Quereinsteiger

Karriere auf Umwegen

Von Sarah Schuhen

Quereinsteiger kommen oft ans Ziel

Quereinsteiger kommen oft ans Ziel

24. September 2008 Ingrid Hentzschel war 29 Jahre alt, als sie noch mal ganz von vorne anfangen musste: Die Akademie für Gesellschaftswissenschaft in der DDR, für die sie bis dahin gearbeitet hatte, gab es 1990 plötzlich nicht mehr, genauso wenig wie den Staat, in dem sie bis dahin gelebt hatte. Ihre Chancen standen denkbar schlecht: Hentzschel hatte Koreanisch und Geschichte studiert und eine wissenschaftliche Karriere in der DDR hinter sich - nicht gerade ein Sprungbrett auf den westdeutschen Arbeitsmarkt. Doch Hentzschel ist eine Kämpfernatur: "Zum Nachdenken war damals keine Zeit, ich wollte einfach nur so schnell wie möglich rein in die Arbeit. Ohne Arbeit zu sein, das konnte ich mir nicht vorstellen", sagt die heute 46 Jahre alte Frau. Allein mit einer drei Jahre alten Tochter zog sie von Berlin nach Düsseldorf, nahm eine Stelle in einer Exportgesellschaft an. Sie arbeitete sich hoch, wechselte erst zur West LB und später zur NRW-Bank.

Heute hat Hentzschel es geschafft: Sie leitet das Beratungszentrum Ausland der NRW-Bank, das sie selbst aufgebaut hat - dabei hatte sie vom Finanz- und Beratungsgeschäft am Anfang ihrer Karriere keine Ahnung. Darauf hatte sie ihr Studium ganz und gar nicht vorbereitet. Doch Hentzschel merkte schnell: Es muss kein Nachteil sein, aus einem fremden Fachgebiet in die Finanzbranche zu wechseln, im Gegenteil: "Ich bin bei Bewerbungsgesprächen immer offensiv mit meinem Studium umgegangen", sagt sie. Und überzeugte so ihre neuen Chefs: "Wir brauchen Leute, die ein Verständnis für viele verschiedene Themen mitbringen, deswegen stellen wir gerne auch Bewerber an, die nicht aus der bankfachlichen Richtung kommen", sagt Nils Dorenbeck, Sprecher der NRW-Bank.

Der Fachkräftemangel vergrößtert die Chancen

Viele Unternehmen wollen ihren Horizont erweitern und stellen Quereinsteiger ganz bewusst ein: "Oft tragen Quereinsteiger spannende Sichtweisen und Erfahrungen in das Unternehmen hinein und schaffen einen Mehrwert durch besondere Auslandserfahrungen und exotische Sprachkenntnisse, die der Schlüssel für die Erschließung neuer Absatzmärkte oder Produktionsstandorte sein können", sagt Personalberater Tiemo Kracht von Kienbaum (Lesen Sie dazu auch das Interview mit Tiemo Kracht). Hinzu kommt der zunehmende Mangel an Fachkräften, der die Chancen von Quereinsteigern auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Dienstleister verzeichnen nach einer Studie des Institutes der deutschen Wirtschaft Köln den höchsten Zuwachs an Akademikern.

Von der Öffnung der Unternehmen für fachfremde Einsteiger profitieren vor allem die Studiengänge, denen tendenziell nachgesagt wird, schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben: So waren laut der Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Jahr 2005 von 572.571 Akademikern in der Berufsgruppe der Unternehmensleiter, -berater und -prüfer insgesamt 9,8 Prozent Absolventen der Sprach-, Kunst-, Sport- und Erziehungswissenschaften. "Dass diese Gruppe der Absolventen schwer zu integrieren sei, das lässt sich nun wirklich nicht mehr sagen", sagt Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft. Entscheidend ist vielmehr, wie flexibel die Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt reagieren. Und gerade da punkten laut der Studie die vermeintlich in die Arbeitslosigkeit mündenden Studiengänge.

Mehrwöchige Intensivtrainings vermitteln Basiswissen

Im Gegensatz zu Fachkräften sind die Karrieren von Quereinsteigern nicht vorhersehbar und ihre Lebensläufe bunter. Davon können die Unternehmen profitieren: Mit ihrer Offenheit für Neues erschließen Quereinsteiger den Unternehmen neue Aufgabenfelder. Personalberater Kracht ist sich sicher: "Quereinsteiger bleiben auch über längere berufliche Entwicklungsphasen Quereinsteiger, das heißt, ihr Werdegang ist nicht nur durch ein facettenreiches Aufgabenspektrum geprägt, sondern auch durch Branchen- und Standortwechsel. Der Weg ist hier häufig das Ziel." Es sind ihre Persönlichkeiten, wegen der die Arbeitgeber Quereinsteiger einstellen. "Diese Vorteile gehen nicht verloren, sondern ergänzen sich mit der neu hinzugewonnenen Expertise", heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Irgendwann sind die Quereinsteiger also im Unternehmen angekommen - exotisch bleiben sie aber trotzdem.

