Sicherheit ist subjektiv

Schlafen in der Sicherheitszelle

Von Claudia Bröll

Scheinbar heile Welt: die Nachbarschaft am Kap

Scheinbar heile Welt: die Nachbarschaft am Kap

15. März 2008 

Tiefblaues Meer, weißer Sandstrand und das Massiv des malerisch mit einer kleinen Wolke bedeckten Tafelbergs - wenn Touristen nach Südafrika reisen, hören sie meist gar nicht auf zu schwärmen. Das Land kann mit so vielen landschaftlichen Schönheiten aufwarten, dass es nicht umsonst zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen gehört. Unzählige Werbefilme wurden an den Kapstädter Stränden Clifton und Campsbay gedreht. Die Prominenz aus der ganzen Welt gibt sich am Kap buchstäblich die Klinke in die Hand.

Der Arbeitsalltag jedoch sieht anders aus. Wer daran denkt, aus dem kurzen Urlaubsvergnügen einen längeren Arbeitsaufenthalt zu machen, lernt bald die andere Seite des Lebens in Südafrika kennen. Das Wirtschaftszentrum des Landes und damit der Großteil der Arbeitsplätze für ausländische Arbeitskräfte liegt nicht im lieblichen Western Cape, sondern rund um Johannesburg, in der Provinz Gauteng. Diese macht weniger mit touristischen Attraktionen als mit Gewalttaten von sich reden. Täglich ist in den Zeitungen von Einbrüchen, Überfällen, Morden zu lesen. Immer mehr Arbeitnehmer empfinden eine Entsendung nach Südafrika daher als russisches Roulette.

Verheerende Wirkung auf Investoren

Schwer verwundet: Wo Arm und Reich Tür an Tür wohnen, ist Gewalt alltäglich

Schwer verwundet: Wo Arm und Reich Tür an Tür wohnen, ist Gewalt alltäglich

Lars Kelp hat sich den Umzug gut überlegt. "Wenn man frisch verheiratet ist, macht man sich natürlich Gedanken um die eigene Sicherheit und die Sicherheit der Familie", sagt der 38 Jahre alte Marketing-Direktor des amerikanischen Konsumgüterherstellers Procter & Gamble, der für drei Jahre nach Johannesburg entsandt wurde. "Letztlich aber überwogen die Neugierde und der Drang, ein neues Land und eine neue Kultur kennenzulernen." Seit sechs Monaten lebt Kelp mit seiner Frau in einem bewachten Wohnkomplex im Norden der Stadt. Passiert ist ihm bisher nichts.

Nach der neuesten Polizeistatistik sind im zweiten Halbjahr 2007 im ganzen Land fast 9000 Menschen ermordet worden, und 100.000 sind Opfer schwerer Raubüberfälle geworden. Die Amerikanische Handelskammer warnte vor kurzem vor einer verheerenden Wirkung auf Auslandsinvestoren. "Amerikanische Unternehmen sehen die Verbrechen und insbesondere die Gewaltverbrechen mit Sorge. Es wird schwieriger, dringend benötigte Mitarbeiter nach Südafrika zu locken", sagt Luanne Grant, Executive Director der Amerikanischen Handelskammer. Auch viele Deutsche winken ab, wenn es um eine Versetzung nach Südafrika geht. "Vor allem Familien mit Kindern wollen das Risiko nicht eingehen, hierher zu kommen", sagt Gerda Jackson von der Deutsch-Südafrikanischen Handelskammer.

B ewachte Siedlungen mit Sicherheitskräften

Anti-Gewalt-Protest in Kapstadt, Mai 2006

Anti-Gewalt-Protest in Kapstadt, Mai 2006

Um im Werben um hochqualifizierte Mitarbeiter nicht ins Hintertreffen zu geraten, investieren die Unternehmen kräftig in die Sicherheit ihrer Mitarbeiter. Daimler Chrysler beispielsweise inspiziert jedes Haus eines Neuankömmlings, ob die Fenster vergittert sind, ob freistehende Häuser von einem elektrischen Zaun umgeben, ob Bewegungsmelder im Garten und Alarmanlagen im Haus installiert sind. Als besonders sicher gilt ein Haus mit einer "Sicherheitszelle", einem vom Wohnbereich mit Gittertüren abgetrennten Schlafbereich. Beliebt sind auch bewachte Siedlungen mit Sicherheitskräften, die rund um die Uhr patrouillieren.

