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| Nur wenige Studenten sitzen bisher mit einem Stipendium aus der Wirtschaft im Hörsaal |
02. Mai 2008
Der deutschen Wirtschaft, so klagen ihre Vertreter, fehlen akademisch ausgebildete Fachkräfte. An diesem Mangel sind auch die Unternehmen selbst schuld, findet Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Es müsste mehr Stipendien auch aus der Wirtschaft geben, so dass sich niemand aus finanziellen Gründen von einem Studium abhalten lässt, forderte sie im Gespräch mit der F.A.Z. Dies sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich künftig genügend Abiturienten für ein Hochschulstudium entschieden.
Die Bundesregierung hat als Ziel ausgegeben, dass 40 Prozent eines Jahrgangs studieren. Zurzeit beträgt diese Quote etwa 35 Prozent. Weder für diese Steigerung noch zur Bewältigung der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen hätten die Hochschulen jedoch genug Geld und Personal, kritisierte Wintermantel. Dafür sei in erster Linie die öffentliche Hand verantwortlich.
Wenig Geld im Vergleich zu Summe für die IKB
Die Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz, der 258 Universitäten und Fachhochschulen angehören, hat in der vergangenen Woche das strukturelle Defizit des deutschen Hochschulsystems auf 2,6 Milliarden Euro im Jahr veranschlagt. Die regelmäßig wiederkehrende Forderung nach einer besseren Ausstattung der Hochschulen verteidigte Wintermantel mit dem Argument, dass es dabei um Investitionen in die Zukunft des Landes gehe.
Zugleich relativierte sie die vermeintlich großen Summen, die zuletzt der Hochschulpakt und die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern in die Hochschulen haben fließen lassen. In die IKB werden gerade so mal mehrere Milliarden Euro gegeben. Die Exzellenzinitiative, die unser Hochschulsystem spürbar nach vorne bringen soll, kostet auf fünf Jahre nur 1,9 Milliarden. So furchtbar viel Geld ist das im Vergleich nicht. Eine ausreichend finanzierte Hochschulpolitik zu formulieren sei für Politiker allerdings wenig attraktiv in Zeiten, da ein Großteil der Wähler mittelbar oder unmittelbar von Transferleistungen lebe.
Bildung nicht länger Aufgabe des Staates
Hinzu komme die deutsche Tradition, Bildung als Staatsaufgabe und die Institution Hochschule als eine nachgeordnete Behörde einzuschätzen. Dies entspreche nicht mehr dem aktuellen Stand der Dinge, sagte Wintermantel, die vor ihrer Wahl zur HRK-Präsidentin vor zwei Jahren Sozialpsychologie in Saarbrücken lehrte. Die Einführung von Studiengebühren in mehreren Ländern und die Bereitschaft der Universitäten und Fachhochschulen, sich durch mehr Wettbewerb untereinander von dem von ihr als Gleichheitsfiktion bezeichneten einstigen Ideal abzukehren, seien deutliche Belege dafür.
Nun müssten aber auch die Unternehmen einsehen, dass Stipendien keine karitative Angelegenheit seien, sondern ihnen selbst als Investitionen in die Zukunft klare Vorteile brächten. Zwar gebe es, etwa in der bayerischen Wirtschaft, vielversprechende Ansätze dazu. Auch im gemeinsamen Arbeitskreis mit der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitnehmerverbände (BDA) werde intensiv darüber gesprochen. Ein richtig gutes Stipendiensystem aber haben wir noch nicht.
Die elf öffentlich finanzierten Begabtenförderungswerke unterstützen zurzeit rund 18.000 Studenten. Zur Zahl der von deutschen Unternehmen vergebenen Stipendien gibt es keine verlässlichen Angaben; der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft will jedoch in diesem Jahr eine Studie dazu vorlegen. Das Engagement der Wirtschaft auf anderen Feldern der Forschungs- und Bildungsförderung schätzt Wintermantel schon jetzt positiv ein. Sowohl die Zahl der Stiftungsprofessuren als auch der gemeinsam von Unternehmen und Hochschulen betriebenen Forschungszentren nimmt zu.
Die wichtige Suche der Hochschulen nach der eigenen Identität
Die wachsende Bereitschaft zu solchen Kooperationen hängt nach Wintermantels Einschätzung nicht zuletzt mit den Veränderungen an den Hochschulen zusammen, die sich immer stärker um ein je eigenes Profil, eine eigene Identität und eine möglichst autonome Steuerung bemühten. Zu dieser Entwicklung gehöre allerdings auch, dass Hochschulen, denen eine solche Profilbildung nicht gelinge, im Wettbewerb zurückfielen.
Erfolgreiche Beispiele hingegen seien etwa in Aachen und Bremen, in Bayreuth, Jena und Karlsruhe zu finden. Eine positive Rolle für das gegenseitige Verständnis von Wirtschaft und Wissenschaft spielten auch die in manchen Ländern neugeschaffenen Hochschulräte. Diese fungieren wie eine Art Aufsichtsrat und sind zum Teil mit externen Mitgliedern besetzt. Wo in diesen Gremien Wirtschaftsvertreter sitzen, da entwickeln sie ein großes Verständnis, ja sogar Liebe zu den Hochschulen.
Unsere Hochschulen sind die Zukunftswerkstätten unseres Landes, sagte Wintermantel. Das wissen kluge Unternehmer auch. Es sei deshalb richtig, dass sie sich über die Verhältnisse an den Hochschulen informierten, zum Einsatz von Forschungsgeldern verpflichteten und auch an der Ausgestaltung von Studiengängen beteiligten.