Von Friederike Haupt
04. Oktober 2008 Wie sehen glückliche Angestellte aus? Vielleicht so wie die Google-Mitarbeiter, die sich vor einigen Wochen ordentlich ins Zeug legten für ihren Arbeitgeber. Der ließ für seinen neuen Kartendienst Streetview“ Straßen in aller Welt fotografieren, unter anderem auch die Zufahrt zum eigenen Firmengelände in Kalifornien. Eigentlich ist das eine nüchterne Angelegenheit – wären da nicht die Angestellten, die rund um die Zentrale lustige Posen einnahmen und nun im Internet auf den Bildern zu sehen sind: bei fingierten Prügeleien auf dem Gehweg, mit Heiratsanträgen auf Pappschildern, zu sechst Luftgitarre spielend. Sieht ganz so aus, als würde ihnen ihre Arbeit viel Spaß machen.
Wer sich bei Google bewirbt, könnte darin jedenfalls ein Indiz für ein gutes Arbeitsklima sehen. Denn wer Zeit, Nerven und Humor für Quatschfotos im Dienste des Chefs hat, hat anscheinend seinen Traumjob gefunden. Einen Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter ausbeutet, will dagegen niemand. Doch zu erkennen, wo es nach der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag bald enttäuschend werden könnte, fällt gerade unerfahrenen Bewerbern schwer. Viele merken erst nach Monaten, dass sie gern unter ganz anderen Bedingungen arbeiten würden.
Orientierung verspricht eine Vielzahl von Arbeitgeber-Rankings. Doch die Frage, was einen guten Arbeitgeber ausmacht, beantworten sie sehr unterschiedlich. Das Absolventenbarometer“ des Trendence-Institutes etwa stellt die 100 Top-Arbeitgeber Deutschlands“ vor. Studenten und Absolventen wählen dafür aus einer Liste von Unternehmen diejenigen aus, die sie für besonders attraktive Arbeitgeber halten. In den Kategorien Business“ und Engineering“ gewann zuletzt BMW, das IT“-Ranking führt SAP an. An der anonymen Abstimmung beteiligten sich fast 22 000 Personen – die allerdings die Unternehmen meist nicht von innen kannten.
Mit einer anderen Methode kürt die Studie Topjob“ jedes Jahr die 100 besten Arbeitgeber im Mittelstand“. Heike Bruch von der Universität St. Gallen untersucht die Unternehmen in sechs Kategorien wie Kultur und Kommunikation“ und Familien- und Sozialorientierung“, dafür befragt sie unter anderem Mitarbeiter und Personaler. Zum Arbeitgeber des Jahres“ 2008 wählte die Professorin die Phoenix Contact GmbH, die industrielle Elektroartikel herstellt. Geldautomaten auf dem Firmengelände, Fitnessräume, Unterstützung bei der Vereinbarung von Berufs- und Familienleben, Mitspracherecht der Angestellten bei der Definition der Firmenziele – allesamt Pluspunkte für den Topjob“-Liebling. So gibt es inzwischen für fast jede Sparte und Branche eine passende Rangliste: Führungskräften hilft die Hewitt-Studie Top Companies for Leaders“ mehr als studentische Image-Einschätzungen. Wer international arbeiten möchte, sucht statt nach deutschen Mittelständlern eher in der Liste des Great Place To Work“-Institutes.
Ranking gut, alles gut – ist die Formel so einfach? Rankings sind eine gute Orientierung, dürfen aber nicht die einzige sein“, schränkt Udo Bohdal ein. Er ist Partner für Personalfragen der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte. Die Anführer der Rankings seien oft Unternehmen mit Marken, die Emotionen auslösen: Bei Porsche zu arbeiten klingt flott. Das trage zur positiven Bewertung bei, lasse sich aber nicht automatisch auch auf Karrieremöglichkeiten und Arbeitsinhalte übertragen. Auch seien manche Konzerne besonders präsent an Hochschulen. Wenn die in jedem Semester an die Uni kommen und mit den Studierenden sprechen, prägt das das Bild.“ Bohdal rät deshalb, sich auf die eigene Recherche zu verlassen und viele unterschiedliche Informationsquellen zu nutzen.