Viele von Hentzschels Kollegen arbeiten schon seit 25 Jahren bei der Förderbank, sind klassische Banker. Das Fachwissen, das die anderen schon hatten, musste sie sich hart erarbeiten. Wichtig ist deshalb, wie das jeweilige Unternehmen versucht, die Exoten zu integrieren. Bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) etwa hat man ein umfassendes Weiterbildungsprogramm für die zumeist jungen Quereinsteiger entwickelt: Mehrwöchige Intensivtrainings vermitteln ein Basiswissen an Betriebswirtschaft, danach werden die Berufsanfänger ins kalte Wasser geworfen, allerdings nie allein. In den Projektteams stehen ihnen erfahrene Mitarbeiter zur Seite.

Nur rund die Hälfte der Berater hat einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Der Rest setzt sich zusammen aus Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Geisteswissenschaftlern. "Im Zweifel wusste ich also immer, wen ich fragen kann", sagt Frauke Wildvang, die vor zwei Jahren als Beraterin bei BCG angefangen hat. Davor promovierte die heute 31-Jährige in Geschichte über die Judenverfolgung im italienischen Faschismus. Die Monate im Archiv und in der Bibliothek - eine andere Welt, verglichen mit dem Beraterjob, den sie nun macht. Trotzdem: "Ich habe viel aus dieser Arbeit mitgenommen: etwa Selbstdisziplin, Strukturierung von Problemen und Konzentration auf das Wesentliche", sagt Wildvang. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass diese Fähigkeiten ihr sehr helfen, wenn sie heute Strategien für Firmen entwickelt. Quereinsteiger, gerade auch Geisteswissenschaftler, werden von Personalverantwortlichen vor allem wegen ihrer interdisziplinären Fähigkeiten, ihrer Methoden- und Sozialkompetenz und dem hohen Maß an Selbstorganisation geschätzt, sagen die Arbeitgeberverbände.

„Man muss schon Motivation zeigen und sich weiterbilden“

Sogar die Wirtschaftsprüfer von KPMG greifen gelegentlich auf Quereinsteiger zurück. Als internationales Unternehmen sehen sie, wie es schon längst im Ausland läuft: "Tatsächlich stellt KPMG UK des Öfteren Quereinsteiger ein - das läuft da selbstverständlicher", sagt Roman Dykta, Leiter des Personalmarketings von KPMG in Deutschland. Doch er warnt auch: "Jemand, der absolut keine Zahlenaffinität hat, wird es bei uns schwer haben." Matthias Muckle mag Zahlen: Der 29 Jahre alte Mann hätte nach seinem Abschluss keine Schwierigkeiten gehabt, eine Stelle in seinem Bereich zu finden, schließlich hat er ein Ingenieursdiplom in der Tasche. Doch Muckle ging in den Beratungsbereich Immobilien zu KPMG. Eine Aufgabe, die Einsatz fordert: "Es ist ja klar, dass man das Wissen, was für Betriebswirtschaftler selbstverständlich ist, irgendwie aufholen muss, notfalls auch mal abends, wenn die anderen schon längst nach Hause gegangen sind, oder am Wochenende", sagt Muckle. In diesem Herbst beginnt er neben seinem Beruf ein Aufbaustudium zum Immobilienökonom, das vorwiegend am Wochenende stattfinden wird - Stress pur. Muckle räumt ein: "Man muss als Quereinsteiger schon Motivation zeigen, sich weiterbilden zu wollen, auch wenn das bedeutet, dass man keinen klassischen Nine-to-Six-Job hat."

Den Willen, sich weiterzubilden, hat auch Hentzschel in den 17 Jahren ihrer zweiten Karriere immer gehabt. Heute fordert sie ihn von ihren eigenen Leuten. Als Chefin schätzt sie Vielseitigkeit und Einsatzbereitschaft. In Brüchen im Lebenslauf sieht sie keine Schwäche, sondern eine Stärke: "Ich bin ganz sicher kein Fachidiot", sagt sie. Ihren Weg würde sie noch einmal so machen: "Mit etwas weniger Kurven vielleicht, aber im Grunde: ja!"

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak, Fotolia

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