Engpass auf dem Arbeitsmarkt

Auch in Mitteleuropa fehlen Fachkräfte

26. August 2007 

Die goldenen Zeiten, in denen ausländische Unternehmen in der Tschechischen Republik, in Ungarn, Polen, Slowenien oder der Slowakei aus einem großen Angebot gut qualifizierter Mitarbeiter schöpfen konnten, sind vorbei. Selbst in Rumänien klagen die Betriebe immer öfter über Arbeitskräftemangel, und auch im benachbarten Bulgarien wird von Engpässen berichtet. Arbeitgeber wie beispielsweise der slowakische Software-Dienstleister Gratex International würde sofort 30 neue Mitarbeiter einstellen, wenn er sie finden könnte. "Wir sind schon heute unterbesetzt, dabei stehen die großen Herausforderungen wie die Einführung des Euro und die damit verbundenen Umstellungen noch vor uns", klagt Firmenchef Stefan Dobák. Nicht anders gehe es der Konkurrenz. Über deutsche Hoffnungen, den eigenen Fachkräftemangel durch Arbeitskräfte aus Osteuropa zu beheben, lächelt der Gratex-Manager nur milde (lesen Sie auch Kaum Interesse an Jobs in Deutschland).

Der akuter werdende Arbeitskräftemangel behindert nicht nur Gratex. Auch für die stark expandierende Automobilindustrie in Mitteleuropa könnte der Engpass am Arbeitsmarkt zur Bremse für die Wachstumspläne werden. Während der IT-Dienstleister, zu dessen Kundenkreis das Versicherungsunternehmen Allianz gehört, Wachstumsraten von 10 bis 15 Prozent jährlich anstrebt und innerhalb von fünf Jahren den Jahresumsatz von heute gut 20 Millionen Euro verdoppeln will, plant die Automobilindustrie, in Mitteleuropa bis 2010 weitere 50 000 bis 60 000 Stellen zu schaffen. Kurzfristig können Lücken noch mit Arbeitskräften aus den Nachbarländern und auch aus der Ukraine und Weißrussland gestopft werden. Selbst Usbeken, Kasachen und Kirgisen, für die es begrenzte Einwanderungsquoten gibt, werden schon ins Land geholt.

E ine Lösung zu Hause

Wenn das Ausland nicht helfen kann, muss eine Lösung zu Hause gesucht werden. Bei Gratex heißt es, vor allem die Universitäten und Fachhochschulen seien gefordert. Die Lehranstalten müssten nicht nur die Zahl ihrer jährlichen Absolventen rasch verdoppeln, sondern auch die Ausbildung drastisch verändern. "Die Universitäten müssen flexibler werden, sie müssen genau wie in den Vereinigten Staaten eine praxisorientierte Ausbildung anbieten", fordert Dobák. In den vielen privaten Universitäten, die in der Slowakei, aber auch in anderen mittel- und osteuropäischen Staaten aus dem Boden schießen und großen Zulauf haben, ist die Praxisnähe schon Realität. Bei den staatlichen Hochschulen gibt es dagegen noch viel Auf- und Nachholbedarf. Vor allem die Auto- und Zulieferbetriebe suchen schon jetzt die Nähe zu den Universitäten, denen sie hochwertige Geräte, aber auch geschultes Personal zur Verbesserung der Ausbildung zur Verfügung stellen. Volkswagen ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat seine eigene Universität zur Ausbildung von Fachkräften in Bratislava eingerichtet. Der koreanische Hersteller Kia, der im Norden der Slowakei produziert, versucht im engen Kontakt mit Schulen, junge Leute früh mit Hilfe von Praktika an sich zu binden. Im ostslowakischen Kosice hat die zur deutschen Telekom gehörende T-Systems noch einen anderen Ausweg gefunden. Sie schult Hochschul- und Fachschulabsolventen, auch wenn ihr Abschluss nichts mit Computer-Technik zu tun hat, einfach um. Ähnlich verfährt auch der koreanische Elektronikkonzern Samsung in Galata in dem von der Landwirtschaft bestimmten Süden der Slowakei.

Kein schlechtes Beispiel, meint man bei Gratex. Eine Möglichkeit wäre natürlich auch die Ansiedlung in der Ostslowakei, in der die Arbeitslosigkeit noch immer 20 Prozent und mehr beträgt, während im Westen und im Nordwesten der Slowakei der Arbeitsmarkt leergefegt ist. Die Mobilität der Ostslowaken sei gleich null, klagen die Arbeitgeber. Selbst mit Wohnungen und anderen Vergünstigungen seien sie nicht dazu zu bewegen, ihre Heimat zu verlassen.

Text: C.K., F.A.Z., 27.08.2007, Nr. 198 / Seite 13

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