Gesundheit

Das Kreuz mit dem Kreuz

Von Yvonne Wagner

Haltungsnote: Adrett, aber ungesund

Haltungsnote: Adrett, aber ungesund

06. November 2007 

Der Nacken ist angespannt, der Kopf schmerzt, und im Rücken zwickt es - welcher Arbeitnehmer hat solche Probleme nicht schon mal erlebt. 17 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland nach einer Studie des Verbands für Büro-, Sitz- und Objektmöbel (BSO) in Büros. Sie alle wissen: Das stundenlange Sitzen, meist mit starrem Blick auf den Computerbildschirm oder zu den Papierbergen auf dem Schreibtisch strengt auf Dauer an.

Das bleibt nicht ohne Folgen: Nach einer Studie des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen aus dem vergangenen Jahr ist die Zahl der vom Rückenschmerz geplagten Bürger seit 1998 um 30 Prozent gestiegen. Insgesamt sind etwa 70 Prozent der Bevölkerung von Rückenschmerzen unterschiedlichen Schweregrads betroffen. Im Schnitt bleiben Rückenkranke etwa drei Tage wegen dieser Beschwerden zu Hause. Kreuzschmerzen sind immer noch die häufigste Ursache für Ausfallzeiten.

K aum gravierende Krankheitsbilder

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass bei der Büroarbeit überwiegend muskuläre Verspannungen im Nacken und im oberen Rücken entstehen, aber kaum gravierende Krankheitsbilder. "Jedenfalls gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Büroarbeit zu einem Verschleiß der Bandscheiben führt. Diese Probleme treten eher in Berufen auf, in denen schwere Lasten transportiert werden", sagt Gine Elsner, Professorin am Institut für Arbeitsmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. "Muskelverspannungen lassen sich meist durch Bewegung und Dehnungsübungen lösen", so die Medizinerin.

Doch besser ist es, wenn sie gar nicht erst auftreten. Grundsätzlich ist jeder Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, sein Personal vor physischen und psychischen Schäden zu bewahren. Eine Möglichkeit, um Rückenprobleme von vornherein zu vermeiden, sind entsprechende Arbeitsmöbel. Sie sollten individuell auf den Mitarbeiter eingestellt sein und sich seinem Körper anpassen. Das gilt für die gesamte Ausstattung: Wenn der Stuhl zwar vom Feinsten, der Tisch aber in der Höhe nicht auf die Körpergröße seines Nutzers einzurichten ist, bleibt die Ergonomie auf der Strecke - und der Rücken leidet.

Gesund heißt wettbewerbsfähig

Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen. "Leider sehen aber viele Firmen die Büroausstattung nur als Kostenfaktor und nicht als Voraussetzung für leistungsfähige Angestellte", sagt Manfred Gerz, Mitglied der Koordinationsgruppe "Initiative neue Qualität der Büroarbeit". "Man muss bedenken, dass der Wert von produzierter Ware zu überwiegenden Teilen aus Büroarbeit besteht." Da müsse der Arbeitsplatz stimmen, "nur dann können Mitarbeiter eine bessere Arbeitsqualität liefern, damit die Firma wettbewerbsfähig bleibt."

Nicht nur geeignete Möbel, auch spezielle Programme zur Gesundheitsförderung zahlen sich für die Unternehmen aus. Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport hat beispielsweise ein Rückentrainingsprogramm entwickelt, das bereits seit acht Jahren im hauseigenen Fitnesszentrum durchgeführt wird. Die Teilnehmer sind nach Aussage des Unternehmens nachweislich gesünder, was dem Konzern jährlich rund 80.000 Euro Kosten erspare. Die DZ-Bank bezuschusst jedes Jahr mehrere Kurse in Rückengymnastik, die jeder Mitarbeiter nutzen kann. Auch diese zeigen Wirkung: Die Verantwortlichen sind davon überzeugt, dass der niedrige Krankenstand von 3 Prozent für den Erfolg dieser Maßnahmen spricht.

