09. Juli 2009 Was hat ihr neues Leben nicht alles für Vorteile. Alexis Mansinne entdeckt jeden Tag neu. Endlich kann sie zwei Tage hintereinander dasselbe Kleid tragen. Undenkbar, wenn sie noch fiese Kolleginnen hätte. Knutschflecken muss sie nicht mehr unter Halstüchern verstecken, und da sie sich von Großraumbüros fernhält, verringert sie auch ihr Ansteckungsrisiko für die Schweinegrippe ganz beträchtlich.
In ihrem Blog gibt sich die 25 Jahre alte Amerikanerin, bis Ende 2008 noch Marketing-Managerin bei einem Architekturmagazin, zu erkennen als arbeitslos, aber glücklich - als funemployed. Alexis Mansinne ist eine von 14,7 Millionen amerikanischen Arbeitslosen, deren Schar jeden Monat um eine sechsstellige Zahl wächst. Aber sie gehört auch noch zu der wachsenden Gruppe, die sich davon nicht die Laune verderben lässt. Amerikas fröhliche Arbeitslose twittern und bloggen, sie machen keinen Hehl, sondern das Beste aus ihrer Nutzlosigkeit. Von ihrem Ersparten oder vom Arbeitslosengeld reisen sie durch die Mongolei oder nach Island. Sie verarbeiten die Kündigung in Comics, basteln Geburtstagsgeschenke, helfen in Suppenküchen oder gründen Beachvolleyball-Teams. An ihre alten Jobs denken sie nur, wenn sie in der Sommerhitze die Büro-Klimaanlage vermissen.
Die freie Zeit am besten totschlagen
Seit große Zeitungen die sorglosen Joblosen aufgespürt haben, ist der Begriff fest etabliert im Web-Jargon. Wie sie die freie Zeit am besten totschlagen, erfahren die glücklich Gescheiterten auf www.fun-employment.com. Dort wird ihnen geraten, doch mal den first tuesday zu nutzen, den ersten Dienstag im Monat, an dem alle Museen freien Eintritt bieten. Auch Lebenshilfe kommt nicht zu kurz - die Autoren erklären den einstigen Workaholics, wie sie sich wieder an das lange Ausschlafen gewöhnen. Wer noch einigermaßen ambitioniert ist, erfährt, dass die Bürokette Office Depot Bewerbern kostenlose Kopien und Faxe spendiert.
Und was machen die Deutschen? Die waren schon mal die Speerspitze des Funemployment. 1998 haben sich Glückliche Arbeitslose zusammengetan, eine gleichnamige Internetseite programmiert, ein Magazin namens Müßiggangster entwickelt und ihre Anhänger geschätzt. Das Ergebnis: ein paar Millionen in ganz Europa. Diese glücklichen Arbeitslosen wollten aber vor allem der Diktatur der Lohnabhängigkeit in die Flanke fallen. Sie wollten darauf hinwirken, dass die alte abendländische Moral des Unglücks bzw. die Ökonomie vollständig vernichtet wird. Von Fun keine Rede, es ging um todernste politische Anliegen.
Heute geht es auch anders. Frankfurts Speerspitze des Funemployment trägt Shorts, gelbe Schlappen und eine grün getönte Sonnenbrille. Dennis ist gepflegt, gebräunt und gut gelaunt. Seit einem Jahr ist er arbeitslos. In der Zeit hat er Asien, Süd- und Nordamerika erkundet - in Europa kannte ich schon alles -, ein bisschen Englisch unterrichtet, seinen 30. Geburtstag gefeiert, alte Freundschaften reaktiviert und genau zwei Vorstellungsgespräche geführt, das eine aber nur, weil es mit einer Einladung zu einem Wochenende am Strand verbunden war.
Bolivien oder Burma
In seinem alten Leben war Dennis Vice President für Immobilienverbriefungen in einer großen Investmentbank. Er und seine Kollegen vergaben Immobilienkredite im Volumen ab 100 Millionen Euro an institutionelle Kunden. Er ging nie vor 22 Uhr aus dem Büro, meist blieb er bis Mitternacht, und wir haben auch gerne mal eine Nacht durchgearbeitet.
Vor der Krise waren diese Arbeitszeiten ein Statussymbol, danach seien sie eine Qual gewesen. Bis spät im Büro zu sitzen, obwohl ich wusste, dass dieses Geschäftsmodell nicht mehr tragfähig ist, das war schwer auszuhalten. Dennis kündigte, ohne Aussicht auf einen neuen, besseren Posten, und die Kollegen erklärten ihn für verrückt. Ein paar Monate später waren viele selbst arbeitslos - und verschwunden. In Frankfurt oder London findet man kaum jemanden, der funemployed ist, sagt Dennis. Was will man auch den ganzen Tag hier machen, die Steuererklärung? Die arbeitslosen Investmentbanker sitzen nicht in der Arbeitsagentur und lesen Stellenanzeigen, sie erkunden Bolivien oder Burma. Acht Ex-Kollegen von mir sind sich in Buenos Aires über den Weg gelaufen, wo ihre Weltreise anfing. Leider war ich da in Südostasien.
