Liebe im Büro

Bis dass der Job euch scheidet

Von Judith Lembke

Liebe im Büro: Bis dass der Job euch scheidet
04. Mai 2007 

Es schien wie die perfekte Lösung. Gleich nach dem Ende seiner Ausbildung bekam das Theologenehepaar eine der begehrten Pastorenstellen angeboten. Sie übernahmen zusammen die Kirchengemeinde, in der die Frau schon ihr Vikariat absolviert hatte. Beide wollten halbtags arbeiten, die Aufgaben unter sich aufteilen und auch noch genug Zeit füreinander haben - zumindest hatten sie sich das so vorgestellt. Doch das Gemeindeleben wollte sich nicht so recht in den Plan der beiden fügen: Während sich die Pastorin vor Arbeit kaum retten konnte, weil die Kirchgänger von ihr verheiratet und getröstet werden wollten, war ihr Ehemann weniger gefragt. Seine Frau hetzte von Termin zu Termin, während er sich immer mehr als Versager fühlte. Nach einem Jahr hielt er es nicht mehr aus und reichte die Scheidung ein. Die Rivalität am gemeinsamen Arbeitsplatz hatte die Beziehung zerstört.

Die Berliner Psychotherapeutin Astrid Schreyögg hat schon viele Paare beraten, bei denen sich Berufs- und Privatleben irgendwann so unglücklich ineinander verflochten hatten, dass sie den Knoten nicht mehr alleine lösen konnten: "Ich würde von Beziehungen innerhalb eines Unternehmens immer abraten", lautet ihr Urteil nach jahrelanger Beratungstätigkeit - zumindest wenn die Partner auch wirklich zusammen arbeiten. 24 Stunden miteinander zu verbringen mag für Frischverliebte eine Traumvorstellung sein. In der Realität empfinden es viele jedoch bald als Albtraum, wenn sie nur noch als Paar und nicht mehr als Individuum wahrgenommen werden. Die erzwungene Zweisamkeit raubt dem Einzelnen irgendwann die Luft zum Atmen, vor allem, wenn nicht nur Arbeit, sondern auch Verantwortung geteilt wird.

Rolle der Frau wird bagatellisiert

„Paare, die zusammen ein Unternehmen führen, empfinden ihre Situation häufig wie ein Gefängnis“, sagt Schreyögg. Zu den Konflikten, die sich innerhalb einer Beziehung ergeben, gesellen sich auch noch die Probleme, die das Umfeld an das Paar heranträgt. "Es gibt immer Verdächtigungen aus dem Kollegenkreis", glaubt Schreyögg. Die Vermischung von Arbeit und Liebe wirke sich besonders auf die Frau negativ aus, die auch heute noch meistens in der schwächeren Position sei. Besonders kompliziert sei der Fall, wenn die Beziehung Hierarchieebenen überbrücke. "Gerade in Familienunternehmen wird die Rolle der Ehefrau dann bagatellisiert, sie hat keine Funktion, aber ihre Mitarbeit wird als selbstverständlich vorausgesetzt", sagt die Therapeutin.

In einem großen Unternehmen gerät die Freundin des Chefs hingegen schnell zwischen die Fronten: Die anderen Vorgesetzten mutmaßen, dass ihr verliebter Kollege den Mund nicht halten kann und Betriebsgeheimnisse ausplaudert, die nicht für die unteren Etagen bestimmt sind. Aber auch auf der eigenen Hierarchieebene wird die Frau isoliert. "Wer mit dem Chef ins Bett geht, wird gemieden, weil ihre Kollegen glauben, dass sie alles weiterträgt", sagt Schreyögg. Die Nähe zum Chef macht die Frau zum Außenseiter. Von den Unternehmen ist nach Ansicht von Schreyögg auch nicht allzu viel Hilfe zu erwarten, da diese Konflikte meist verdrängt würden. Sie bringt die Schwierigkeiten der Paare auf eine einfache Formel: "Die Arbeitswelt ist rational organisiert und eine Liebesbeziehung emotional. Das passt nicht zusammen."