Nicole Veith beispielsweise arbeitet im Investmentbanking der DZ-Bank und verbringt täglich etwa zehn Stunden an ihrem Arbeitsplatz - sitzend. Nach 15 Berufsjahren machen sich ihre Nacken- und Schulterbeschwerden heute viel stärker bemerkbar als früher. Die 35-jährige Bankangestellte weiß, dass sie im Büro öfter auf ihre Haltung achten und zwischendurch häufiger aufstehen sollte, aber es fällt ihr schwer, die Routine zu durchbrechen. Deshalb ist sie nach der Arbeit aktiv.

Wirbelsäulenkurs statt Schmerztablette

"Seit zwei Jahren nutze ich einmal in der Woche den Wirbelsäulenkurs unserer Firma. Der Kurs mit den Kollegen ist für mich leicht zu erreichen, macht Spaß, und der Trainer geht konkret auf unsere Beschwerden ein", erzählt Veith. Mittlerweile habe sie deutlich weniger Verspannungen, erzählt sie. Am Arbeitsplatz gefehlt hat Veith wegen ihrer Beschwerden bisher zwar noch nicht, sie war vor ihrer sportlichen Aktivität jedoch des öfteren in ärztlicher und krankengymnastischer Behandlung oder griff eher mal zu einer Kopfschmerztablette. "Heute kommt das wegen Verspannungen gar nicht mehr vor, und die Therapie kann ich mir ganz sparen", sagt sie zufrieden. Wenn sie spürt, dass es zwickt, greift sie einfach auf die Kursübungen zurück.

Der Erfolg solcher betrieblichen Maßnahmen ist auch auf internationaler Ebene ein Thema. Das Projekt "Move Europe" etwa ist eine Initiative des Europäischen Netzwerks zur betrieblichen Gesundheitsförderung und wird vom Bundesverband der BKK deutschland- und europaweit koordiniert (www.move-europe.de). Der Aspekt Rückengesundheit ist einer der Schwerpunkte des Projekts. Unternehmen aus 27 Ländern haben sich bisher angeschlossen.

Die betriebliche Gesundheitsförderung ist dabei nicht nur für große, sondern auch für kleinere Unternehmen interessant. Meist führen Krankenkassen auf Anfrage Begehungen durch, bieten Internetforen an, planen Aktionstage oder arbeiten besondere Programme aus, die speziell auf das Unternehmen abgestimmt sind. Beratungsgespräche erfolgen meist kostenlos, weiterführende Maßnahmen müssen, zumindest anteilig, bezahlt werden - das ist gesetzlich vorgeschrieben. Die Techniker Krankenkasse (TK) bietet dazu ein Finanzierungsmodell an, das sich an der Investition des Arbeitgebers orientiert: Je nach dessen verfügbaren Mitteln stockt die TK den Betrag auf.

Letztlich liegt es allerdings in der Hand des Arbeitnehmers, ob er die Aktivitäten nutzt und Kurse zur Rückenentlastung umsetzt. Auch das Mobiliar ist nur so gut, wie sein Nutzer es für sich einstellt. Eines ist klar: Die Eigeninitiative können Unternehmen und Krankenkassen den Mitarbeitern nicht abnehmen.

Bewegungstipps und Muskeltraining

  • Mitteilungen an Kollegen am besten persönlich erledigen, Mails und Telefonate vermeiden. Beim Telefonieren immer aufstehen, wenn möglich, dabei umhergehen, zwischendurch mit den Fersen wippen.
  • Arbeitsunterlagen an Orten ablegen, zu denen man laufen muss.
  • Im Sitzen Gesäßmuskeln anspannen. Ein dickes Buch oder einen kleinen Ball zwischen die Knie legen und langsam zusammendrücken.
  • Bei aufrechter Sitzposition ein Ohr zur Schulter hin bewegen, dabei Blick geradeaus halten, kurz in der Position verharren. Im Sitzen einen Unterschenkel auf den anderen Oberschenkel ablegen, Oberkörper vorneigen. Beides dehnt die Muskeln.
  • Oberkörper zum „Katzenbuckel“ formen und wieder aufrichten, dabei die Schulterblätter bewusst zusammenführen. Zwischendurch immer wieder strecken.

Text: F.A.Z., 03.11.2007, Nr. 256 / Seite C4
Bildmaterial: fotolia.com

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