Keine Schande, sondern eine Chance
Das Zeitfenster für den Eintritt in die Funemployment-Fraktion ist klein. Ihre Mitglieder sind jung, gesund, gebildet, kinderlos, mobil und finanziell bequem aufgestellt. Sie haben ihre wenigen Berufsjahre nicht bei Hertie an der Kasse oder bei Opel am Band verbracht, sondern in hochqualifizierten Berufen, in denen viele schon im ersten Jahr doppelt so viel verdienten wie ihre Eltern. Ein Sparkonto, eine Abfindung oder ein Arbeitslosengeld können nicht schaden, um die Rechnung zu bezahlen, schreibt der Blog Recessionwire seinen Leser. Nur so ist Arbeitslosigkeit keine Schande, sondern eine Chance, neue Ebenen der Kreativität zu erklimmen.
Manche nutzen die Auszeit, um nach ihrer Berufung zu suchen. Freunde von Dennis haben Projekte für Mikrofinanzierung ins Leben gerufen oder stellen ihr Wissen als Finanzarchitekten kostenlos einer Non-Profit-Organisation zur Verfügung. Sie pflegen tagesfüllende Hobbies, wie ein Banker, der beschlossen hat, sein Geld künftig als Künstler mit Ölgemälden zu verdienen. Andere schreiben Doktorarbeiten oder Romane.
Und viele landen dann doch bei Hans Groffebert, Berater im Hochschulteam der Arbeitsagentur Frankfurt. Er teilt die fröhlichen Arbeitslosen in zwei Gruppen ein. Die einen trösten sich mit Humor und Sarkasmus über den Schock hinweg, dass sie zum ersten Mal einen Misserfolg erlebt haben. Die Entlassung kommt oft plötzlich, und viele erleben sie als Demütigung. Im Extremfall verarbeite diese Gruppe den Schock auch künstlerisch, als eine Art Happening, und verschicke zum Beispiel Absageschreiben auf besonders unattraktive Stellenanzeigen.
Entweder Spaß und Erfolg oder Geld
Die größere Gruppe - vor allem Geisteswissenschaftler - hat sich aber schon vor der Krise an prekäre Lebensverhältnisse, befristete Verträge und endlose Praktika gewöhnt und übt sich auch jetzt in Pragmatismus: Vielen gelingt es, aus der Krise einen schönen Nutzwert zu ziehen, sagt Groffebert. Nach dem Prinzip Work and Travel gingen sie an ausländische Universitäten, studierten wieder oder machten eben weitere Praktika.
Dennis beobachtet diese Gruppe eher kritisch: Viele Leute denken auch in der Krise noch viel zu deutsch. Sie haben große Sorgen um die Lücke im Lebenslauf und versuchen mit aller Kraft, sie mit Doktortiteln oder einem MBA zu füllen, anstatt in dieser Krise mal etwas anderes zu machen.
Ihm selbst ist sein Zustand nicht unangenehm, auch seine Eltern haben kein Problem mit seinem Verständnis von Sabbatjahren. Er lebt vom Ersparten, den Staat koste er nichts, betont er. Es gibt nur zwei Gründe zu arbeiten, doziert Dennis: Entweder Spaß und Erfolg oder Geld. Ein wenig Geld habe er zum Glück noch, und leider seien spannende Aufgaben in seinem Spezialgebiet noch nicht in Sicht. So langsam wird aber auch Dennis unruhig, bald wird er wieder Bewerbungen verschicken. Deshalb will er lieber nicht seinen richtigen Namen preisgeben.
Bloggerin Alexis Mansinne berichtet, dass sie jede Woche 20 Bewerbungen verschickt. Aber dieses Mal für Aufgaben, die sie wirklich interessierten. Wie bei fast allen Jüngern des Funemployment gründet ihr entspanntes Gemüt auf dem unerschütterlichen Glauben, dass ihre Arbeitslosigkeit nicht von Dauer sein wird. Wenn sich die Investmentbanker, Medienmanager, Unternehmensberater oder Anwälte vom Schreck der Kündigung erholt haben, ausgeschlafen haben und kräftig verreist sind, kehren sie meist zurück in ihr altes Leben. Dennis, der gelernte Betriebswirt, sucht auch wieder eine Position in seiner alten Branche, eine, in der ich mich weiterentwickeln kann und die mir Wachstumspotential für mindestens fünf Jahre bietet.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.