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Maschinenbau Schwung ohne Ende Von Rüdiger Köhn
Karl Haeusgen ist verblüfft. Ich frage mich manchmal, warum die Geschäfte noch so gut laufen, sagt der Inhaber der Münchener Hawe GmbH & Co. KG, eines Herstellers von Hydrauliksystemen. Er blickt auf stark steigende Rohstoffpreise, auf den erodierten Dollar-Kurs, auf den harten Wettbewerb aus Fernost. Die Antwort hat er parat: Der deutsche Maschinenbau ist in vielen Bereichen Weltmarktführer und technologisch in einer Position, die sonst niemand hat. Haeusgen ist typischer Maschinenbauer. Sein Unternehmen erzielt 60 Prozent des Umsatzes von 241 Millionen Euro im Ausland. Es beschäftigt aber mehr als 80 Prozent der 1800 Mitarbeiter im Inland. Die Wachstumsraten mit durchschnittlich 25 Prozent in den vergangenen drei Jahren haben dazu geführt, dass er in den vergangenen zwei Jahren jeweils eine Fabrik in Bayern hingestellt hat; 2008 kommt eine weitere hinzu. Er will in diesem Jahr rund 300 Mitarbeiter einstellen, wenn er diese überhaupt bekommt. Öffentlich wird nur die Finanzkrise wahrgenommen, klagt er, nicht aber, dass diese bislang gar nicht in der realen Wirtschaft angekommen ist. Stöhnen allenfalls fürs Protokoll festhalten Manfred Wittenstein ist genauso über das florierende Geschäft erstaunt, auch wenn sich der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) schon von Amts wegen auch mal besorgt äußern muss. Die Risiken in der Weltkonjunktur, allen voran in Amerika, lösten Rezessionsängste aus. Doch ihn erschüttert das nicht. Als wenn der Wackelkandidat Vereinigte Staaten als größter Maschinenbaumarkt nicht schon genug Anlass zur Sorge gäbe, droht der Branche von vielen Seiten Ungemach. Der Euro-Kurs erreicht Rekordhöhen und liebäugelt mit 1,60 Dollar. Das verschlechtert die preisliche Konkurrenzfähigkeit gegenüber den schärfsten Wettbewerbern in Amerika und in Japan. Vor zwei Jahren sprach die Branche davon, dass es bei einem Kurs von 1,35 Dollar an die Erträge ginge, bei 1,40 Dollar sich die Auftragslage verschlechtern werde. Klagen sind bis heute nicht zu vernehmen. Rohstoffe und Energie sind teuer geworden. Die exorbitant gestiegenen Preise für Stahl und Edelstahl schlagen in der Produktion von Maschinen voll durch. Das Stöhnen darüber muss allenfalls fürs Protokoll festgehalten werden. Überraschend viele Aufträge Denn der auslandsabhängige Maschinenbau mit einer Exportquote von 75 Prozent geht 2008 in das fünfte Rekordjahr. Die ohnehin hohe Produktion soll noch einmal um 5 Prozent wachsen. Skeptiker sollten sich zurückhalten, denn nach dem beachtlichen Start in den ersten beiden Monaten gilt diese Prognose bereits heute als nach unten abgesichert. Niemand zweifelt daran, dass VDMA-Präsident Wittenstein auf der Hannover Messe Ende April die Aussage bestätigen wird. Das Wachstum liegt dann immerhin erheblich über dem der Industrie, geschweige denn der deutschen Wirtschaft. Eine Anhebung der Prognose gilt wegen der Unsicherheiten indes als unwahrscheinlich. Das hat der VDMA 2007 schließlich zweimal getan; am Ende stand ein Produktionsanstieg von real 10,6 Prozent auf 180 Milliarden Euro. Überrascht hat den Verband, der 3000 der insgesamt 6000 vor allem kleinen und mittleren Maschinenbauunternehmen repräsentiert, aber doch die Auftragsentwicklung im Februar: Inland plus 12 Prozent, Ausland plus 9 Prozent. Der Auftragsbestand ist gewachsen. Im Durchschnitt reicht der für 6,6 Monate Beschäftigung nach noch 6,3 Monaten im Oktober 2007. Damit ist die Produktion für dieses Jahr praktisch gesichert, wird im Verband hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Und die Branche floriert in der gesamten Breite. Von 28 erfassten Bereichen verzeichneten 18 im vergangenen Jahr zweistellige Zuwachsraten im Umsatz. Die Kapazitäten sind ausgelastet. Der Auslastungsgrad erreichte mit 92,1 Prozent Rekordniveau. Dabei wurde die Produktion ausgebaut. Mit 