Wer sich bei einem Unternehmen bewerben will, kann schon im Internet erste Eindrücke sammeln: Auf Bewertungsportalen wie kununu.de und jobvoting.de benoten Arbeitnehmer ihre aktuellen und ehemaligen Arbeitgeber. Kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, wenig Urlaubstage allgemein. Unter dem Strich: Finger weg“, heißt es zum Beispiel in einer Bewertung. Häufen sich die Beschwerden, ist zumindest Skepsis angebracht. Im Vorstellungsgespräch kritisch danach zu fragen, wird kein guter Personalverantwortlicher einem Bewerber verübeln. Das gilt übrigens ebenso für die Frage danach, warum die Stelle überhaupt frei ist. Vorab schadet auch ein Blick in eines der vielen Arbeitnehmerforen wie Arbeits-ABC“ nicht. Der Nutzer Harry“ etwa klagt darauf über seinen Chef und die nur sechswöchige Probezeit – und über einen Kollegen, der keinen Bock auf mich“ hat.
Den besten Eindruck von einem potentiellen Arbeitgeber aber vermittelt zweifellos die persönliche Begegnung. Wer ein Praktikum bei seinem Wunschkandidaten macht, lernt etwa mögliche künftige Kollegen und Chefs in ihrem Arbeitsalltag sehr gut kennen. Aber auch das Bewerbungsverfahren selbst kann viele Anhaltspunkte liefern. Ein Rundgang durchs Haus gibt zwar keine Sicherheit darüber, ob dort der Traumjob wartet. Aber oft geben Kleinigkeiten den Ausschlag: Schon die Begrüßung an der Pforte lässt auf den Umgangston im Unternehmen schließen. Wird auf den Gängen gegrüßt oder gar geplaudert – oder eilt jeder seiner Wege? Auch die Einrichtung der Räume ist aufschlussreich, erst recht die Ausstattung der Arbeitsplätze: Wer sich auf einem abgeschabten Wackelstuhl vor einem brummenden Uraltrechner abrackern muss, verliert womöglich allein schon deshalb schnell den Spaß an der Arbeit.
All das sind Mosaiksteinchen, aus denen sich das Bild eines Arbeitgebers und der herrschenden Unternehmenskultur zusammensetzen kann. Am wichtigsten ist aber das persönliche Gespräch“, sagt Personalexperte Bohdal. Wird ein Headhunter oder eine Agentur vorgeschaltet, ist dies seiner Meinung nach kein gutes Zeichen. Besser, der spätere Vorgesetzte lässt sich auch selbst blicken.“ Wer gleich auf mehrere Gesprächspartner trifft, sollte auf deren Umgang miteinander achten: Sind Spannungen spürbar? Fallen spitze Bemerkungen über Kollegen oder andere Chefs? Dann ist Vorsicht geboten. Denn wo offen gelästert wird, wird oft auch intrigiert.
Wer als Bewerber schließlich schon andere Mitarbeiter des Unternehmens treffen und befragen dürfe, könne das als gutes Zeichen werten, sagt Bohdal. Interviewer, die dagegen ausufernd PR-Phrasen dreschen und das eigene Unternehmen loben, kommen bei ihm nicht gut weg. Wichtig ist, dass der Bewerber viel von sich erzählen darf“, sagt er. Wie stellen Sie sich Ihr erstes Jahr bei uns vor?“, danach frage ein interessierter Vorgesetzter oder Personalverantwortlicher zum Beispiel. Umgekehrt sollten Bewerber sich nach ihren potentiellen Chefs und Kollegen, Zuständigkeiten und Verantwortungen erkundigen. Das kann vor bösen Überraschungen schützen: Je mehr man weiß, desto unwahrscheinlicher ist die Enttäuschung später.
Und dann ist da noch die Probezeit. Sie ist wichtig für beide Seiten“, sagt Bohdal. Auch Bewerber sollten sie nutzen, um zu prüfen, ob sie sich im Unternehmen wohl fühlen. Manche Unternehmen setzten darauf, dass Neueinsteiger, die erst einmal mit Sack und Pack umgezogen sind, vor einem Austritt nach sechs Monaten zurückschrecken. Wer sich unbefristet bindet, sollte sich deshalb zunächst vielleicht lieber provisorisch einrichten, anstatt später nur aus Bequemlichkeit auf einer Stelle zu bleiben, die den eigenen Erwartungen nicht entspricht.
Woran sich das entscheidet, ist letztlich nicht in Rankings ablesbar, sondern hängt vom subjektiven Empfinden ab. Den Ausschlag geben eben zwei ganz persönliche Faktoren, sagt Udo Bohdal: Bauchgefühl und Sympathie.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak