Ärzte

Handwerker-Mangel im Krankenhaus

Von Andreas Mihm

Frauen sind hier besonders selten

Frauen sind hier besonders selten

15. Februar 2008 Wie nennt man das grüne Tuch zwischen Chirurg und Internist? Blut-Hirn-Schranke.

Chirurgen stehen in der inoffiziellen Beliebtheitsliste der Arztberufe nicht gerade am oberen Ende. Um das zu wissen, bedarf es eigentlich nicht einmal zweifelhafter Scherze aus dem Internet. Man kann auch den Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) fragen. "Gerade die Chirurgie hat unter Frauen einen schlechten Ruf", sagt Vorstandsmitglied Gunda Leschber, Chefärztin der Thoraxchirurgie an der Evangelischen Lungenklinik in Berlin. Das ist fatal, weil rund zwei Drittel der Studienanfänger und mehr als die Hälfte der Absolventen im Fach Medizin inzwischen Frauen sind. Aber auch bei den jungen Medizinmännern ist vom "alten Glanz" des Faches nicht mehr viel zu spüren. Die Zahl der jungen Mediziner, die eine Facharztausbildung als Chirurg antreten, geht zurück. Gleichzeitig werden die aktiven Chirurgen älter und auf Dauer weniger.

Grund genug für den Berufsverband, darüber nachzudenken, wie man den jungen Männern und Frauen die Angst vor einem Berufsleben am Skalpell nehmen kann. "Nur Mut! Kein Durchschnittsjob: ChirurgIn" hat er seine jetzt begonnene bundesweite Werbekampagne genannt. Mit einem Anflug von Selbstironie kommen die Anstecker, Flyer und Plakate daher. Der jungen Frau hinter dem grünen Mundschutz wird etwa das Label "Schnitte" verpasst, ihr männliches Pendant, bei der blutigen Arbeit fotografiert, als "Aufschneider" tituliert. Versteckte Hinweise auf den ruppigen Ton unter Chirurgen?

Werbung zwischen Greifswald und Aachen

In Informationsveranstaltungen, zunächst an den Hochschule in Jena, Köln, Greifswald und Aachen, werben Vorstandsmitglieder des Chirurgen-Verbands zu Beginn der klinischen Ausbildung für ihre Profession. Ziel sei es, den Studenten "möglichst realitätsnah den Alltag eines Chirurgen auf dem Weg zum Facharzt" zu beschreiben, sagt der Kölner Gefäßchirurg Wolfgang Schröder. Wer anderswo studiert, kann sich im Internet informieren (www.chirurg-werden.de).

Zugleich wird mit der Unterstützung in "unserer großen Gemeinschaft" geworben: Jungen Ärzten, die Chirurg werden wollen, vermittelt der Verband auf Wunsch erfahrene Operateure als Paten. Kostenfrei, versteht sich. ",Nur Mut' soll potentiellen Nachwuchs nicht nur realitätsnah über das Berufsbild Chirurg informieren, sondern auch die faszinierenden Seiten der schneidenden Zunft transportieren", sagt Verbandsgeschäftsführer Jörg Ansorg.

Alles andere als faszinierend sind dagegen die Zahlen aus der Ärztestatistik. Aktuell sind in Deutschland knapp 28.500 Chirurgen tätig. Davon sind mehr als 3300 älter als 60 Jahre. Die Gruppe der über 50-Jährigen umfasst sogar mehr als 11.700 Chirurgen, die in absehbarer Zeit ausscheiden werden - mehr als 40 Prozent aller Chirurgen.

Viele Gründe für das schlechte Image

Gründe für das schlechte Image des Berufs gibt es viele. Einer ist die starre Hierarchie im Operationssaal, für die es freilich gute Gründe gibt. "Bei einer Operation bleibt eben keine Zeit für basisdemokratische Entscheidungen", sagt Andreas Botzlar, Zweiter Vorsitzender der Krankenhausärztegewerkschaft Marburger Bund und selbst auf dem Sprung zum Facharzt für Chirurgie. "Die Choreographie standardisierter Eingriffe muss passen."