50.000 Arbeitsplätzen wurden vergangenes Jahr so viele Stellen geschaffen wie selten zuvor. Produktivität in den vergangenen Jahren stark verbessert Noch immer handelt es sich in vielen Geschäftsbereichen für die Deutschen um Verkäufermärkte. Das heißt, sie können ohne weiteres ihre Produkte absetzen - und im Schnitt um 2 bis 3 Prozent höhere Preise verlangen. Damit kann zumindest ein Teil der negativen Währungsfolgen und der steigenden Kosten abgefedert werden. Darin kommt zum Ausdruck, dass sich der deutsche Maschinenbau mit seinen oftmals kundenspezifischen Angeboten gegenüber Konkurrenten etwa aus Asien mit standardisierten Massenprodukten behaupten kann. Hinzu kommt, dass der Euro-Raum Hauptabsatzmarkt bleibt; 61 Prozent der Exporte nimmt das europäische Ausland ab. Nur 20 Prozent der Geschäfte werden in kritischen Währungen fakturiert - sei es in Dollar, sei es in Währungen, die an die amerikanische Währung gekoppelt sind (wie der chinesische Yuan), sei es der Yen. Starker Euro, hohe Kosten, wachsender Wettbewerb - die Unternehmen befinden sich trotz dieser Attacken nicht nur in einer robusten Position, sie verdienen auch gut. Die Umsatzrendite von schätzungsweise netto 4 Prozent ist auskömmlich, obwohl die Branche seit Jahren über zu geringe Gewinne jammert. Hawe-Chef Haeusgen betrachtet zwar die Preissituation als angespannt. Unzufrieden ist er nicht. Wir haben in den letzten drei bis vier Jahren die Produktivität stark verbessert, wobei uns das Wachstum sehr geholfen hat. In die Euphorie müsste sich eigentlich allmählich die Sorge über einen plötzlichen Einbruch spätestens im Jahr 2009 mischen. Das passiert aber nicht. Die gegenüber dem hohen Wachstum der früheren Jahre abfallende Dynamik ist ein Zeichen der Normalisierung. Unwahrscheinlich ist aber auch, dass sich die Unternehmen einem allgemeinen Trend entziehen können. Mit Blick auf die internationale Ausrichtung gibt es jedoch Kompensationsmöglichkeiten noch und noch. Im vergangenen Jahr haben die Märkte in Asien und in der arabischen Region den Rückgang von 2 Prozent im amerikanischen Geschäft mehr als ausgeglichen. Der Korken ist aus der Flasche gezogen Haeusgen verweist auf die gewaltigen Infrastrukturprojekte etwa in China, deren Aufbau ohne deutsche Maschinenbautechnologie nicht zu schaffen sei. So ein Programm richtet sich nicht nach dem Euro-Kurs. Er blickt auf die rohstoffreichen Länder, die von den stark steigenden Preisen profitieren und ihrerseits Investitionen vorantreiben. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des VDMA, spricht die strukturellen Wachstumspotentiale an. Der notwendige sparsame Umgang mit Energie und Rohstoffen würde Nachfrage generieren. Hinter dem steht die Erwartung, sich von einem möglichen Abschwung abkoppeln zu können - oder zumindest weich zu landen. Das Wachstumstempo wird sich 2009 verlangsamen, zweifelt Karl Haeusgen nicht. Es wird aber keine Stagnation oder gar einen Rückgang geben. Auch auf mittlere Sicht ist er zuversichtlich. Das Vertrauen in die Zukunft ist groß. Der Maschinenbau investiert bislang ungebremst, nachdem er sich viele Jahre zurückgehalten und nun Nachholbedarf hat. Der Korken ist aus der Flasche geflogen, umschreibt Haeusgen das. Die Unternehmen müssten immer noch die Infrastruktur dafür schaffen, um das Wachstum zu bewältigen. Vor knapp zwei Jahren haben die Firmen begonnen, nachhaltig neue Arbeitsplätze zu schaffen. In diesem Jahr sollen weitere 10 000 neue Mitarbeiter hinzukommen. Allein im Monat Januar sind 7000 Arbeitsplätze entstanden. Einen besseren Beweis der meist familien- oder inhabergeführten Unternehmen in die Zuversicht kann es nicht geben. So flexibel sie in guten Zeiten reagieren, so findig sind sie auch in schlechten Zeiten - weshalb sie dann deutlich weniger als im Durchschnitt der Industrie Stellen abbauen würden. Text: F.A.Z.Bildmaterial: F.A.Z. |
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