Personalvermittlung

Profiteure des Fachkräftemangels

Von Til Huber

Können Sie frei sprechen?

Können Sie frei sprechen?

24. Juli 2007 

Er ist jung, gut ausgebildet, hat Berufserfahrung: Leute wie Hendrik Preuß werden derzeit händeringend gesucht. Er hat Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachgebiet Elektrotechnik studiert und arbeitet im mittleren Management einer Frankfurter Großbank. Wenn er im Büro das Telefon abnimmt, lautet die erste Frage immer öfter: "Können Sie frei sprechen?" (lesen Sie dazu auch Fremdgehen am Diensttelefon)

Ein Personalberater erkundigt sich dann, ob Preuß, der eigentlich anders heißt, sich vielleicht für einen neuen Job bewerben möchte. Einen interessanteren natürlich, so versprechen es die Headhunter. Überdies würde er mehr verdienen. Vor allem Jobs bei Unternehmensberatungen würden ihm und seinen Kollegen derzeit angeboten, berichtet der 34 Jahre alte Bankangestellte. "So viele Anrufe wie im letzten halben Jahr habe ich noch nie bekommen."

Vermittler reiben sich die Hände

Denn Fachkräfte werden in vielen Sparten derzeit knapp. Die Branche der Personalberater boomt wie selten zuvor (lesen Sie dazu auch Personalberater auf Rekordkurs). Rund 200.000 Ingenieure würden bis zum Jahr 2017 in Deutschland fehlen, sagte ein Forschungsinstitut kürzlich voraus. Vielen Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als bei der Konkurrenz zu wildern. "Uns spielt die Situation in die Karten", sagt Michael Heidelberger, stellvertretender Vorsitzender des Fachbereichs Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Während die Branche in den vergangenen Jahren bei den Unternehmen um Vermittlungsaufträge habe kämpfen müssen, stehe jetzt der Kampf untereinander um geeignete Kandidaten im Vordergrund. Laut einer Studie des Verbandes bekommen Personalberatungen seit geraumer Zeit deutlich mehr Anfragen als noch vor einigen Jahren. Während Unternehmen die Berater 2005 nur 49 500 Mal baten, geeignete Bewerber für eine Stelle zu suchen, vergaben sie im vergangenen Jahr 58 000 Aufträge. Der Umsatz stieg um 19,4 Prozent auf 1,15 Milliarden im Jahr 2006.

Für das laufende Jahr erwartet die Branche wiederum einen deutlichen Zuwachs. 86 Prozent der Unternehmen erwarten mehr Umsatz. Das Rhein-Main-Gebiet sei einer der wichtigsten Standorte, sagt Heidelberger. Rund ein Fünftel der einschlägigen deutschen Unternehmen hätten dort ihren Sitz. Allerdings sei nicht nur der Fachkräftemangel ausschlaggebend für die guten Zahlen, sondern auch die anziehende Konjunktur. Immer mehr Unternehmen stellten wieder qualifizierte Mitarbeiter ein. Ein großer Teil der Beratungen selbst plane Neueinstellungen. Die Kehrseite der starken Konjunkturabhängigkeit hatten die Personalberater 2002 zu spüren bekommen. Infolge der wirtschaftlichen Krise war der Umsatz der Branche damals binnen eines Jahres um fast ein Drittel eingebrochen. "Wenn keine Leute gesucht werden, dann können wir auch keine vermitteln", sagt Heidelberger.

Blick mehr und mehr ins Ausland

Doch solche Zeiten hat der Berufsstand der Headhunter vorerst hinter sich. Um Bewerber für die eingehenden Aufträge zu finden, müssen die Berater mehr und mehr ins Ausland blicken. Der Wettbewerb um Talente werde zunehmend international, sagt der Verbands-Vize. Es komme immer häufiger vor, dass man in Absprache mit den Kunden die Suche in andere Länder ausweite.

Das betrifft vor allem große Beratungen wie die Kienbaum Consultants International GmbH. "Die Suche nach Talenten ist nicht leichter geworden", sagt Janny Leonhard, die Bereichsleiterin bei der Managementberatung Kienbaum in Frankfurt ist. Man müsse alle Möglichkeiten ausschöpfen. So recherchiere das Unternehmen bei Karriere-Plattformen im Internet nach Kandidaten. Außerdem nutzten die Berater eigene Kontakte und Netzwerke, die Kienbaum über lange Zeit aufgebaut habe. Während für die Suche nach Fach- und Führungskräften eigene Mitarbeiter, sogenannte "Researcher", zuständig sind, bauen die Berater den Kontakt zu den Kandidaten und zu den Unternehmen auf. Im Rhein-Main-Gebiet arbeite die Beratung häufig für Unternehmensberatungen, die Energiewirtschaft und Medienunternehmen. Viele Aufträge kämen auch aus der Finanzbranche.

Einen solchen Wechsel kann sich auch Hendrik Preuß vorstellen - auch wenn er mit seiner momentanen Aufgabe nicht völlig unzufrieden sei. "Ein wirklich geeignetes Angebot war bisher einfach nicht dabei." Manche seien ihm zudem etwas willkürlich vorgekommen. Neulich sei er zum Beispiel angesprochen worden, ob er "Vice-President Marketing" beim koreanischen Automobilhersteller Kia Motors werden wolle, berichtet der Wirtschaftsingenieur. "Mit Marketing hatte ich bis jetzt aber gar nichts am Hut."

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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