Arbeitsmakrkt

Seuchenbekämpfung statt Abrechnungsfrust

Von Andreas Mihm

16. November 2007 

Die Situation scheint paradox. Da haben sich junge Menschen aufopferungsvoll durch das mit Fakten- und Lernwissen vollgestopfte und langwierige Medizinstudium durchgebissen, das Examen bestanden, um dann auf die Arbeit am und mit dem Patienten zu verzichten. Knapp ein Viertel der Medizinabsolventen nahm nach aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2003 erst gar keine ärztliche Tätigkeit auf, obwohl die Kliniken händeringend Ärzte suchen (Ärzte verzweifelt gesucht).

"Die Tendenz, dass Medizinstudenten entweder schon während des Studiums umsteigen oder nach ihrer Approbation nicht in die Patientenversorgung, sondern in andere, lukrativere Berufe gehen, hat nochmals zugenommen", analysiert der Vorsitzende der Kassenärzte, Andreas Köhler, die Situation. Er weiß auch, warum: Die Arbeitsbedingungen sowohl in der Klinik wie in der ambulanten Versorgung erschienen immer weniger attraktiv. "In der Wirtschaft locken Berufe mit weniger Arbeitsbelastung, höherem Verdienst und vor allem geregelten Arbeitszeiten", weiß er.

W o gehen all die Ärzte hin?

Aber wo gehen all die Ärzte hin? Das weiß niemand. Eine Statistik darüber wird nicht geführt. Doch wer genauer hinschaut, findet Ärzte in sehr vielen Bereichen rund um das Gesundheitswesen. Im Bundestag und in Landtagen finden sich parteipolitisch engagierte Mediziner, ebenso wie in den Stäben der Politiker. In der Unions-Fraktion begleitet zum Beispiel ein gelernter Facharzt für Dermatologie die Gesundheitspolitik. Nach Studium und Weiterbildung zum Facharzt hatte er nach drei Jahren in der Praxis die Nase voll und bewarb sich im Gesundheitsministerium. Dort arbeiten Ärzte wie auch in anderen Bundes- und Länderbehörden. Sie befassen sich beispielsweise mit Arzneimittelprüfungen oder der Seuchenbekämpfung, aber ohne Wochenenddienst, Abrechnungsfrust oder Rufbereitschaft.

Die Bedeutung der Pharmaindustrie als Arbeitgeber für Ärzte dürfte in den vergangenen Jahren eher noch gewachsen sein. Mediziner werden in der klinischen Forschung neuer Präparate gleichermaßen benötigt wie am anderen Ende der Wertschöpfungskette, beim "Verkauf" der zugelassenen Präparate. Außerdem werden Ärzte von privaten und (halb-)staatlichen Beratungseinrichtungen nachgefragt sowie von Medien, die wissen, dass ihre Leser und Zuschauer an Gesundheitsthemen interessiert sind.

Unterschlupf bei den Kassen

Vor allem die Krankenkassen beschäftigen eine große Zahl von Ärzten. Allein beim medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK), der prüfen soll, ob die Leistungen für Gesundheit und Pflege "ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich" erbracht werden, sind 2100 Ärzte untergekommen. Tendenz steigend. "Bei den Facharztqualifikationen sind die klassischen Fächer wie die Allgemeinmedizin, die Chirurgie, die innere Medizin, die Gynäkologie und die Orthopädie besonders stark vertreten", heißt es beim MDK. "Darüber hinaus nimmt die Zahl der Mitarbeiter mit Zusatzbezeichnungen, zum Beispiel spezielle Schmerztherapie, plastische Chirurgie, Psychotherapie oder Naturheilverfahren, ständig zu."

Das gilt auch für die Krankenkassen selbst. Allein die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) beschäftigen derzeit 74 Ärzte. Dem Wettbewerb ausgesetzt, verstehen sich die Kassen immer mehr als Interessenvertreter ihrer Mitglieder. Auch haben sie ein Interesse daran, die Versicherten gesund und im Falle einer Erkrankung die Behandlungskosten möglichst gering zu halten. Dafür brauchen sie Ärzte, die etwa den Versicherten an einer telefonischen Hotline einen ersten Rat oder eine Entscheidungshilfe geben können oder auch helfen, Behandlungsprogramme zu entwickeln und zu bewerten.

"Die Qualität der stationären und ambulanten Versorgung ist für uns ein zentrales Zukunftsthema ebenso wie die Prävention", sagt Hans Jürgen Ahrens, Vorsitzender des AOK-Bundesverbands. "Um da wirklich von der Tribüne auf den Rasen zu kommen, brauchen wir medizinisches Fachwissen und Kompetenz aus erster Hand." Ärzte sollten für die AOK Verbesserungspotentiale aufdecken, bewerten und Änderungsvorschläge entwickeln. Als Beispiel, wo das gut funktioniert habe, führt Ahrens neue Versorgungsformen für chronische Erkrankungen wie Diabetes an. "Für diese Arbeit brauchen wir als Krankenkassen kompetente Ärzte, damit man solche Ergebnisse auch erreichen kann."

Text: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite C4

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