Hilfe auf dem Berufsweg

Nicht ohne meinen Coach

Von Lisa Nienhaus und Nora Kraft

Coaching boomt - nicht nur in den Vorstandsetagen

Coaching boomt - nicht nur in den Vorstandsetagen

14. Mai 2008 

Es gebe natürlich Leute, die sagten: "Coaching - so einen Quatsch mache ich nicht", erzählt Unternehmer Jürgen Serr. Oder die fragten: "Was, du gehst zum Psychiater?" Doch heute - nach zweieinhalb Jahren Coaching - stört den Kräuterhändler das nicht mehr. "Wer so etwas sagt, braucht selbst einen Coach", findet er. Das sei im Geschäftsleben doch längst normal.

Coaching boomt - nicht nur in den Vorstandsetagen. Konservative Mittelständler aus der Provinz lassen sich heute ebenso coachen wie Architekten, Rechtsanwälte und das mittlere Management. Bei der Lufthansa nutzen jährlich zehn bis fünfzehn Prozent der rund 850 Führungskräfte das Angebot. "Coaching war bis ins Jahr 2000 in Teilen stigmatisiert", sagt Ellen Urban von der Personalentwicklung der Lufthansa. "Das hat sich gewandelt. Die Popularität hat zugenommen."

Globalisierung schafft Konkurrenz

Dafür findet Christopher Rauen, Vorsitzender des Deutschen Bundesverbands Coaching (DBVC), zwei Gründe: Auf der einen Seite wird der Druck in der Wirtschaft immer brutaler, weil die Globalisierung mehr Konkurrenz schafft und das Internet Preise vergleichbarer macht. Auf der anderen Seite kommt in den Unternehmen eine neue, jüngere Führungsgeneration an die Macht, die offener ist gegenüber psychologischer Beratung.

Dazu kommt: Manager und Unternehmer sind nicht die Einzigen, die - unter dem Druck von außen - offener dafür werden, sich auf ihrem Berufsweg professionell helfen zu lassen. Coaching leisten sich heute auch gewöhnliche Angestellte, Studenten und sogar Schüler (siehe Text unten links). Es gibt Einzel-, Paar- und Gruppencoaching, Angebote für Doppelspitzen, Mobbingopfer und Unternehmensnachfolger. Auch die Methoden sind vielfältig. Der eine lernt im Improvisationstheater, sich besser zu präsentieren (siehe Text rechts), der andere bearbeitet seine Probleme unter Anleitung am Flipchart.

S kurrile Angebote

Darüber hinaus existieren zahlreiche skurrile Angebote. Das reicht vom Clearing Coaching, das Menschen von der Besetzung durch verstorbene Seelenwesen befreien will, bis zum Coaching mit Pferden, die helfen sollen, "den individuellen Führungsstil wahrzunehmen und zu optimieren".

Das Problem: Die Berufsbezeichnung Coach ist nicht geschützt. Und weil sie gut klingt, heften sie sich viele ans Revers. Diesen Wildwuchs wollen die zahlreichen Coaching-Verbände verhindern, indem sie versuchen, den Begriff Coaching einzugrenzen. Rauen vom DBVC etwa nennt Coaching eine "Prozessberatung, die sich an Führungskräfte und Manager richtet und die keine vorgefertigten Lösungsvorschläge präsentiert". Die Lösungen würden stattdessen gemeinsam erarbeitet, was das Coaching von der klassischen Unternehmensberatung unterscheide. "Der Manager ist der Experte, der seine Lösung unter Anleitung selbst findet." Coaching sei vor allem im Einzelgespräch sinnvoll. Wenn mehrere dabei seien, fehle "der geschützte Raum, den der Mensch braucht, um sich zu öffnen."

Rauens Verständnis von Coaching ist weit verbreitet. Denn der Begriff hat ursprünglich nur einen Zweck gehabt: Die Psychologie in die Wirtschaft zu bringen. "Psychologen hatten früher Berührungsängste mit der Wirtschaft", sagt Rauen. "Und die Wirtschaft hat psychologisches Know-how für Quatsch vom Psychoonkel gehalten." Mit dem Begriff Coaching habe sich das geändert. "Die Wirtschaft braucht psychologisches Wissen", findet er. "Nicht als Therapie, sondern um praktische Aufgaben im Alltag zu bewältigen."

N ichts für den kleinen Geldbeutel

Sie kann es sich auch leisten. Bei einem durchschnittlichen Stundensatz von 150 Euro ist Coaching nämlich nichts für den kleinen Geldbeutel. Bei der Lufthansa zahlt man sogar zwischen 250 und 600 Euro pro Stunde. Da ein Coaching in der Regel neun Monate bis eineinhalb Jahre dauert und immer wieder im Abstand von einer Woche bis drei Monaten stattfindet, kommen schnell 10 000 Euro zusammen.

Nicht jede Firma will sich das leisten. Das Süßwarenunternehmen Katjes zum Beispiel hält nicht viel von Coaching. Personalleiter Karl Lechner begründet das mit der Größe der Firma: "Bei 500 Angestellten haben wir überschaubare Strukturen. Da ist dieses Instrument nicht angebracht."

Text: F.A.S.
Bildmaterial: fotolia.de

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