E in Drittel aller Ehen mit Kollegen geschlossen

Oder gerade doch. Denn eben weil die Liebe nicht der Vernunft folgt, sind die Menschen auch dort anfällig für Versuchungen, wo sie die meiste Zeit des Tages verbringen - an ihrem Arbeitsplatz. Laut einer Studie des Gewis-Instituts wird ein Drittel aller Ehen mit Kollegen geschlossen. Nach prominenten Beispielen muss man nicht lange suchen: Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler, Jürgen Schrempp, heiratete seine Sekretärin, ebenso wie der Medienunternehmer Reinhard Mohn. Und Kai Diekmann, der Chefredakteur der Bild-Zeitung, machte die Journalistin Katja Kessler nicht nur zur Starkolumnistin des Blattes, sondern auch zu seiner Ehefrau. Es gibt jedoch auch Beispiele, wo die Beziehung nicht in einer Ehe mündete, sondern in der Kündigung. Das ist vor allem in amerikanischen Unternehmen der Fall, die traditionell weitaus strenger auf die Trennung von privaten und beruflichen Beziehungen achten. Besonders bekannt sind die Leitlinien der Supermarktkette Wal-Mart, die Beziehungen am Arbeitsplatz rundweg verbietet, solange die Beteiligten ihre "Arbeitsbedingungen gegenseitig beeinflussen können". Auch dem ehemaligen Vorstandvorsitzenden des amerikanischen Flugzeugbauers Boeing, Harry Stonecipher, wurden seine Gefühle zum Verhängnis. Nachdem sein Verhältnis zu einer Managerin des Unternehmens öffentlich geworden war und ihre bilateralen Liebes-E-Mails im ganzen Haus kursierten, musste er gehen. Denn Stonecipher hatte - was besonders pikant war - mit seinem Handeln gegen Regeln verstoßen, die er vorher selbst erlassen hatte.

Doch nicht jedes Unternehmen hat etwas gegen interne Paare einzuwenden. In der Regel stoßen amouröse Geschichten zwar in der Kaffeeküche oder beim Betriebsfest auf Interesse, solange das Geschäft nicht leidet, scheren sich die Chefs jedoch wenig darum. Doch es gibt auch solche, die Mitarbeiter geradezu im Doppelpack suchen. Von Claus Hipp, dem Inhaber des gleichnamigen Herstellers von Babynahrung, ist zum Beispiel bekannt, dass er besonders gerne Paare einstellt. Der Grund dafür ist jedoch weniger romantisch als pragmatisch: Schließlich hätten Ehepartner den kürzesten Dienstweg und würden auch nach Feierabend noch über das Unternehmen sprechen. Dazu kommt aus Sicht des Arbeitgebers, dass wohl kaum etwas motivierender wirkt als der Ansporn, dem Objekt der Begierde etwas beweisen zu wollen. Eine attraktive Kollegin kann auch den lahmsten Mitarbeiter in Dynamik versetzen, und auch Überstunden werden auf einmal mit einem Lächeln erledigt, wenn die Person des Herzens im Zimmer gegenüber sitzt.

