Arbeiten im Ausland

Aus Deutschland in die Welt

Von Sven Astheimer und Nico Fickinger

11. Oktober 2007 Die Welt tickt französisch. Dieser Eindruck könnte sich aufdrängen beim Anblick der Personaltableaus internationaler Organisationen. Kein anderes Land stellt derart viele Führungskräfte auf allerhöchster Ebene: Der ehemalige EU-Kommissar Pascal Lamy ist der wichtigste Mann in der Welthandelsorganisation, Jean-Claude Trichet wacht als oberster Währungshüter an der Spitze der Europäischen Zentralbank über die Stabilität im Euro-Raum, und vom 1. November an wird Dominique Strauss-Kahn das einflussreiche Wort des Internationalen Währungsfonds (IWF) führen. Und die Deutschen? Klaus Töpfer hielt früher als Generaldirektor des UN-Umweltprogrammes das Fähnlein hoch, doch seit dem Umzug von IWF-Direktor Horst Köhler ins Bundespräsidialamt fehlt dem Land eine schwergewichtige Stimme von internationalem Klang. Die Deutschen als Karrieremuffel auf internationalem Parkett?

Nein, Grund zur Klage sieht die Bundesregierung nicht. Denn für die 56 000 internationalen Stellen des höheren Dienstes gilt zunehmend: Man spricht Deutsch. Seit 1998 ist die Zahl der Deutschen in den mehr als 200 internationalen Organisationen von 3400 auf 5400 gestiegen, ihr Anteil wuchs von 8,8 auf 9,1 Prozent. So viel kann kein anderes Land vorweisen. In den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union sieht es besonders gut aus, sagt Brita Wagener, die in Berlin die internationale Personalpolitik koordiniert.

„Das mit Abstand erfolgreichste EU-Mitgliedsland“

Ihre Stelle wurde 2000 eigens im Auswärtigen Amt eingerichtet, um den Einsatz deutschen Personals in internationalen Organisationen zu fördern - mit einigem Erfolg: In der EU-Kommission wurde im vergangenen Jahr jede fünfte Stelle, die über einen Einstellungswettbewerb („Concours“) zu besetzen war, an einen Deutschen vergeben. Die Bundesrepublik sei damit „das mit Abstand erfolgreichste EU-Mitgliedsland“, lobt Wagener. Das Auswahlverfahren der Vereinten Nationen hätten 2005 fast viermal so viele Bewerber bestanden wie 2002. Dieser Erfolg hat aber auch seine Schattenseite: Seit 2006 nimmt Deutschland, da es nunmehr angemessen im UN-Sekretariat vertreten ist, nicht mehr an dem Verfahren teil; erst kommen Bewerber aus unterrepräsentierten Staaten zum Zuge. Dieser vergleichsweise einfache Zugang über Wartelisten bleibt den heimischen Kräften also bis auf weiteres versperrt.

Doch nicht überall sind die Deutschen so stark vertreten. Das gilt für die Internationale Arbeitsorganisation ILO, Nato und Weltgesundheitsorganisation WHO, Welthandelsorganisation WTO, Weltbank, Internationalen Währungsfonds IWF und Europäische Weltraumbehörde ESA. „Für deutsche Bewerber ergeben sich hierdurch im Umkehrschluss zusätzliche Chancen“, sagt Wagener.

Nachwuchskräfte mit vier bis fünf Jahren Berufserfahrung müssen nicht mehr durch das Nadelöhr der Wettbewerbe, sondern können sich auf die sogenannten P3-Stellen bewerben, die öffentlich ausgeschrieben werden. Hier freilich schneiden die Deutschen nicht immer gut ab. „Die können sich nicht so gut präsentieren. Entweder sind sie zu zurückhaltend oder zu selbstbewusst und fordernd.“ Absolventen aus angelsächsischen Ländern kämen oft besser weg, sagt Wagener. Das werde häufig auch in Gruppendiskussionen erkennbar, wenn es darum gehe, seinen Standpunkt gegen andere Kandidaten zu verteidigen. „In Debattierclubs sind die Deutschen nicht die Stärksten.“ Zur besseren Selbstdarstellung der anderen kämen meist noch eine höhere Risikobereitschaft und eine bessere Vernetzung hinzu. Deshalb erfasst das Amt seit 2004 auch alle Deutschen, die bei internationalen Organisationen arbeiten, und fördert deren Vernetzung - zum Beispiel durch eine Konferenz am 11. und 12. Oktober in Berlin. Gemeldet haben sich 500 Interessenten, zugelassen wurden 200. Mit dieser Veranstaltung, die erst zum zweiten Mal durchgeführt wird, habe man ganz offensichtlich ein Bedürfnis der Auslandsdeutschen getroffen, sagt Wagener. Ein internetgestütztes Kommunikationsportal, das helfen soll, Landsleute rund um den Globus aufzuspüren, ist bereits in Planung; bis Mitte kommenden Jahres soll es fertig sein.

