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Lehre von der Wirtschaftskriminalität

Der Kriminalfall als Normalfall

Von Andreas Mihm



Betrogen wird fast überall
28. Februar 2008 
Der geschäftsführende Gesellschafter hat ein Problem. Trotz hoher Einlagen aus seinem Privatvermögen kommt sein mittelständisches Unternehmen auf keinen grünen Zweig. Der Oberbuchhalter ist das Problem. Das weiß der mit ihm freundschaftlich verbundene Gesellschafter noch nicht. Vielleicht ahnt er es. Jedenfalls soll die Steuerberatung kurzfristig Unterlagen für das in wenigen Tagen angesetzte Bankengespräch aufbereiten, von dem die Zukunft des Unternehmens abhängt. Der Steuergehilfe stößt auf einen Wust von Unterlagen und ist überfordert. Er fordert Hilfe an.

So klingt der Auftakt zu einer Fallstudie über Wirtschaftskriminalität in der staatlich anerkannten Berliner Steinbeis-Hochschule. Birgit Galley, Diplom-Kauffrau und Direktorin des Institute Risk & Fraud Management und seit mehr als zehn Jahren selbst im Ermittlergeschäft aktiv, hat den Fall vor Jahren selbst gelöst. Jetzt ist er Übungs- und Anschauungsmaterial für MBA-Absolventen der Hochschule. Oder wie an diesem trüben Wintermorgen für Revisoren und Controller, Juristen, IT-Fachleute und Wirtschaftsprüfer aus Banken, Autokonzernen, Pharmaunternehmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Sie sind zu einem zweitägigen Seminar nach Berlin gekommen, um mehr über Techniken und Strategien zu unternehmensinternen Ermittlungen zu erfahren.

Der Gesetzgeber heizt die Nachfrage an

Die interne Kontrolle der Geschäftsabläufe werde immer mehr zu einem Thema in den Unternehmen, sagt Galley. Und die suchen entsprechendes Fachpersonal. Auch der Gesetzgeber heizt die Nachfrage an. So müssen auch hiesige Unternehmen, vor allem Banken, vermehrt Vorkehrungen gegen Geldwäsche treffen. Wer an einer amerikanischen Börse gelistet ist oder mit öffentlichen Auftraggebern zusammenarbeitet, muss nachweisen, dass seine Geschäftsprozesse und Abläufe "sauber" und sicher sind. Der Kampf gegen Unterschlagung und Betrug im eigenen Unternehmen, die Abwehr krimineller Attacken von außen kommen hinzu. In internationalen Prüf- und Beratungsgesellschaften gehören eine entsprechende Beratung und die Abwehr von allen Formen von Wirtschaftskriminalität inzwischen zum Standard.

Viele Unternehmen sehen Wirtschaftskriminalität tatsächlich als "ernsthaftes Problem", wie eine KPMG-Studie schon im Jahr 2006 ergab. Demnach waren vier von fünf der befragten Betriebe in den drei Jahren zuvor von Diebstahl und Unterschlagung betroffen, jeder zweite von Untreue und Betrug und fast jeder fünfte von Korruption. "Ab 1000 Mitarbeitern haben Sie alles dabei, vom Betrüger und Kinderschänder bis zum ganz loyalen Angestellten", sagt Galley. Der Kriminalfall als Normalfall, da muss man nicht VW, Siemens oder Société Générale heißen.

Naivität, Organisation, Sorglosigkeit

Galley, die auch den amerikanischen Titel eines Betrugsermittlers (Certified Fraud Examiner, CFE) tragen darf, unterteilt das Täterverhalten in drei Zeitabschnitte: eine naive Phase, in der es eher aus Unachtsamkeit zu Unregelmäßigkeiten kommt, die zuweilen im Unternehmen sogar selbst auffallen. Phase zwei ist die organisierte, in der dann der größte Schaden angerichtet wird und Spuren kunstvoll verwischt werden, bis dann die "sorglose Phase" kommt. In der fühlt sich der Täter so sicher, dass er doch Fehler macht und schließlich entdeckt wird. "Es liegt an Ihnen, dafür zu sorgen, dass aus naivem Verhalten keine kriminelle Karriere wird", sagt Galley.

