Mediziner im Ausland

Ewig locken die Schweden

Von Julia Roebke

Bunte Häuser, hemdsärmelige Typen: So wirbt Schweden für sich

Bunte Häuser, hemdsärmelige Typen: So wirbt Schweden für sich

22. November 2008 Es ist 10 Uhr am Morgen, und das Ärzteehepaar aus Hannover ist an diesem Samstag schon mehrere Stunden unterwegs. Die schwedische Region Dalarna hat nach Frankfurt geladen, zu einer Informationsveranstaltung über Karrierechancen und das Leben im Mittelschweden. Das Land sucht händeringend deutsche Ärzte, und mit rund 100 Personen ist der Tagungsraum in einem der schicken Hotels mit Blick auf die Skyline gut gefüllt. "Wir arbeiten 14 Stunden am Tag, und trotzdem bleibt uns mit all dem Papierkram kaum Zeit für unsere Patienten", sagt die Allgemeinmedizinerin aus Hannover, noch bevor die Präsentation beginnt. "Wir denken schon länger über einen Ortswechsel nach. Aber entschieden ist noch nichts", sagt ihr Mann.

Das will Christiane Schmidt ändern. Die junge blonde Frau ist für die Region Dalarna in der Auslandsrekrutierung tätig. "Als EU-Bürger dürfen sie in Schweden ohne Probleme als Arzt tätig sein", sagt sie. Schmidt hat die Werbeveranstaltung geplant und für den heutigen Tag mehrere Ärzte aus ihrer Heimat mitgebracht. Alles freundliche, gutaussehende, entspannte und hemdsärmlige Typen. So wie Marcus Carlsson, ein mit Anfang dreißig noch junger Oberarzt. Er trägt ein T-Shirt mit aufgedruckten Holzpferdchen und spickt seinen Vortrag mit Erzählungen von seinem Hobby, der Elchjagd, und seiner Familie. Die Arbeit in den Krankenhäusern und Gesundheitszentren der Region lässt ihm genug Zeit für alles andere, das ist seine Botschaft.

12 Patienten am Tag

Schweden passt, wenn Freizeit wichtiger ist als Geld

Schweden passt, wenn Freizeit wichtiger ist als Geld

Die Gesundheitsversorgung sei staatlich geregelt, die Ärzte Angestellte ohne personelle und finanzielle Verantwortung, sagt Schmidt. Als sie von Achtstundentagen, Überstundenausgleich und geregelten Kaffeepausen berichtet, blickt sie in erstaunte Gesichter. Überraschte Ausrufe ertönen aus dem Publikum, als es heißt, dass in den Gesundheitszentren Termine im Halbstundentakt ausgemacht werden. Ein Arzt betreue im Schnitt 12 Patienten am Tag. "Das glaub' ich nicht", wird geflüstert. Es rumort im Saal, und auch in der Pause gibt es genug Gesprächsstoff unter den Medizinern.

Ist es in Schweden wirklich wie berichtet - schöne Natur und ein gutes Leben; Blaubeere und Braunbär, wie in der Diashow, die vor dem Vortrag gezeigt wurde? Fast jeder weiß von Kollegen zu berichten, die den Schritt ins Ausland gewagt haben. Von solchen, die glücklich sind, und solchen, denen es zu lange zu dunkel und viel zu einsam ist. "Auch dort wird im System gespart, es werden nicht immer die neuesten Geräte gekauft", sagt eine junge Assistenzärztin aus Heidelberg. Sie nimmt schon länger Sprachunterricht bei einer Schwedin und informiert sich dort auch über die Vor- und Nachteile des Gesundheitssystems. Für sie und ihren Freund, der als Krankenpfleger arbeitet, steht noch ein ganz anderes Thema im Mittelpunkt: "In Deutschland ist es fast unmöglich, Familie und die Arbeit im Krankenhaus zu vereinbaren. Du lebst nur für deinen Job", berichtet die junge Ärztin. Daher will sich das Paar bewerben, sobald sie die von Schweden erwartete zweijährige Berufspraxis in Deutschland erfüllt haben.

Offene Karten auch bei den Finanzen

Einen Schritt weiter sind schon einige andere Ärzte aus Deutschland. Mit mehr als 30 Ärztinnen und Ärzten hat Personalmanagerin Schmidt ein Bewerbungsgespräch für den Nachmittag vereinbart. Erfolgreiche Kandidaten erwartet eine Einladung nach Schweden. Man solle die Möglichkeit haben, sich alles genau anzuschauen, bevor man den Vertrag unterschreibt, berichtet Schmidt. Und auch bei den Finanzen wird mit offenen Karten gespielt: Ein Assistenzarzt verdient in Dalarna zwischen 2549 und 2722 Euro netto im Monat, ein Facharzt erhält zwischen 3172 und 3555 Euro. "Das ist ein gutes schwedisches Gehalt", sagt Schmidt in die nun etwas verdutzten Gesichter der Zuhörer. Und man solle doch auch bedenken, dass die Kosten der Kinderbetreuung und die Lebenshaltungskosten in Schweden deutlich geringer seien als in Deutschland.

"Die Freizeit ist mir wichtiger als das Geld", sagt auch Florian Klär. Der Arzt war lange Jahre in Frankfurt in Kliniken tätig, bevor er sich vor einem Jahr entschloss, nach Schweden auszuwandern. Er habe keine Schichtdienste, geregelte Arbeitszeit und die Möglichkeit zur Weiterbildung, wirbt Klär für seinen neuen Arbeitgeber. Vielleicht folgen ihm ja auch bald einige Deutsche. "Wir laden 23 Familien ein, unser Land kennenzulernen", bilanziert Schmidt am Ende des Bewerbertages.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marie Eriksson

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