Demographischer Wandel

Suche Rentner, biete Führungsrolle

Von Sven Astheimer

Arbeit statt Rente

Arbeit statt Rente

16. September 2006 

In Ludwigshafen hat die Zukunft bereits begonnen. Und sie sieht alt aus. Sie sieht aus wie Dieter Ringer. Thomas Köhler setzt große Hoffnungen in den 64 Jahre alten gebürtigen Berliner: Es geht darum, die Software-Schmiede SHE außerhalb des Rhein-Neckar-Gebietes bekannt zu machen. Und dabei spielt ausgerechnet der Rentner Ringer die entscheidende Rolle. Dem auf IT-Sicherheit spezialisierten Unternehmen mit seinen 85 Mitarbeitern ist sein angestammtes Umfeld zu klein geworden, mehr Wachstum erhofft sich die Geschäftsführung durch neue Niederlassungen in Köln und München.

Schnell stand Köhler aber vor einem für Mittelständler typischen Problem: "Wir haben zwar viele IT-Experten, aber keiner wußte, wie man neue Märkte erschließt." Die Vorbehalte gegen klassische Unternehmensberater waren groß. Der Hinweis, sich doch einmal unter Ruheständlern mit ausreichend Erfahrung umzuschauen, kam ausgerechnet aus den Reihen des Bundesverbandes Junger Unternehmer. Köhler wandte sich an "Erfahrung Deutschland" - eine Plattform im Internet, auf der Fach- und Führungskräfte von gestern den Unternehmern von heute ihre Dienste anbieten.

„Irgendwann waren alle Länder bereist“

Das Profil von Dieter Ringer überzeugte Köhler. Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann kommt aus der Werbebranche, verwaltete als Gesellschafter einer renommierten Agentur unter anderem den 130 Millionen Euro schweren Deutschland-Etat der Schnellimbiß-Kette McDonalds. Als vor zwei Jahren die Gesprächspartner auf seiten der Amerikaner merklich jünger wurden, nahm auch Ringer seinen Hut. Am Anfang habe er den Ruhestand genossen, erinnert er sich.

Lange aufgeschobene Reisen nach Brasilien, Vietnam und Spanien wurden endlich angetreten. "Aber irgendwann waren alle Länder bereist und die 20 Bücher gelesen, die sich angesammelt hatten." Gleichzeitig bestanden noch Kontakte zu vielen ehemaligen Geschäftspartnern. "Dann hört man von Problemen und macht sich so seine Gedanken", sagt Ringer. Es juckte wieder in den Fingern, und so reifte beim Rentner im niederbayerischen Oberhaching der Entschluß zum Comeback.

Einstampfen, neu machen!

Ringer nahm Kontakt zu Erfahrung Deutschland auf und saß kurze Zeit später zum ersten Mal mit Köhler an einem Tisch. Dessen anfängliche Zweifel waren spätestens nach einer routinierten Kostprobe Ringers verflogen. "Alles viel zu technisch, um einen Unternehmer anzusprechen", so das vernichtende Urteil über die Info-Broschüren des Software-Hauses. Einstampfen, neu machen! Köhler war beeindruckt: "Dem hat man den Spaß richtig angemerkt."

Ringer wird nun eine Strategie für den Marktauftritt in München entwerfen. Köhler hält seinen neuen Berater für "ein Kaliber, an das ich sonst nie rangekommen wäre". Damit spielt er auf die rund 2000 Euro Tagessatz an, die Unternehmensberater von ihm verlangt haben. Das Honorar, das er mit Ringer ausgehandelt habe, liege "sehr deutlich" darunter.

Mit 76 Jahren noch topfit

Dieter Ringer ist kein Einzelfall. Mittlerweile haben sich rund 1400 Menschen registrieren lassen, die Bundesarbeitsminister Franz Müntefering wohl nicht davon überzeugen müßte, ihre Rente erst mit 67 zu beantragen. Leute, wie Eberhard Graf von Pothmer, denen nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf "etwas fehlte". Der ausgebildete Industriekaufmann war für Siemens zunächst in Brasilien und Kolumbien, baute später für den Konzern Vetriebsgesellschaften in Osteuropa auf.

Als Ruheständler stellte er als Wirtschaftspate der KfW-Bankengruppe sein Wissen Unternehmern in den neuen Bundesländern zur Verfügung, bis das Programm zu seinem Bedauern im vergangenen Jahr eingestellt wurde. Mit 76 Jahren fühlt er sich noch "topfit" und sucht nach neuen Aufgaben.

Nur Beratung, kein Ersatz

Noch läuft die Vermittlung kostenlos. Bis zum Jahresende soll die Kartei die Namen von rund 5000 Ehemaligen umfassen, den Zugriff müssen sich interessierte Unternehmen dann erkaufen, erklärt Geschäftsführer Steffen Haas. Im Unterschied zum klassischen Interimsmanagement sollen die Senioren den jüngeren Führungskräften nur beratend zur Seite stehen, nicht jedoch deren Position übernehmen.

Außerdem will Haas einen Sponsorenpool mit 50 Konzernen aufbauen, "die können dann mal zeigen, daß sie nicht nur gewinnmaximierend arbeiten". Bislang sind jedoch nur der Pharmakonzern Pfizer, die Commerz- und die Hypovereinsbank mit an Bord. Von beiden Zielen ist der Unternehmer aus dem Badischen also noch weit entfernt.

