Leben und Arbeiten

Treten für die Karriere

Von Christian Parth

„Leadership in Management and Sports“ steht auf ihren Trikots

„Leadership in Management and Sports“ steht auf ihren Trikots

05. Oktober 2008 Die Business-Leute sind mit den letzten Maschinen geflogen, aus Hamburg, Frankfurt und München. Sie fuhren mit dem Taxi hinauf in die Provence, kamen mitten in der Nacht im Hotel an. Stressige Reisen sind sie gewohnt, und das Programm am nächsten Tag geht auch schon sehr früh los. Doch das hier ist anders: An diesem Donnerstagmorgen sitzen die Manager auf harten Sätteln und strampeln aus Leibeskräften für das persönliche Fortkommen. Die Anstrengung lässt sie lächeln, zwischen den Bäumen und Sträuchern duftet es mediterran. Die Vorstände, Abteilungsleiter und Unternehmer sind auf Rennrädern unterwegs, vier Tage lang dreht sich ihr Ehrgeiz nur mit der Kurbel an ihren Füßen. Der Club „Tête de la Course“, ein Zusammenschluss von radelnden Führungskräften, trifft sich zum Trainingslager in den Hügeln oberhalb von St-Tropez in Südfrankreich.

Sportsgeist und Kondition können nicht schaden, wenn ein Talent Karriere machen will. Tatsächlich betätigen sich drei von vier Managern in Deutschland sportlich, wie eine Umfrage des Deutschen Führungskräfteverbands ergab. Am beliebtesten sind eben nicht die vermeintlich elitären Society-Sportarten wie Golf, sondern Disziplinen für die Kondition: Schwimmen, Laufen – und vor allem das Fahrradfahren.

Kräfte einteilen, langfristig motivieren

Eine lockere Runde, kein Verein

Eine lockere Runde, kein Verein

Eine Statistik, die sich mit der Einschätzung von Bernd-Georg Spies deckt. Der 53-Jährige ist Managing Director und Partner bei dem Headhunting-Unternehmen Russell Reynolds Associates und nebenher Mitbegründer von Tête de la Course, kurz TdC. Im französischen Trainingslager begrüßt er die Teilnehmer zum Frühstück vor der ersten Ausfahrt bei Croissants und Müsli: „Wer Rennrad fährt, lernt seine Kräfte einzuteilen und sich auch bei langwierigen Aufgaben zu motivieren“, erklärt er. Spies hatte schon länger beobachtet, dass der anspruchsvolle Rennradsport unter Managern sehr beliebt ist. Aber ein soziales Netzwerk, einen Club von radelnden Machern – das gab es nicht. Vor gut zwei Jahren entwickelten deswegen Bernd-Georg Spies, der damalige Vattenfall-Kommunikationschef Peter Poppe und Michael Meeske, Geschäftsführer des FC St. Pauli, das Projekt TdC. „Radsport und Networking unter Gleichgesinnten ist unser Anspruch“, sagt Poppe.

Es ist ein loses Netzwerk, das sich über Newsletter und Internet-Kommunikationsmittel organisiert. Ein Verein oder gar eine professionelle Organisation ist noch nicht aus dem Club TdC geworden. Aber es gibt einen Verteiler mit gut 400 Interessierten, Managern und Unternehmern aus der Energiewirtschaft, der Kommunikationsbranche, Unternehmensberatungen und vielen anderen Wirtschaftsfeldern. Der Club hat eigene Trikots mit blau-weißem Muster und dem aufgedruckten Motto „Leadership in Management and Sports“. Bei Jedermann-Rennen wie den Hamburger Cyclassics im September rückt man in Mannschaftsstärke an, 19 Starter stellte der Club zuletzt – fünf von ihnen erreichten gar einen Schnitt von mehr als 41 Stundenkilometern auf der 155 Kilometer langen Strecke. Als Höhepunkt fahren manche der Team-Mitglieder zusammen ins Trainingslager, in der Pfalz, auf Mallorca und nun in der Provence.

