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| „Wir brauchen Fachkräfte, um das Wachstum zu bedienen, auch durch eigene Ausbildung”, heißt es im Bankenviertel |
19. Juni 2008
Dialog-Marketing kann man hier auch lernen, aber der allergrößte Teil der 800 jungen Menschen, die im August bei der Commerzbank in Deutschland ihre Lehre antreten, wird Bankkaufmann oder -frau. 800 Auszubildende, das sind nach Angaben des Instituts 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. 170 von ihnen sollen in Frankfurt stationiert sein. Personalleiter Ulrich Sieber begründet die Steigerung vor allem mit dem gewachsenen Geschäft mit Privat- und Firmenkunden. Bestätigt von der Finanzkrise, die vor allem Häusern mit großen Investmentabteilungen schadet, setzt die Commerzbank derzeit noch stärker als zuvor auf das beratungsintensive Geschäft mit Privatkunden und dem Mittelstand. Erst vor wenigen Tagen hatte Vorstandsmitglied Achim Kassow 240.000 neue Kunden seit Jahresbeginn vermelden können. Wir brauchen Fachkräfte, um das Wachstum zu bedienen, auch durch eigene Ausbildung, sagt Sieber.
Die Commerzbank ist nicht das einzige Haus, das wieder mehr auf eigenen Nachwuchs bauen will. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags unter rund 12 000 Unternehmen gab in der Branche Banken und Versicherungen jedes vierte Unternehmen an, dass es in diesem Jahr mehr Ausbildungsplätze anbieten wolle als im vergangenen, nur 16 Prozent wollten die Zahl verringern.
50 Prozent mehr Lehrlinge und Langzeitpraktikanten
Die Frankfurter Volksbank stockt ebenfalls auf. Nach Angaben eines Sprechers soll die Zahl der Auszubildenden und der Langzeitpraktikanten im kommenden Ausbildungsjahr von 40 auf 60 erhöht werden. Als Langzeitpraktikanten würden in diesem Zusammenhang Fachhochschüler verstanden, die ein Praktikum als Zulassungsvoraussetzung bräuchten. Der Sprecher begründet den Anstieg damit, dass so viele gute, interessante und qualifizierte Bewerbungen eingegangen seien, und widerspricht damit den häufigen Klagen über die geringe Qualität vieler Bewerbungen. Auch Sieber von der Commerzbank kann eine Verschlechterung in der Qualität der Bewerbungen nicht feststellen: Das Wehklagen vieler über die schlechter werdende Schulausbildung der Jugend kann ich nicht nachvollziehen. Doch obwohl die Commerzbank immer noch mehr Bewerbungen bekomme, als sie Stellen zu vergeben habe, mache sich schon die geringer werdende Geburtenrate bemerkbar, so Sieber.
Etwas anders urteilt Oliver Stoisiek, der bei der Deutschen Bank für Rekrutierung zuständig ist. Das Haus will in diesem Jahr in Deutschland rund 700 junge Menschen ausbilden, etwa so viele wie 2007. Im Jahr 2005 waren es noch 600 gewesen. Die Zahl der Bewerbungen sei zwar nach wie vor sehr hoch, sagt Stoisiek. Aber nach dem ersten Test zeige sich inzwischen, dass einige Kandidaten doch nicht ausreichend Potential für die Ausbildung mitbringen würden. Um schneller an mehr Bewerber zu kommen, will die Bank ihr Bewerbungsverfahren jetzt beschleunigen und mehr übers Internet laufen lassen. Auch die Ausbildungszeit selbst hat die Deutsche Bank für Abiturienten schon von drei auf zwei Jahre verkürzt. Denn Bewerber mit Hochschulreife seien immer schwieriger für die Ausbildung zu gewinnen, sagt Stoisiek und macht dafür vor allem die sogenannten Bologna-Reformen der Universitäten verantwortlich. Da ein Bachelor-Studium inzwischen nur noch drei Jahre dauere, sei der Zeitvorteil einer Lehre gegenüber einer Universitätslaufbahn für Abiturienten geschrumpft. Da der Anteil der Realschulabsolventen unter den Auszubildenden bei der Deutschen Bank nur ein Drittel, jener bei der Commerzbank nur ein Viertel ausmacht, sind die Abiturienten nach wie vor die wichtigste Bewerbergruppe.
20 Prozent können Lehrstellen nicht besetzen
Die Frankfurter Sparkasse, die auch die Bankkaufleute für ihre Mutter Helaba ausbildet, konnte für das kommende Ausbildungsjahr erst 32 der 40 Plätze besetzen. Ein Sprecher sieht gleich mehrere Gründe für die Lücke. Vor allem sei das Bild des Bankkaufmanns im Ansehen gesunken, was sicher auch an den schwierigen Jahren der Branche in der Vergangenheit liege. Auch sei die Konkurrenz, etwa durch Fachhochschulen oder die Frankfurt School of Finance, in der Region sehr hoch. Die Fraspa hat daher ihre Eigenwerbung deutlich erhöht und buhlt nun etwa auf dem Internetportal Schüler-VZ und Google für ihre Lehre.
Die Umfrage des Industrie- und Handelskammertages ergab, dass es den Banken und Versicherungen unter den befragten Branchen am schwersten falle, geeignete Bewerber zu finden. Etwa jedes fünfte Unternehmen konnte demnach im Jahr 2007 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen, 2006 hatte der Anteil noch bei 17 Prozent gelegen. Viele Bewerber entsprächen nicht den hohen Anforderungen an eine Ausbildung in der Banken- und Versicherungsbranche, heißt es in der Studie.
Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin für Ausbildung der IHK Frankfurt, sagt, gerade die im harten Wettbewerb zueinander stehenden Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet bräuchten sehr hoch qualifizierte Auszubildende. Die immer kleiner werdende Menge geeigneter Kandidaten belaste sie daher besonders. Gerade die großen Unternehmen hätten in der Vergangenheit auch viele Bewerber aus den neuen Bundesländern gehabt. Die würden nun durch den demographischen Wandel oder weil sie bei der anziehenden Konjunktur auch in ihrer Heimat Stellen fänden, weniger.