Auf Unregelmäßigkeiten stoßen die "Ermittler" im Datenwust der Fallstudie schnell. Da wurde über Monate eine Aushilfskraft abgerechnet, die gar nicht beschäftigt war, die Hochzeitsreise auf die Bahamas letztlich über das Unternehmen bezahlt, das vereinbarte Gehalt durch dauerhafte und großzügige Überweisungen Monat für Monat aufgebessert, der Kredit an die frühere Verlobte und heutige Frau des Buchhalters als uneinbringlich ausgebucht, Scheinrechnungen über mehrere zehntausend Euro an den Buchhalter und dessen Frau beglichen - bis am Ende ein Schaden von rund 200 000 Euro entstanden war. Die drei zufällig zusammengewürfelten Teams wühlen sich durch offensichtlich gefälschte Spesenbelege, haken Kreditkartenrechnungen ab und spüren Kontenbewegungen in der Buchhaltung nach. Für sie geht es vor allem um Erkenntnisgewinn. Für die Teilnehmer des MBA-Programms, die den Fall zu lösen hatten, ging es um Noten. Seit 2005 läuft die studienergänzende Ausbildung, und Galley ist stolz darauf, dass es im deutschsprachigen Raum keine vergleichbare gebe. Allenfalls in Luzern in der Schweiz, doch stehe dieser Weg nur Schweizern offen.

29.000 Euro für ein Paket aus Theorie und Praxis

29.000 Euro kostet die zweijährige MBA-Ausbildung. Das ist nicht billig. Dafür bekommen die 20 Teilnehmer je Jahrgang ein Paket aus Theorie und Praxis. 76 Tage binnen zwei Jahren büffeln sie Jura und Betriebswirtschaft, Informatik, Volkswirtschaft, befassen sich mit ethischen Fragen, Themen wie Interviewtechnik, Körpersprache, werfen einen Blick in die Kriminalistik. Am Ende steht eine Abschlussarbeit, die auch auf die konkreten Bedürfnisse und Interessen des Arbeitgebers ausgerichtet sein kann. Die Dozenten kommen nicht nur von Hochschulen, sondern auch von der Weltbank und dem Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (Olaf). Sie sollen so interdisziplinär sein wie die Bewerber. Die kommen aus Banken und Industriekonzernen, WP-Gesellschaften, Anwaltskanzleien, von der Staatsanwaltschaft, der Krankenkasse oder von der Polizei.

Am wichtigsten sei das Netzwerk, das man knüpfen könne, sagt Raimund Röhrich. Er gehört zum ersten Absolventenjahrgang, der seinen Abschluss im Herbst 2007 gemacht hat. Seine persönliche Rangfolge lautet: Kontakte, Know-how, Titel. Seine eigene Karriere habe das befördert, sagt der 31 Jahre alte Rechtsanwalt. Seit Januar steht er, nun zusätzlich mit dem schmückenden Titel Risk & Fraud Consultant ausgestattet, der Rechtsabteilung eines Geldhauses vor und ist deren Compliance Officer.

Die Teilnehmer der Fallstudie haben inzwischen die Untaten des Oberbuchhalters aufgedeckt. Bleibt die Frage, wie mit ihm zu verfahren ist: fristlos kündigen oder nur freistellen, damit er an das Unternehmen gebunden bleibt und für Befragungen zur Verfügung steht? Sollte man die Staatsanwaltschaft einschalten oder die Angelegenheit lieber doch nicht an die große Glocke hängen, was mit Sicherheit die Banken verschrecken würde? Das spräche auch gegen einen Arbeitsgerichtsprozess. Was sagt man der Belegschaft? Wie lauten die bilanziellen Konsequenzen für die Vorjahre? Können die Unregelmäßigkeiten in der Steuerbilanz durch eine Selbstanzeige aus der Welt geschaffen werden? Was ist mit den Nachzahlungen an die Sozialversicherung?

Im konkreten Fall des mittelständischen Unternehmens mit dem vertrauensseligen geschäftsführenden Gesellschafter ging das Bankgespräch positiv aus. Das Unternehmen ist wirtschaftlich gesundet - nicht zuletzt auch dank der Enttarnung des Wirtschaftskriminellen in den eigenen Reihen in letzter Sekunde.

MBA für Ermittler

Den staatlich geprüften Abschluss Master of Business Administration (MBA) in der Spezialisierung Governance, Risk & Compliance bietet die private Steinbeis-Hochschule in Berlin an. Das berufsbegleitende Aufbaustudium dauert zwei Jahre und ist in vier Semester unterteilt. Der Unterricht findet an 76 Tagen statt, meist in Berlin und in Blöcken von Donnerstag bis Samstag. Zum Programm gehören ferner zwei Auslandsseminare sowie Projektarbeiten und eine Abschlussarbeit. Als Aufnahmevoraussetzung werden genannt: Hochschulstudium mit Prädikatsexamen sowie eine mindestens zweijährige Berufserfahrung. Die Studiengebühren betragen 7250 Euro pro Semester. Der erste Studienjahrgang hat 2005 begonnen und 2007 seinen Abschluss gemacht. Der vierte Jahrgang beginnt im Oktober dieses Jahres.

Ausführliche Informationen unter www.risk-and-fraud.de

Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite C5
Bildmaterial: fotolia.com
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Wenn das Werbung für dieses MBA-Programm... 28.02.2008, 18:42
 
   
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