Vergütung soll locken

Oft springen deutsche Kandidaten aus finanziellen oder familiären Gründen ab. Manch einer mache sich auch Sorgen, ob ihm der befristete Ausflug auf das internationale Parkett nach seiner Rückkehr beruflich eher nutze oder schade. Dabei sollte gerade die Vergütung, die sich an den Spitzengehältern im öffentlichen Dienst orientiert, Hochschulabsolventen eher locken als abschrecken. Wer sich auf eine P3-Stelle der Welternährungsorganisation FAO in Rom bewerbe, erhält nach Wageners Worten etwa 6000 Euro im Monat.

Einen Königsweg zu internationalen Organisationen gibt es nicht, auch kein Paradestudium. Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Politologen haben als Allrounder generell gute Chancen, sagt Brigitte Schmieg von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), die für die Vermittlung auf solche Stellen zuständig ist. Häufig seien Spezialisten gefragt, etwa wenn die Atombehörde einen Kernphysiker sucht, die WHO Tierärzte oder die ESA einen Raumfahrtingenieur. Hier böten sich gerade für berufserfahrene Umsteiger Möglichkeiten. Neben den Fachkenntnissen sollten Interessierte breite Fremdsprachenkenntnisse vorweisen können, Auslandspraktika und -studium schmücken den Lebenslauf ebenfalls, sagt Schmieg.

Um den Deutschen den Überblick über die Stellenangebote zu erleichtern, hat das Auswärtige Amt auf seiner Homepage zwei Datenbanken eingerichtet. Im Stellenpool werden bis zu 1300 Offerten gesammelt - alle Positionen, die globale Organisationen aktuell im Internet anbieten. Im Personalpool können Bewerber ihr Profil hinterlegen - und hoffen, dass das Auswärtige Amt bei ihnen fündig wird. Außerdem veranstaltet das Ministerium Vorbereitungsseminare auf Auswahlverfahren und arbeitet mit Universitäten zusammen, wie beim Studiengang „International Relations“ in Potsdam und Berlin, zu dem ein Hauptseminar im Auswärtigen Amt gehört.

Noch lange keine Selbstläufer

Doch die Studiengänge mit internationalem Klang sind noch lange keine Selbstläufer. Jan Priewe hat im Jahr 2001 an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin den Masterstudiengang für „International and Development Economics“ mit ins Leben gerufen. Der Volkswirt räumt jedoch ein, dass der Anteil der deutschen Studenten relativ gering ist. „Im Gegensatz etwa zu den angelsächsischen Ländern ist in Deutschland das Verständnis für Entwicklungszusammenhänge aber nicht sehr ausgeprägt.“ Viele seiner deutschen Studenten, die den 2000 Euro teuren Abschluss nach drei Semestern anstrebten, stammten aus Diplomatenfamilien oder einem Umfeld mit ähnlichem Hintergrund. Als Erfolg wertet Priewe, dass viele der bisherigen Absolventen mittlerweile einen entsprechenden Job gefunden hätten. Eine ehemalige Studentin kümmere sich heute sogar beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um die Ausbildung ihrer Landsleute für eine Karriere auf internationalem Parkett.

Informationen im Internet:

Auswärtiges Amt: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/AAmt/AusbildungKarriere/IO-Taetigkeit/Uebersicht.html

ZAV: http://www.ba-auslandsvermittlung.de/DE/Home/Arbeitnehmer/BFIO/bfio.html

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.10.2007 Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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