28. April 2007 Wer Karriere machen möchte, sollte vielleicht nicht Sprachwissenschaften studieren – eine gewisse Sensibilität im Umgang mit der Sprache kann allerdings nicht schaden. Biete ich dem Neuen in der Firma das Du“ an, oder verliere ich dadurch meine mühsam erworbene Autorität? Unterzeichne ich die E-Mail an den älteren Kollegen mit freundlichen“, besten“ oder herzlichen“ Grüßen? Ist die Anrede eines Mitarbeiters mit dessen Kürzel zeitgemäß oder bloß Ausdruck der Entmenschlichung von Arbeitsprozessen? Legt der Geschäftsführer, dessen Vorfahren ostelbische Junker waren, Wert auf das von“ in seinem Namen?
Mit solchen Fragen hat Felicitas Freiin von Elverfeldt häufig zu tun. Die Frankfurter Wirtschaftspsychologin, die im Gespräch keinen Wert auf den Adelstitel legt, schult Führungskräfte von Dax-Unternehmen. An der Art, wie miteinander kommuniziert wird, sagt sie, lasse sich viel über die Kultur eines Unternehmens ablesen. Wenn sie in Konfliktfällen um ihre Moderationsdienste gebeten wird, ist die Sprache einer der Anknüpfungspunkte. Eine ihrer Kundinnen, Mitglied im Vorstand eines großen Unternehmens, war mit allen per Sie“, außer mit einem Mitarbeiter, den sie noch aus gemeinsamen Studienzeiten kannte. Die unterschiedliche Anrede bereitete ihr Unbehagen. Also riet ihr Elverfeldt, im Vorstandskreis offen darzulegen, wie es dazu gekommen sei, um so Missverständnisse auszuräumen. Wie wichtig sprachliche Sensibilität im Geschäftsleben ist, zeigt noch ein anderer Fall aus Elverfeldts Berufspraxis: Jüngst hatte sie mit einer Führungskraft einer großen deutschen Bank mit Hauptsitz in Frankfurt zu tun. Nach zehn Jahren reibungsloser Zusammenarbeit hatte der Chef einen Mitarbeiter zu sich ins Büro befohlen: Er finde es unmöglich, polterte er, dass er, der Mitarbeiter, ihn in E-Mails schon so lange mit Hallo“ und nicht mit sehr geehrter Herr“ anrede.
Früher, als in der Geschäftswelt das Sie“ obligatorisch war, konnten solche Schwierigkeiten erst gar nicht entstehen. Dann kamen die Achtundsechziger, später ihre Kinder, die Ende der neunziger Jahre nicht selten direkt von der Schulbank ins Büro eines Start-up-Unternehmens katapultiert wurden. In vielen dieser Firmen wurde das Du“ zum Ausdruck einer dynamischen Unternehmenskultur, die erst den Teamgeist“ und dann die Produktivität befördern sollte.
Einige Firmen sind noch heute davon überzeugt: Bei der internationalen Unternehmensberatung Accenture etwa, deren deutscher Hauptsitz in Kronberg liegt, duzen – mit wenigen Ausnahmen – Neueinsteiger auf der untersten Hierarchiestufe die Senior Executives“ in der Chefetage. Das wird ihnen schon im Auswahlverfahren beigebracht. In E-Mails werden auch solche Mitarbeiter mit Vornamen angesprochen, die man noch nie gesehen hat. Diese Art der Kommunikation, sagt die Leiterin der Abteilung Personal-Marketing, Simone Franz, stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl, ohne zu Respektverlust zu führen. Auch beim Möbelhaus Ikea ist das Du“ längst zum ungeschriebenen Gesetz geworden: Jeder duzt jeden, auf Wunsch sogar den Kunden. Das habe mit der schwedischen Provenienz des Unternehmens zu tun, sagt eine Sprecherin. Die formale Ansprache sei dort dem Königshaus und alten Leuten vorbehalten. Außerdem sei das Du“ Ausdruck der Unternehmensphilosophie: flache Hierarchien, direkte Ansprechbarkeit“.
Ganz andere Wurzeln hat der scheinbar joviale Sprachgebrauch bei den Gewerkschaften. Die Arbeitnehmerzusammenschlüsse, sagt ein Sprecher des IG-Metall-Bezirks Frankfurt, seien einst als Notgemeinschaften entstanden, die sich gegen die Arbeitgeber durchzusetzen hatten. Das habe die Kumpel zusammenrücken lassen. Wenn heute Jürgen Peters, der Vorsitzende der IG Metall, nach Frankfurt komme, begrüße er ihn ganz selbstverständlich mit Hallo, Jürgen!“.
Hallo, Petra!“ ist in Frankfurt dagegen seltener zu hören. Gunter Stemmler, Referent der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, hält es für selbstverständlich, dass im Rathaus jeder würdevoll“ angesprochen werde; dazu gehörten natürlich das Sie“ und die Anrede mit Herr“ und Frau“. Eckhard Götzl, Leiter des Personalamts, sagt, es gebe zwar keine strengen Protokollvorschriften bei der Stadt, wir halten aber nichts davon, wenn sich Chefs und Pförtner aus Prinzip duzen“.
Fachleute sagen, es gebe kein Patentrezept für den richtigen sprachlichen Umgang. Es hänge ab vom Image, das ein Unternehmen anstrebe, und von der Branche, in der es tätig sei. Dass sich Leute, die beim Film arbeiten, eher duzen als Beamte, dürfte nicht überraschen“, sagt Walter Straub, Gründer und Aufsichtsrat des Beratungsunternehmens Com-Team. Man könne aber auf diese oder jene Art respektvoll und produktiv miteinander kommunizieren. In einigen Unternehmen, in denen die Mitarbeiter aus praktischen Gründen nur noch mit ihren Funktionen angesprochen würden, sei das nicht mehr gewährleistet. Als Straub bemerkte, dass in den Gesprächsprotokollen seiner eigenen Firma die Mitarbeiter nur als Kürzel vorkamen, hat er protestiert, wie er sagt. Seitdem werden bei Com-Team wieder die vollen Namen verwendet.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: fotolia.com