Von Philipp Elsbrock
05. Januar 2010Die amerikanische Multimediakette Best Buy suchte im Sommer dieses Jahres einen Experten für das Marketing über neue Medien. Er sollte einen Universitätsabschluss haben, vier Jahre Jahre Führungserfahrung – und 250 Follower auf Twitter. Damit ist die Zahl der Abonnenten gemeint, die den Kanal des Bewerbers auf dem sozialen Netzwerk verfolgen und dessen bis zu 140 Zeichen langen Texte regelmäßig lesen.
Was für die Vereinigten Staaten gilt, wird auch in Deutschland zunehmend wichtiger. Für Web-2.0-Abstinenzler brechen auch hierzulande harte Zeiten an. Die Teilnahme am Mitmachnetz“ ist nicht mehr nur eine Option für die Freizeit. Für große Unternehmen mit einem Bezug zum Internet wird die Kompetenz ihrer Bewerber in diesen sozialen Medien immer wichtiger, wie Personalverantwortliche bestätigen.
Wie wichtig die Fähigkeit zum Umgang mit diesen Instrumenten gesehen wird, ist von der ausgeschriebenen Stelle abhängig. Besonders in den Abteilungen Vertrieb und Marketing haben Bewerber mit Erfahrungen aus dem Web 2.0 Vorteile. Vor kurzem hatten wir eine Position zu besetzen, in der Kenntnis und Nutzung von sozialen Medien ein Ausschlusskriterium war“, sagt Georg Bachmaier, als Talent & Acquisition Lead“ bei Microsoft zuständig für Neueinstellungen. Zu den ausgeschriebenen Aufgaben gehörte die Erarbeitung von Marketingplänen für die Zielgruppe Hochschulen, Kommunikationsstrategien inklusive. Wenn sich ein Bewerber auf diese Stelle mit den sozialen Netzwerken nicht auskennt, hat er keine Chance“, sagt Bachmaier.
Nicole Klawikowski verweist auf ähnliche Erfahrungen. Sie leitet das Personalmarketing von Vodafone. Zwar könne man die Kompetenz eines Bewerbers nicht allein an der Zahl seiner Kontakte festmachen. Generell sei dies aber ein wichtiger Indikator für Positionen in Werbung, Marketing oder Vertrieb. Gerade in der Kommunikationsbranche ist eine gute Vernetzung unabdingbar.“ Wenn ein Bewerber für eine Stelle in der Werbung lediglich in einem der verschiedenen Netzwerke wie Twitter, Facebook oder Xing vertreten sei, ohne Foto, mit nur drei Kontakten auf der Liste, frage sie nach dem Grund. Entscheidend sei nicht, jeden Hype mitzumachen. Bewerber müssen aber die Relevanz von neu aufkommenden Medien beurteilen können“, sagt sie.
Denn neben dem Kontakt zum Kunden und der Erschließung neuer Zielgruppen steht hinter dem verstärkten Einsatz von sozialen Medien ein weiteres Kalkül der Firmen: So werden sie attraktiver für eine bestimmte Gruppe von Bewerbern. Wie wollen wir vom Arbeitsmarkt wahrgenommen werden?“, lautet Klawikowski zufolge die Schlüsselfrage. Wenn ein Unternehmen auf Blogs und weitere moderne Kommunikationsmittel setze, habe dies Auswirkungen auf die Art der Bewerber.
Das Erscheinungsbild des Arbeitgebers nach vorn bringen“, sagt Frauke Baumgarten, Teamleiterin Rekrutierung der Otto Group. Wir haben früher Aspiranten mit dem Hintergrund E-Commerce und IT nicht bekommen“, berichtet Baumgarten. Seit einer Neuausrichtung mit dem Schwerpunkt Internet habe sich dies stark verändert, und man erhalte Zuschriften von der gewünschten Klientel. Otto unterhält unter anderem drei Twitterkanäle. Diese werden von Wirtschaftsinformatikern betreut, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Sie beantworten Fragen zu Produkten und verarbeiten Rückmeldungen von Kunden.
Abhängig vom Alter ist der Umgang mit den sozialen Netzwerken nach Baumgartens Erfahrung nicht. Die 34-Jährige twittert selbst – privat. Hochschulabsolventen aus der Generation der digital natives“ falle der Umgang allerdings leichter. Dennoch ist es aus ihrer Sicht eher eine Frage der inneren Einstellung“, ob man sich auf soziale Netzwerke einlässt oder nicht. Georg Bachmaier von Microsoft hat hingegen beobachtet, dass sich Bewerber im Alter von 35 bis 45 Jahren mit sozialen Netzwerken schwertun. Bewerber für Positionen des gehobenen Managements kennen sich damit häufig nicht aus“, sagt er.
Wenn es um die regionale oder globale Führungsebene eines Konzerns geht, ist das manchmal sogar von Vorteil. Dort bevorzugen wir Diskretion“, sagt Nick Johnston, der bei SAP Bewerber für die Märkte in Europa, Afrika sowie im Mittleren Osten auswählt. Netzwerke seien insgesamt wichtig, aber nicht an exponierter Stelle. Hier überwiegt die Angst der Unternehmen, die Geschäftsgeheimnisse irgendwann auf einem Twitterkanal zu finden. In diesem Moment wären 250 Follower absolut unerwünscht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp