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Lebenspläne

Wenn aus Freizeit Ernst wird

Von Anna Loll




23. Dezember 2007 
Nie hätte Vilas Turske damit gerechnet, dass ihm ein Unfall passieren würde wie der, als er vor sechs Jahren eines Morgens aus seinem Auto stieg. "Ich machte eine ungeschickte Bewegung und plötzlich war da dieser unglaubliche Schmerz, unter dem ich nur noch zusammenbrechen konnte", erzählt der damalige Unternehmensberater. Was sich dramatisch anhört, wurde noch schlimmer. Ein Nerv war so schwer beschädigt, dass sein linkes Bein gelähmt wurde. In seiner Verzweiflung entdeckte Turske Yoga für sich. Nach acht Monaten geschah das Wunder: Erst bewegte sich ein Zeh, dann der zweite, und nach einem Jahr konnte er wieder normal gehen.

Der heute 58-Jährige begann, in jeder freien Minute Yoga zu praktizieren. Das Hobby veränderte seinen Blick auf seine Tätigkeit als Unternehmensberater, bis er beides immer weniger vereinbaren konnte. 2004 stieg er aus dem Beratungsgeschäft aus und gründete mit seiner Frau und einem weiteren Geschäftspartner ein Yogastudio in Berlin. Inzwischen ist es eines der beliebtesten in der Hauptstadt.

Ein Leben, das immer mehr Menschen suchen

Turske führt ein Leben, das immer mehr Menschen suchen. Laut dem Statistischen Bundesamt und dem Institut für Freie Berufe in Nürnberg steigt die Zahl der Personen kontinuierlich an, die in freien publizistischen und künstlerischen Berufen arbeiten. "Immer weniger Menschen wollen Selbstverwirklichung nur auf den Feierabend und die Rente verschieben", erklärt Monika Birkner, Karriere- und Persönlichkeitsberaterin in Frankfurt, diesen Zuwachs. Gerade im Hobby entdeckten viele ihre wirklichen Talente und Bedürfnisse, weil sie sich hier aus einem inneren Antrieb heraus mit einer Sache beschäftigten.

Doch die Suche nach Erfüllung im Beruf macht viele nicht unbedingt glücklicher, im Gegenteil: Bei manchen resultiert dieses Streben in einer inneren Zerrissenheit. Vor allem wenn sie sich nicht zwischen Hobby und Beruf entscheiden können. Sie spüren, dass im Beruf etwas Elementares fehlt, haben aber Angst, dass sich der Lebensunterhalt mit dem Hobby nicht finanzieren lässt.

"Ich wollte wissen, wovon ich meine Familie ernähren kann", erzählt ein Unternehmensberater, der nicht namentlich genannt werden möchte. Seine Leidenschaft lag seit seiner Jugend bei der Musik, mit 13 Jahren fing der Schleswig-Holsteiner an, E-Bass zu lernen, mit 19 Jahren Kontrabass. Talentiert war er, bald spielte er in verschiedenen Jazzorchestern bis auf Bundesebene mit. Auch sein Wirtschaftsstudium finanzierte er durch die Musik. Doch entschließen konnte er sich für die Musikerkarriere nicht. Vor allem die finanziellen Unsicherheiten der Profimusiker schreckten ihn ab. Jetzt arbeitet der Norddeutsche bei einer großen Unternehmensberatung als Projektleiter mit Führungs- und Budgetverantwortung. Die Tätigkeit falle ihm leicht und sei intellektuell und menschlich reizvoll, sagt er. Trotzdem bleiben die Zweifel. Inzwischen versucht er seine 80-Stunden-Woche etwas zu reduzieren und den Bass häufiger wieder auszupacken. "Irgendwie unterdrückt man eine Seite von sich. Gesund ist das auf Dauer auch nicht", sagt er.