Erfahrung, die Zinsen bringt

Die Idee für den Wissenspool wurde vor knapp drei Jahren geboren, als Erhard Hackler, der Präsident der Deutschen Senioren-Liga (DSL), nach Wegen suchte, um den Erfahrungsschatz einer gesamten Generation zu erhalten. "Man müßte die Erfahrungen auf eine Bank bringen, wo sie Zinsen trägt", sagte sich Hackler. Bis dahin bot nur der Senior Experten Service (SES) in Bonn älteren Menschen die Chance, bevorzugt in Auslandsmissionen für Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die GTZ ihr Wissen weiterzugeben.

Hackler schwebte jedoch eher eine Sammel- und Vermittlungsstelle für Alterswissen vor, aus der sich die heimische Wirtschaft bedienen kann. Dafür rührte er kräftig die Werbetrommel bei Stiftungen und Politikern. Stets sei er mit Lob für seine Pläne überschüttet worden, erinnert sich Hackler: "Aber die Stiftungen denken nur in Schritten von 20 Jahren, und die Politiker machen nichts." Also suchte Hackler nach einem Unternehmer, der aus der Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt, und fand Steffen Haas, der bereits eine Partnervermittlung und eine Online-Apotheke betrieb. Daß auch sein neues Projekt ein Erfolg wird, davon ist Haas felsenfest überzeugt: "Was wir machen, ist eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit."

2050 wird jeder Dritte älter als 60 sein

Zwar stellt die Gruppe der Menschen jenseits der Fünfzig derzeit noch die größte Problemgruppe am Arbeitsmarkt dar, und die Politik brütet angestrengt über Konzepten, wie die Älteren wieder ins Erwerbsleben zurückgeholt werden können. Aber diese Konstellation wird bald der Vergangenheit angehören. Denn die Deutschen werden weniger und älter:

Bis zum Jahr 2050 wird laut Statistischem Bundesamt jeder dritte älter als 60 Jahre sein und der Bevölkerungsstand auf das Niveau von 1963 zurückfallen. "Unbestreitbar ist, daß die gravierenden Veränderungen in der Altersstruktur unsere Gesellschaft vor neue und große Herausforderungen stellt", warnt Behördenleiter Johann Hahlen.

2015 sinkt das Angebot an Arbeitskräften drastisch

Das gilt in hohem Maße auch am Arbeitsmarkt: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht davon aus, daß spätestens vom Jahr 2015 an, wenn die Generation der "Babyboomer" anfängt, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, das Angebot an Arbeitskräften dramatisch abnehmen wird. Dadurch wird sich das Verhältnis zwischen Jung und Alt drastisch verschieben.

Auch Zuwanderung und eine verlängerte Lebensarbeitszeit können diesen Trend nur abmildern. "Der Engpaß bei den Jungen ist absehbar", sagt IAB-Experte Johann Fuchs und warnt vor der Annahme, der demographische Wandel löse das Problem der Massenarbeitslosigkeit quasi nebenbei. Ohne die notwendige Qualifizierung droht laut Fuchs ein Horroszenario: "Ein Mangel an Fach- und Führungskräften bei gleichzeitig hohen Arbeitslosenzahlen."

18.000 Ingenieurstellen sind unbesetzt

Schon jetzt gehen einigen Wirtschaftszweigen die Experten aus: 18 000 Ingenieurstellen können derzeit nicht besetzt werden, und selbst ein international aufgestellter Pharmakonzern wie Pfizer tut sich bei der Suche nach Facharbeitern schwer. Dabei können große Konzerne den Wettbewerb um die besten Köpfe häufig durch höhere Vergütungen und attraktivere Standorte für sich entscheiden. Doch gerade die oft weniger zahlungskräftigen und fernab der Metropolen angesiedelten mittelständischen Unternehmen drohen von dieser Entwicklung überrollt zu werden.

Eine Umfrage im Auftrag der DSL unter 400 Mittelständlern ergab, daß sich nur jedes zweite Unternehmen für den demographischen Wandel gerüstet sieht. Zwei Drittel haben bereits Schwierigkeiten oder erwarten diese in naher Zukunft, Fach- und Führungskräfte zu finden. Ein Drittel der Befragten gab an, deshalb vermehrt ältere Arbeitnehmer einstellen zu wollen, aber weniger als die Hälfte speichert die Daten seiner Ruheständler.

Unternehmen sind auf demographischen Wandel nicht vorbereitet

Experten warnen schon seit Jahrzehnten vor diesen Umwälzungen. Allerdings denken die meisten Politiker und Manager in wesentlich kürzeren Zyklen. "Viele Unternehmen schieben die Beschäftigung mit dem Thema hinaus", sagt Sven Völpel, Professor am Lehrstuhl für lebenslanges Lernen der Jacobs-Universität in Bremen. Die Manager seien häufig überlastet durch aktuelle Probleme, oft stehe der Fortbestand des Unternehmens auf dem Spiel. Für Hartmut Buck, Leiter entwicklungsförderliche Organisationsgestaltung des Fraunhofer Instituts, steht jedoch mit Blick auf die Personalpolitik der Zukunft fest: "Ein Umdenken wird zwingend." Die Qualitäten älterer Arbeitnehmer werden zur entscheidenden Ressource der Zukunft.

Text: F.A.Z., 16.09.2006, Nr. 216 / Seite X1
Bildmaterial: Gordon Hölsken - Fotolia

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