Häufig in kreativen Berufen

Die Kommunikationsberaterin und Autorin des Buches "Rendezvous am Arbeitsplatz", Meike Müller, sieht nicht nur Nachteile darin, sowohl Bett als auch Schreibtisch miteinander zu teilen. Davon abgesehen, dass die Wahrscheinlichkeit bei vielen Arbeitnehmern schon alleine aus Zeitgründen dafür spricht, seinen Partner im Jobumfeld zu finden, sprechen auch oft gleiche Interessen für eine glückliche Beziehung unter Kollegen. "Der Arbeitsplatz ist als Ort, um sich kennenzulernen, sehr gut geeignet", glaubt Müller. Schließlich sind ein ähnlicher Bildungshintergrund und Verständnis für die Arbeit des anderen ein gutes Fundament für eine langfristige Beziehung. Außerdem gibt es zwischen strategischem Meeting und Weihnachtsfeier unzählige Möglichkeiten, sich eine Meinung über die Stärken und Schwächen des anderen zu bilden und zu prüfen, ob der andere die Kriterien erfüllt, die einem in der Beziehung wichtig sind. Reagiert der Kollege auf Stresssituationen mit cholerischen Anfällen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er es auch im Privatleben tut. Zeichnet er sich hingegen durch Zuverlässigkeit und Ordnung aus, kann man sicher sein, dass er auch in der heimischen Küche kein Chaos veranstalten wird.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Möglichkeiten, die der Job oft jenseits der Tagesordnung bietet, einander besser kennenzulernen. Deswegen seien Unternehmenspaare auch in den Berufen besonders oft zu finden, in denen Arbeit und Freizeit nicht so strikt voneinander getrennt seien. "Die Trennung verläuft nicht nach Branchen, sondern die Art zu arbeiten macht den Unterschied", sagt Müller. Deswegen käme es in kreativen Berufen auch häufiger zu Beziehungen zwischen Kollegen, da es dort nicht selten zur Unternehmenskultur gehöre, auch nach Feierabend noch etwas miteinander zu unternehmen.

Die Freude an der beruflichen Gemeinsamkeit hat jedoch spätestens dann ein Ende, wenn Paare feststellen, dass die Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit nicht mehr möglich ist. Müller empfiehlt Paaren, Regeln festzulegen, sollte die Trennung nicht mehr von alleine klappen. "Ich kenne Paare, die vereinbart haben, nur an bestimmten Wochentagen über die Arbeit zu sprechen", sagt Müller. Überhaupt sei es ausgesprochen wichtig, sich von Anfang an bewusst zu machen, welche Probleme eine Beziehung im gleichen Unternehmen mit sich bringen kann. "Es gibt sogar Fälle, in denen die Paare vorab geklärt haben, was sie im Falle einer Trennung tun werden", sagt Müller. Offene Gespräche seien jedoch nicht nur innerhalb der Beziehung das beste Mittel, um eine mögliche Eskalation zu verhindern. "Vorgesetzte und Kollegen fühlen sich im Zweifelsfall hinters Licht geführt, wenn eine Beziehung vor ihnen verschwiegen wird."

Manchmal hilft nur noch ein Wechsel

Das sei vor allem der Fall, wenn die Partner auf unterschiedlichen Hierarchieebenen angesiedelt seien. Um Behauptungen vorzubeugen, den Liebsten zu bevorzugen, sind Vorgesetzte, die mit Untergebenen zusammen sind, im Berufsalltag häufig besonders streng und kritisch mit dem Partner. Einigen Vorgesetzten - meistens sind es noch immer Männer - fällt es auch schwer, die Rolle des Chefs zu Hause abzulegen. Falls Gespräche und vereinbarte Regeln nicht zu einer Lösung der Situation führen, rät Müller, im Unternehmen auf Distanz zu gehen, oft reiche schon ein Wechsel in eine andere Abteilung. Größtmöglichen Abstand empfiehlt Müller vor allem dann, wenn die Beziehung beendet ist. "Jetzt sollte man erst einmal zusehen, den Job zu sichern, und lieber Urlaub oder ein Sabbatical nehmen, anstatt in einer Kurzschlussreaktion zu kündigen, weil die Situation unerträglich scheint", sagt die Fachfrau. Entspanne sich die Situation jedoch auch nach einiger Zeit nicht, weiß Müller auch nur noch einen Rat: Einer der beiden ehemaligen Partner muss wohl das Unternehmen wechseln.

Text: F.A.Z., 28.04.2007, Nr. 99 / Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak

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