Doch der Beruf hat auch seine positiven Seiten, betonen Experten: "Der Chirurg kombiniert jeden Tag ein hohes Maß an anatomischen und physiologischen Kenntnissen mit handwerklicher Präzision und Geschick", sagt Oberarzt Carsten Krones, der im Chirurgenverband die Nachwuchsförderung betreut. Welche Fachrichtung könne schon von sich behaupten, sie reiche von Kopf bis Fuß? "Der direkte Weg, den nur eine Operation zwischen Erkrankung und Heilung ziehen kann, bringt phantastische, schnelle Erfolge mit sich", schwärmt Krones. Operateure verstehen sich als Problemlöser, nicht als Ursachenforscher. Das überlassen sie den Kollegen von der Inneren.

Selbstironischer Spott

So spottet die Zunft schmunzelnd über sich selbst: "Der Internist kann nichts, weiß aber alles; der Chirurg kann alles, weiß aber nichts."

Auch das ist natürlich falsch: Denn der Chirurg - hat er die laut Ansorg "oft schlechten Erfahrungen im chirurgischen Teil des praktischen Jahres" einmal weggesteckt - muss länger lernen als manch anderer Mediziner, bevor die Ärztekammer gewillt ist, ihm den Titel Facharzt zuzubilligen. "Die Weiterbildung zum Chirurgen nimmt nach Abschluss des Medizinstudiums mindestens zehn Jahre in Anspruch", rechnet Ansorg vor. Manch einer geht dann auf die 40 Jahre zu.

Das stark gesunkene Interesse an der Chirurgie nach dem praktischen Jahr müsse den Verantwortlichen in den Kliniken Grund genug sein, die Betreuung der jungen Mediziner deutlich zu verändern, sagt Ansorg. "Weg von unstrukturierten, stark hierarchisch geprägten Weiterbildungsgängen, hin zu transparenten Curricula mit Zielvereinbarungen und Karriereplan." Da gebe es noch viel Verbesserungsbedarf. "Erkannten 2004 noch 44 Prozent der Assistenten in ihrer Klinik eine interne Weiterbildungsstruktur, waren es 2007 nur noch 23 Prozent." Immerhin unterstützten zwei von drei Arbeitgebern die Fortbildung der Assistenten finanziell.

Die Klinikbetreiber sind sich der Probleme bewusst. So berichtete der Chef der privaten Helios-Klinikkette kürzlich auf dem Chirurgentag, die Unzufriedenheit mit dem Berufsalltag sei bei den Chirurgen am stärksten. Man versuche dies nun mit Programmen wie einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ändern. Auch an anderer Stelle registrieren die Chirurgen Veränderungen zum Positiven. "Es gibt weniger karrieregeile Idioten", hat Marburger-Bund-Mann Botzlar festgestellt. Er appelliert aber auch an seine Profession, in den Kliniken besser mit anderen Fachrichtungen zu kooperieren.

Weniger als zwei Frauen auf hundert Männer

Die hierarchischen Strukturen in der Chirurgie weichten auf, der Umgangston bessere sich, fügt die Berliner Chirurgie-Chefärztin Leschber hinzu. "Den Verantwortlichen ist angesichts der drohenden Lage immer bewusster, dass strukturierte Weiterbildungspläne, geregeltere Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert werden müssen." Es gebe neue Vorbilder, darunter auch einige Frauen - aber noch kommen nicht einmal zwei Frauen auf hundert Männer. Das ist kein Witz.

Aber das: Vier Ärzte stehen am Fußballfeld, in jeder Ecke einer: ein guter Internist, ein schlechter Internist, ein Zahnarzt und ein Chirurg. Am Anstoßpunkt steht ein Geldsack mit 500.000 Euro. Wer ihn als Erster hat, darf ihn behalten. Wer gewinnt? Der gute Internist! Warum? Schlechte Internisten gibt's nicht, der Chirurg hat die Aufgabe nicht verstanden, und der Zahnarzt rennt nicht wegen 500.000 Euro.

Unikliniken zahlen besser

Für Chirurgen gibt es keine spezielle Vergütungstabelle, sie werden nach den Tarifverträgen des Marburger Bundes in die Entgeltgruppe Facharzt eingruppiert und durchlaufen dann wie alle anderen Fachärzte die Einkommensstufen. An den kommunalen Kliniken beginnt das Grundgehalt (ohne die Vergütung von Bereitschaftsdiensten) im Tarifgebiet West mit 3420 Euro und geht bis 6500 Euro monatlich. An den Unikliniken starten Ärzte mit 3705 Euro und können es als Stellvertreter des Chefarztes bis auf 8130 Euro bringen.

Text: F.A.Z., 09.02.2008, Nr. 34 / Seite C5
Bildmaterial: fotolia.com

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