Nichts bleibt in der Arbeitswelt von morgen wie es war: Es ist schwierig, genau abzusehen, was uns morgen unsere Beschäftigungsfähigkeit - am Markt gefragte Eigenschaften, mithin Arbeit und Einkommen - sichert. Nicht einmal in Zeiten des konjunkturellen Booms lässt der Druck nach, unsere fachlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen zielgerichtet und eigenverantwortlich an die Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Diese Haltung hat das Personler-Netzwerk Selbst-GmbH während seines jüngsten Treffens in Bad Homburg bekräftigt.
Wirtschaftshistorisch sei für die 18- bis 60-Jährigen die Chance nie größer gewesen, am Arbeitsmarkt teilzuhaben, argumentierte Professor Michael Hüther, Direktor des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. Wachstum und Beschäftigung seien eben nicht entkoppelt, auch wenn die öffentliche Debatte über das vermeintliche Ende der Arbeitsgesellschaft das Gegenteil suggeriere. Unabhängig davon nehme die berufliche Mobilität in Deutschland zu, es gebe einen Trend zur Höherqualifizierung, Dauer und Bindung der betrieblichen Zugehörigkeit nähmen ab. Deshalb sieht Hüther Unternehmen in der Pflicht, sich um Vertrauenskultur und Reputationsmanagement zu bemühen, um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Immer komplexeres Wissen, das sich noch dazu schneller verändert als je zuvor, längere Lebensarbeitszeiten, das Ende des Staates, der alles richtet, Globalisierung der Märkte: Professor Jutta Rump, geschäftsführende Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der FH Ludwigshafen, betonte, welche Folgen der Wandel der Arbeitswelt für den einzelnen hat: Während in der Vergangenheit Qualifizierung eine Notwendigkeit zum beruflichen Aufstieg darstellte, bedeutet Qualifizierung in der Zukunft die Bedingung zur Vermeidung des beruflichen Abstiegs. Rump warnte davor anzunehmen, das allein die demographische Entwicklung der Gesellschaft den Druck vom Arbeitsmarkt nehmen könnte. Wegen des erwarteten Anstiegs der Frauenerwerbsquote von 65 auf 75 Prozent in den kommenden zehn Jahren werde des Angebot an Arbeitskräften noch wachsen.
Die Debatte der Personalprofis in Bad Homburg rankte sich um ganz verschiedene Facetten von Beschäftigungsfähigkeit, unter anderem um Gesundheitsvorsorge, Zeitarbeit, Frauen und Karriere, Schule und akademische Ausbildung. Sie zeigte, dass jeder Arbeitnehmer zum Zukunftsunternehmer in eigener Sache werden müsse. Das Ergebnis mag wenig überraschen, spiegelt es doch das zentrale Anliegen der Selbst-GmbH. Über das Verhältnis von Unternehmen und Mitarbeitern sagt Thomas Sattelberger, Vorsitzender des Vereins und Personalvorstand des Autozulieferers Continental: Wir stehen nicht für hündische Loyalität, sondern wir fordern den Mensch als Manager seiner Kompetenzen und Fähigkeiten. Sattelberger lobte Vorstandsmitglied Rump ausdrücklich dafür, dass sie das Employability-Konzept auch in der Fachpresse wacker gegen Naivität verteidigt habe.
Rump ist der Überzeugung, dass von Employability nicht nur der einzelne durch mehr Sicherheit profitiere, sondern auch das Unternehmen durch bessere Wettbewerbsfähigkeit - und die Gesellschaft durch mehr Wohlstand. Ökonomisierung der Loyalitäten nennt sie das. Ein Unternehmen, das seine Leute fit macht für den Arbeitsmarkt, müsse sich auch intern mehr um sie bemühen. Anders herum: Wer von seinem Arbeitgeber fit gemacht werde für den Arbeitsmarkt, setze sich an seinem Arbeitsplatz auch mehr für sein Unternehmen ein. Wenn der Employability-Gedanke nicht erst als Kompensation bei Entlassungen entstehe, sondern die Personalarbeit präge, sei er auch mehr als nur ein Feigenblatt der Unternehmen, die keinen Lebensarbeitsplatz garantieren könnten.
Doch was macht Employability aus? Es hat auch mit Mentalität zu tun, glauben die Netzwerker. Einstellungen würden früh geprägt, sagt Sattelberger: Employability beginnt mit der Schulerziehung und endet erst mit er vierten Berufsphase. Das Ziel sind neben fachlichem Know-how überfachliche Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen: Initiative, Eigenverantwortung, unternehmerisches Denken und Handeln, Lernbereitschaft, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit, Konfliktfähigkeit, Veränderungsbereitschaft, Reflexionsfähigkeit.
Im Online-Lexikon Wikipedia heißt es dazu nicht ohne Ironie, es dränge sich die Frage auf: Kann diese Person auch über Wasser gehen? Und weiter: Es sei vermessen zu glauben, ein Mensch könne all die oben genannten Kompetenzen in optimaler Ausprägung besitzen oder entwickeln. Das weise auf die grundlegende Philosophie des Beschäftigungsfähigkeits-Gedankens - den ersten Schritt zu tun und in Bewegung zu bleiben.
Flexibel und lebendig sein will auch die Initiative Selbst-GmbH, die inzwischen mehr als 300 Mitglieder zählt. Für Personalprofis, die sich nicht als dümmliche ständische Vertretung verstünden, wie Sattelberger offen poltert, sei der geplante Kongress dreier Verbände ein wichtiges Ereignis. Am 11. und 12. Oktober dieses Jahres soll es in München das Zukunftsforum Personal geben - gemeinsam veranstaltet vom Münchener Bildungsforum, einem Netzwerk für Personaler, Bildungsreferenten und Unternehmensberater, dem Goinger Kreis, der sich als Think Tank für Personalvorstände und Personalbereichsverantwortliche versteht, sowie der Selbst-GmbH - unterstützt vor allem von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Arbeitskreis Personalmarketing (dapm). Als Redner sollen drei Männer locken: Karl Dannenbaum, Deutschlandchef der Investmentbank Lehman Brothers, Dave Ulrich, prominenter amerikanischer Analytiker des Personalmanagements, sowie Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Das Ziel heißt nicht Merger, sagt Sattelberger, die drei Organisationen wollten inhaltlich selbständig bleiben, aber unter einem virtuellen Dach Vernetzungspotentiale nutzen. Er hätte auch sagen können, die drei wollten beschäftigungsfähig bleiben.
Text: F.A.Z.
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