„Dicke Gänge“ und ambitionierte Pläne

Die Macher sind fest überzeugt von den Argumenten, die für die Kombination aus „dicken Gängen“ – wie das der Radfahrer nennt – und ambitionierter Karriereplanung sprechen. Klar, die Kondition, der Biss helfen immer. „Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, dass Ausdauersport meinen Geist und Körper fit hält“, sagt einer der Teilnehmer am französischen Trainingslager, der im Hauptberuf Vorstand eines Energieunternehmens ist. Wie in einer Unternehmensstruktur muss man im Peloton gemeinsam mit anderen arbeiten. Wer nur alleine fährt, verliert Kraft und Rückendeckung durch Kollegen. Es geht rücksichtsvoll zu beim Ausritt des Clubs TdC: Die mitunter steilen Anstiege in der Provence reißen das Feld stark auseinander, doch oben warten alle ohne Murren, bis es geschlossen weitergehen kann. Der warnende Finger vor dem Schlagloch gehört für den radelnden Manager ebenso zur Etikette wie das Hilfsangebot, wenn ein anderer einen „Plattfuß“ hat.

Zum Trainingslager gehört auch die Theorie: Peter Poppe hat für einen Abend in Südfrankreich den Extremschwimmer Christoph Wandratsch als Referent gewonnen. Der Bayer erzählt, welche Strapazen er auf sich nimmt, wenn er mal wieder zum Weltrekordversuch in den kalten, welligen Ärmelkanal springt. Die Willenskraft, die bedingungslose Hingabe gegenüber den eigenen Zielen fasziniert die Zuhörer.

Am nächsten Morgen sitzen die Manager wieder auf ihren Fahrrädern. Nach zwei Tagen hier in der Provence hat man sich schon angefreundet. Beim Netzwerken helfen die numerierten Schilder mit Namen, die jeder an seinem Rahmen hat. So können sich die Teilnehmer leicht merken, mit wem sie eben über Vertriebsstrukturen diskutiert haben. Aber weniger als die unternehmerischen Kniffe und die Karriere-Tipps beherrscht hier der Velosport selbst die Gespräche. Ein Fahrer hat sich ein paar sündhaft teure Carbon-Laufräder montieren lassen, und natürlich wollen alle wissen, was ihr Mitfahrer für einen Unterschied gespürt hat. Da sind die Manager ganz kleine Jungs.

Auch für weniger Geübte: „Quäl dich, du Sau!“

Sie strampeln aus Leibeskräften für das persönliche Fortkommen

Sie strampeln aus Leibeskräften für das persönliche Fortkommen

Doch das Trainingslager ist nicht nur Geplänkel, es geht um Punch und Push. Dafür haben die Organisatoren den ehemaligen Profi Udo Bölts mitgebracht, der als Fahrer auch Jan Ullrich zum Tour-de-France-Sieg antrieb („Quäl dich, du Sau!“). Auf den schwereren Abschnitten, wo es kilometerlang nur bergauf geht, schiebt er hin und wieder die älteren Fahrer an. Vor allem motiviert er. Nördlich der Stadt Draguignan etwa, wo die Provence sich stetig erhebt, setzen sich zwei jüngere Teilnehmer an einem Anstieg von den anderen Mitfahrern ab. Bölts hetzt hinterher. Den Verfolger brüllt er unermüdlich an: „Lass ihn nicht ziehen, schalte! Du kriegst ihn! Ritmo, ritmo, ritmo!“

Oben am Berg hat der Verfolger seinen Vordermann zwar nicht bekommen, doch er ist um eine Erfahrung reicher – wer angreift, muss das konsequent machen. Udo Bölts sagt dazu: „Die meisten haben gar keine Ahnung, wo ihre physischen Grenzen sind.“ Wenn man denkt, es geht nicht mehr, dann geht meistens noch eine ganze Menge. Eine Lektion fürs Berufsleben.

Kräfte einzuteilen und sich bei langwierigen Aufgaben zu motivieren, das lernt man auf dem Rad

Kräfte einzuteilen und sich bei langwierigen Aufgaben zu motivieren, das lernt man auf dem Rad

Wieder im Hotel, hat der Ex-Profi auch mahnende Worte für seine Zuhörer in ihren tiefen Sesseln: „Ihr seid Manager, und normalerweise habt ihr nicht so viel Zeit. Der Sport sollte für euch Ausgleich sein, zur Entspannung dienen.“ Eben hat man noch über Trainingspläne und Investitionen ins Material geredet, so wie es passionierte Radler eben tun. Doch Bölts weiß, dass es die besonders ehrgeizigen Leute nicht nur im Büro oft übertreiben. „Nehmt den Sport locker, genießt ihn, dann habt ihr mehr davon.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Philipp Hympendahl

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