauer erzählt im Congress Park in Hanau, er habe eine Stelle angeboten bekommen, wo er auf einen Schlag 20 Leute zu führen hätte. In der neuen, größeren Firma könne er sein Gehalt verdoppeln. Die Verlockung ist groß: Das fühlt sich schon heiß an, sagt der junge Kerl. Auch das gibt es noch. Auf dem Marktplatz für Ingenieure.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.