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Kolumne

Renner-/Penner-Analyse

Von Georg M. Oswald




09. Mai 2008 
Schlick, der Geschäftsführer, erklärte die anstehende Renner-/Penner-Analyse zur Chefsache und rief deshalb Bellwinkel, seinen Assistenten, zu sich, der das für ihn erledigen sollte. "Wissen Sie überhaupt, was das ist: Renner/Penner?"

"Die Bewertung der einzelnen Geschäftsfelder beziehungsweise Sortimentsbereiche nach ihrer jeweiligen Ertragskraft. Wenn das Gesamtergebnis positiv ist, bleiben Verlustbringer vielfach unerkannt", antwortete Bellwinkel, der dabei sogar ein bisschen strammstand.

"Und dass mir das auf jedes einzelne Produkt, jeden einzelnen Kunden und jeden einzelnen Mitarbeiter heruntergebrochen wird, ja?", legte Schlick nach.

Bellwinkel arbeitete ein Papier aus, in dem die Abteilungen angewiesen wurden, die für die Analyse erforderlichen Inhalte an ihn zu liefern, damit er daraus einen leistungs- und produktspezifischen Fragenkatalog erarbeiten könne. Das Papier schickte er an den Abteilungsleiter Kundenakquisition Schertz, der seiner Meinung nach am nächsten am Thema war. Die erforderlichen Inhalte, so Schertz, könne er ohne Stellungnahme der Abteilung Dienstleistungen nicht liefern, weil das Kundenverhalten natürlich nicht allein von den Produkten, sondern im Wesentlichen vom Marketing beeinflusst werde. Schertz beauftragte durch eine Aktennotiz seinen Stellvertreter Münz mit der Formulierung der Anfrage an die Dienstleistungsabteilung, Münz verstand nicht genau, was von ihm verlangt wurde, formulierte aber seinerseits eine Aktennotiz, die sich ganz gut anhörte, und sandte sie ab. Remisch, der in der Dienstleistungsabteilung mit der Bearbeitung beauftragt wurde, fragte bei Bellwinkel nach, welche Angaben genau erforderlich seien. Bellwinkel war ungehalten: "Die Inhalte für die Renner- / Penner-Analyse!"

"Und welche sollen das sein?"

"Das müssen Sie doch wissen! Sitzen Sie in einer Fachabteilung oder ich?" Remisch gab klein bei und leitete die Anfrage weiter an die Auftragsabwicklung, die sie, weil sie auch nichts damit anzufangen wusste, an die Distributionslogistik weitergab, von dort verirrte sie sich in die Systementwicklung, landete dann in der Beschaffung und schließlich im Fertigungsprozess, wo sie auf dem Tisch eines Mitarbeiters der Betriebssicherheit liegen blieb, der sie als Untersetzer für seine übergelaufene Kaffeetasse verwendete.

"Was ist eigentlich aus unserer Renner-/Penner-Analyse geworden?", fragte einige Wochen später Geschäftsführer Schlick seinen Assistenten Bellwinkel. "Wir warten noch auf den Rücklauf aus den Fachabteilungen", antwortete der. Schlicks Miene verfinsterte sich, und er raunte: "Das Ergebnis, das ich befürchtet hatte.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak
 
 
   
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