Von Tim Farin und Christian Parth
05. September 2007Der Fisch schmeckt nicht und das Wok-Gemüse nur nach Glutamat, an den Tischen fehlt die Würze im Gesprächsstoff, es wird gelästert und geglotzt - Genuss kommt keiner auf. Für viele Arbeitnehmer im ganzen Land ist die Kantine jener Abgrund, in den sie zwangsläufig sehen müssen, um ihren Grundbedarf an Kalorien widerwillig abzudecken. Allerdings ist das eine Frage der Perspektive. Das Betriebsrestaurant kann auch zum gewinnbringenden Ort werden. Ja: Die Kantine hat das Potential, jeden Arbeitstag zu beleben. Hier lässt sich sogar Karriere machen.
Beim Essen können ambitionierte Mitarbeiter Kontakte aufbauen und pflegen, sowohl zu Vorgesetzten als auch zu anderen Abteilungen, weiß Monika Scheddin, die Autorin des Ratgebers Erfolgsstrategie Networking. Das Betriebsrestaurant ist aber ein zweischneidiges Messer. Ich stehe nirgends so unter Beobachtung wie in der Firmenkantine, erklärt Scheddin, das hat enorme Auswirkungen auf meinen PR-Wert. Plaziert sich ein Trainee mit bekannten Drückebergern, so sinkt das Image. Es funktioniert aber auch anders, und dann beginnt bei Tisch der Aufstieg.
Ich sollte mir einen Plan machen, welche Leute ich kennenlernen will - ohne meine direkten Kollegen links liegenzulassen, rät die Erfolgstrainerin. Wer neu in ein Unternehmen kommt, sollte nicht gleich vorpreschen. Nach ein paar Monaten können Ambitionierte einen Tisch mit Kollegen aus anderen Abteilungen arrangieren. Wieder ein paar Monate später ist Lunch mit dem Chef angebracht. Grundsätzlich gilt: Mit Vorgesetzten nur in 10 Prozent der Fälle essen, mit Kollegen aus anderen Bereichen in 30 Prozent und in den meisten Fällen mit dem eigenen Büro-Umfeld. Damit die Gespräche mit Chefs etwas bringen, empfiehlt Scheddin, vorab eine Liste mit Fragen und Themen zu notieren. Schleimen muss man nicht - aber es geht um Respekt, den man signalisiert.
Auch deshalb ist das Textil von Bedeutung: Wenn ich ein Essen mit einem höherrangigen Mitarbeiter habe, sollte ich auch mit meinem Zwirn Respekt signalisieren und mich anpassen. Ein Reserve-Jackett für spontane Cafeteria-Dates empfiehlt sich. Für jeden beruflichen Networker lohnt zudem ein Etikette-Kurs, denn gute Manieren steigern den PR-Wert. Wenn es um die Wahl des Tellergerichts geht, hat das ebenfalls Folgen. Wer mittags oft zur Haxe greift, wird nicht fitter. Das lässt natürlich Rückschlüsse zu, wie gut dieser Mensch mit seinen Ressourcen haushalten kann, erläutert Scheddin. Allerdings sollte man Kollegen nicht mit Trennkost nerven. Ich sollte mich fragen, wie ich in Erinnerung bleiben möchte. Auch für die Karriere gilt: Man ist, was man isst.
Mit reinem Gewissen können die Mitarbeiter der Kölner Versicherung HDI-Gerling in die Currywurst beißen - zumindest, solange sie in ihrer Kantine speisen. 1998 beschloss die Geschäftsführung, die Küche auf Bio umzustellen. Der fröhliche Franke Bernhard Bonfig leitet die Öko-Küche und verzichtet auf künstliche Zusatzstoffe und Aromen. 30 Mitarbeiter stellen 1200 bis 1400 Essen täglich her, alles mit Öko-Produkten. Die Mentalität habe sich verändert: Als wir mit dem Bio-Essen angefangen haben, waren die Leute eher skeptisch, erinnert sich der einstige Fünfsternehotel-Koch. Doch Bio heißt nicht Körnerkost, Zeigefinger werden im Betriebsrestaurant nicht erhoben. Das Essen soll schmecken. Dafür bieten Bio-Fleisch und -Gemüse dank ihrer Frische beste Bedingungen. Der Küchenchef setzt auf Köche, die Erfahrung in der Edel-Gastronomie haben - und erhöht so den Genussfaktor. Gesund und sicher zu essen ist für die Mitarbeiter zum Lebensstil geworden, beobachtet Bonfig.
Wenn es mal Thunfisch im Salat gibt, klingelt sein Telefon. Man fragt ihn, wie diese Speise ethisch zu vertreten sei. Die HDI-Gerling-Kantine war Vorreiter der Bewusstseinsveränderung, die immer mehr Kantinen erfasst - und auch in die Familien der Mitarbeiter überschwappt. Regionalität, Transparenz und Umweltbewusstsein sind Faktoren, die das Mittagessen leicht verdaulich machen. Bernhard Bonfig glaubt, dass Bio sich für den Betrieb lohnt: Es gefällt den Mitarbeitern, dass sich das Unternehmen für solche Zwecke engagiert. Das wirkt sich positiv auf das Klima aus.