Sicherheit wichtiger als die Musik

Eine sehr ähnliche Erfahrung hat Dirk Hoppe gemacht, allerdings sah seine Entscheidung anders aus. Für den Sänger und Pianisten spielte Sicherheit vorerst auch eine größere Rolle als die Musik. Nach dem Studium hatte er Schulden, außerdem erhielt der angehende Diplomingenieur für Elektrotechnik noch auf der Universität in Dortmund ein Job-Angebot aus der Halbleiterbranche. "Mich mit der Musik selbständig zu machen war ein ständiger Gedanke, aber ich habe mich lange nicht getraut", sagt der 36-Jährige. Erst einmal war es für ihn wichtig, finanziellen Boden unter die Füße zu bekommen. Doch nach einem Jahr als Entwickler von Mikrochips wurde der Leidensdruck zu groß. "Ich habe es irgendwann nicht mehr ausgehalten", erinnert sich Hoppe. "Ich wurde immer unglücklicher. Das war für mich nicht der richtige Platz." Also vollzog er vor sieben Jahren den Schnitt und machte sein Hobby zum Beruf. Bereut habe er es nicht eine Sekunde. Es dauerte zwar knapp fünf Jahre, bis er keine Aushilfsjobs mehr annehmen musste. Jetzt aber hat er es geschafft, spielt in verschiedenen Bands, wird als Studiosänger gebucht oder als Gesangsdozent.

Welche Berufswahl glücklicher macht, die mit Pragmatismus oder die mit Leidenschaft getroffene, ist natürlich eine höchst individuelle Frage. Entscheidend ist, sagt Monika Birkner, welchen Lebensstandard man anstrebt und ob man bereit ist, Entbehrungen auf sich zu nehmen. "Viele unterschätzen, was es bedeutet, Unternehmer zu sein", meint sie. Außerdem gehe schnell der Spaß am Hobby verloren, wenn man Rechnungen schreiben, E-Mails beantworten und Kunden akquirieren müsse. Die geliebte Tätigkeit wird nicht mehr nur ein paar Stunden am Tag ausgeübt, sondern beherrscht den gesamten Alltag.

Kein Spaß als verarmter Poet

Um den passenden Beruf zu finden, reichen jedenfalls Talent und eine gehörige Portion Glück nicht aus. Vor allem müsse man fähig sein, Entscheidungen treffen zu können, beobachtet der Schweizer Schriftsteller Martin Suter. "Auch wenn es manchmal die falschen sind", sagt er und lacht. Für ihn stand es schon immer außer Frage, von etwas anderem zu leben als vom Schreiben. Aber großen Gefallen an dem Lebensstil des verarmten Poeten habe er nie gefunden. "Ich persönlich habe nicht diese Härte gehabt, mit wenig Geld in einer Dachstube zu leben", sagt der 59 Jahre alte Autor. Nachdem sein erster Romanversuch mit 20 Jahren misslang, entdeckte er die Werbung für sich zum Geldverdienen. Das literarische Schreiben gab er aber nie ganz auf. Neben seiner Tätigkeit als Texter verfasste er Reportagen, Theaterstücke, Liederabende oder Drehbücher. Oft war er zwei Monate in der Werbung tätig, um sich dann drei Monate zum Schreiben zurückzuziehen.

Lange Zeit sei diese Kombination genau das Richtige für ihn gewesen, meint Suter. Anfang der neunziger Jahre entschied sich der Schweizer jedoch, die Wirtschaftswelt zu verlassen. Der Inhaber einer eigenen Werbeagentur war am nächtelangen Wälzen von Büchern der Finanzbuchhaltung gescheitert. "Es war ein Fehler, dass ich mich damit selbständig gemacht habe", sagt Suter heute. Seinem Erfolg als Schriftsteller hat es nicht geschadet. Im Gegenteil zehren seine Bücher von den Erfahrungen und Beobachtungen, die er in diesen Jahren gemacht hat. Dass er in der seltenen Position sei, sein Geld mit etwas zu verdienen, dass ihm Spaß mache, weiß Suter. "Es ist schon ein großes Privileg."

Auch Turske ist mit seiner Entscheidung, sein Hobby zum Beruf zu machen, mehr als zufrieden. Selten sei er so glücklich gewesen wie in den vergangenen zwei Jahren. "Um in der Arbeitswelt obenauf zu bleiben, geht es letztendlich immer darum, möglichst schnell auf die Umstände zu reagieren", sinniert er. "Für eine individuelle Entscheidung, was man wirklich möchte und was nicht, ist da kaum Platz." Ein Leben in reiner Fremdbestimmung, das er nicht mehr so weiter leben wollte. Auch wenn er jetzt im Monat so viel verdiene wie früher an einem Tag. "Dass all mein Geld und meine Kontakte mir letztendlich rein gar nichts nützen, wenn es darauf ankommt, habe ich erlebt", sagt der Yogi.

Text: F.A.Z., 22.12.2007, Nr. 298 / Seite C1
 
 
   
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