Viele Arbeitgeber finanzieren ihren Angestellten zudem einen Hijacking-Vermeidungskurs. Das Hijacking zählt zu den meistverbreiteten Straftaten in Südafrika. Diebe zwingen Autofahrer mit vorgehaltener Waffe, ihr Auto zu verlassen, steigen ein und fahren davon. Mitte der neunziger Jahre erreichte die Zahl der Hijackings im ganzen Land ihren Höhepunkt mit 16.000 Fällen. Damals brachte ein Erfinder sogar ein Fahrzeug mit einem Flammenwerfer auf den Markt. Seitdem sind die Zahlen etwas zurückgegangen, liegen mit etwa 13.000 aber immer noch auf hohem Niveau.

Armut im Aufschwung

Armut im Aufschwung

"Wir können uns vor Anfragen von Unternehmen kaum retten", sagt Lucas Monhanyedi vom BMW Fahrertraining, "das ist leider die traurige Realität." Er übt mit seinen Kursteilnehmern auf einer Rennstrecke nördlich von Johannesburg den Ernstfall. "Ruhig bleiben, Hände hoch halten, immer wieder sagen ,Du kannst das Auto haben', empfiehlt er. "Langsam und gut sichtbar den Gurt öffnen, Schlüssel stecken lassen, mit erhobenen Armen aussteigen, schnell weggehen und sich so weit entfernt wie möglich auf den Boden legen." Nach seinen Erfahrungen stecken hinter den Hijackern oft gutorganisierte Banden mit weitreichenden Verbindungen zur Polizei und zur Justiz. Die meisten Überfälle passierten freitags, wenn die Autofahrer sich auf das Wochenende freuten und unachtsamer seien. Häufig schlügen die Verbrecher vor der Einfahrt in die Garage zu.

Acht Monate im Jahr ist Sommer

Auf die Frage hin, warum "Expats" dennoch nach Südafrika ziehen, antworten die meisten: "Wegen der hohen Lebensqualität. Wenn die Kriminalität nicht wäre, wäre es perfekt." Acht Monate im Jahr ist Sommer. Die Entsandten leben in der Regel in Häusern mit großen Gärten und Swimmingpools. Nannys kümmern sich um die Kinder, Dienstmädchen um den Haushalt. Das private Gesundheitswesen und die Privatschulen in Südafrika haben europäischen Standard. Viele Briten beispielsweise schicken ihre Kinder auf südafrikanische Internate. Diese genießen einen ähnlichen Ruf wie die Edelinstitute auf der Insel, sind aber billiger. Und in der Freizeit locken Ausflüge ans Kap oder in den Busch.

Lars Kelp sieht darüber hinaus beruflich viele Vorteile seiner Entsendung nach Südafrika. "Hier habe ich die Chance, in einem wirtschaftlich aufstrebenden Land zu arbeiten, das als Hoffnungsträger eines gesamten Kontinents gilt", schwärmt er. Südafrika hat gerade die längste und stärkste Wachstumsphase in der Geschichte erlebt. 14 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist das Land zudem dem Ideal einer "Regenbogennation" näher gekommen - zumindest in den Johannesburger Bürotürmen. "Die bunte Mischung der Belegschaften ist ungemein spannend", sagt Kelp. Hinzu kommt ein entspannterer Arbeitsalltag als in so manchem Finanzzentrum in Europa. An einen Wegzug denkt der Berliner, der zuvor in Frankfurt, Budapest und Genf arbeitete, daher nicht. "Man durchläuft Phasen, in denen man sehr verängstigt ist, und Phasen, in denen man sich sicher fühlt und das Leben genießt. Sicherheit ist ein subjektives Empfinden, das mit den harten statistischen Fakten wenig zu tun hat. Außerdem gewöhnt man sich an die Schreckensgeschichten und die Kriminalität - so schwer vorstellbar das sein mag."

Text: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite C4
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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