Die Kantine kann aber nicht nur dem Welt-Klimaschutz dienen, sondern auch Gelegenheit dazu geben, das Sozialleben im Betrieb zu fördern und die Hygiene der Zusammenarbeit zu steigern. Überhaupt kann die Kantine einen Schutz gegen Mobbing bieten, sagt Jürgen Heidenreich, Pädagoge und Psychologe aus Hamburg. Wenn Kollegen einander im privaten Gespräch kennenlernen, gewinnen sie Verständnis füreinander. Je offener die Gespräche, desto unwahrscheinlicher wird Mobbing, erklärt der Autor des Wirtschaftspraxisbuchs Kostenfaktor Mobbing. Klar: Es wird viel gelästert, ob nun über den Kuchen-Fan aus der eigenen Abteilung oder über die Blondine am Nebentisch. Aber Heidenreich findet das nicht schlimm. Beispielsweise fördert Lästern das Team-Building, analysiert der Experte. Auch kann ein fruchtbarer Wettbewerb aus leicht übler Nachrede entstehen. Das ist sogar gut für die Psyche, weil man beim Quatschen den Frust loswird. Der Spott über Dritte kann sogar Mobbing unterbinden, weil Gesprächspartner einschreiten können, weiß Heidenreich. Wenn die Sekretärin zum Chili eine feurige Tirade über den neuen Kollegen loslässt, findet sich meistens jemand, der sagt: Der ist doch gar nicht so schlimm. Und Chefs können bei der Mahlzeit erkennen, ob es Verstimmungen gegen Mitarbeiter gibt. Dann sollten sie ein-schreiten, fordert Heidenreich, der aber auch beobachtet hat, dass Vorgesetzte am Mobbing meistens maßgeblich partizipieren.
Der Ratgeber-Autor hat einen Tipp, welche Gesprächsinhalte jeder Mitarbeiter bei Tisch meiden sollte, um Fehlentwicklungen vorzubeugen: Man sollte nicht herablassend über sexuelle Neigungen, Behinderungen oder körperliche Gebrechen reden. So was kann sonst im Mobbing enden. Um ein Klima der Akzeptanz zu fördern, rät er Unternehmen, gewohnte Sitzordnungen aufzubrechen und die Tische neu zu arrangieren. Ein weiterer Ansatz: Wenn neue Mitarbeiter einen Paten an die Seite bekommen, der sie am Mittagstisch in eine Runde einführt, hilft das bei der Integration, meint Heidenreich.
Die Zeiten, in denen sich Buchhalter, Archivare und Handwerker in fensterlosen Betonbunkern bleischwere Braten einverleibten, gehören in immer mehr Unternehmen der Vergangenheit an. Gerade in profitablen Firmen heißt die Kantine längst Kasino oder Betriebsrestaurant und kommt als architektonische Imagepflege daher. Das Auge isst eben mit. Unternehmen setzen bei der Verpflegung ihrer Mitarbeiter immer häufiger auf ein stimmiges Ambiente. Es ist wichtig, dass der Kantinen-Gast nicht das Gefühl der Abfertigung bekommt, sagt Star-Architekt Jürgen Mayer, der für die Karlsruher Hochschulen eine neue Zentralmensa gebaut hat. Die Mischung aus Haptik, Geruch und Lichtstimmung hat die Studenten tatsächlich lukullisch zu neuen Leistungen getrieben. Die Anzahl der Essen erhöhte sich in dem anfangs belächelten Holzkonstrukt von 1800 auf 2700. Auch das soziale Konzept des Raumes ist aufgegangen. Die Studenten kommen jetzt auch außerhalb der Essenszeiten mit ihren Lerngruppen hierher, haben ein WLAN-Netz und Kaffeeecken.
Die Gestaltung der Leibesräume lassen sich die Firmen gerne einiges kosten. Die Dresdner Bank etwa verpflichtete Tobias Rehberger für eine neue Einrichtung. Der Esslinger Künstler richtete das Interieur am globalen Portfolio der Bank aus. Seitdem kann der Gast zwischen acht Sitzgruppen wählen. Moskau, Singapur und Mailand sind in Frankfurt nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Gerade in kurzen Mittagspausen könne eine stimmige Atmosphäre zum Höchstmaß an Entspannung beitragen, sagt Mayer. In Essenszeiten sollte der Gast Lust bekommen, auch einmal hochzuschauen und die Blicke schweifen zu lassen. Davon dürfte langfristig auch das Unternehmen profitieren. Die Umgebung reflektiert das Engagement und die Qualität des Arbeitgebers, erklärt Mayer. Sie bestimmt damit auch die Motivation der Mitarbeiter.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.09.2007, Seite C5
Bildmaterial: AP, BLOOMBERG NEWS, dpa, Dresdner Bank AG, F.A.Z. - Frank Röth, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS, WDR/Birckenbach