Von Tilmann Lahme
30. Oktober 2007 Morgens um acht. Kein Mensch studiert um diese Zeit. Jedenfalls bisher nicht. Doch um acht Uhr an diesem Donnerstag drängeln sich die Studenten vor dem Göttinger Verfügungsgebäude, blicken müde in den trüben, kalten Herbsttag. Wir wollen in diesem Wintersemester versuchen, die tiefgreifenden Änderungen an den deutschen Universitäten durch die Einführung des Bachelor konkret, im Hörsaal und im Seminarraum zu überprüfen. Dies führt mich nach Göttingen, ins Seminar für Germanistik. Es ist eines der größten und bekanntesten in Deutschland, hat einen hohen Numerus clausus und schneidet gewöhnlich bei Vergleichstests gut ab.
Zu meiner Zeit, so muss es nun heißen, obwohl das eigene Studium erst vor sechs Jahren mit einem Staatsexamen für Deutsch und Geschichte in Kiel endete, zu meiner Zeit fanden um acht Uhr nur die Veranstaltungen jener Professoren statt, die keine Lust auf volle Seminare (und zu viele Hausarbeiten) hatten, sowie die Plagegeister: Latinums- oder Graecums-Kurse. Nun ist dies der übliche Beginn des studentischen Tages.
Ich will Schriftstellerin werden
Niemand murrt. Die Erstsemester sitzen rechtzeitig in ihren Seminarräumen, Basisseminar Literaturwissenschaft 1.1 etwa, ich unter den etwa vierzig, zwei Drittel weiblich. Du kommst aber nicht gerade von der Schule, oder? Ein Einführungsseminar für alle Bachelorstudenten, und das sind seit diesem Wintersemester alle, die in Göttingen Germanistik zu studieren beginnen. Magister und Staatsexamen gibt es nur noch als auslaufende Studiengänge. Hier studiert man jetzt Bachelor, in zwei Fächern, sechs Semester lang, wobei man sich zwischen der normalen und der Lehramtsversion, die ein paar fachdidaktische Kurse und Schulpraktika verlangt, entscheiden muss.
Die Studenten sind vorbereitet, eingeweiht in die neuen Begriffe von Workload über Credits bis Modul, wissen genau, welche Veranstaltungen ihnen welche examensrelevanten Punkte erbringen und welche sie bleiben lassen können. Das alles hat viel mit Bürokratie und Studienplanung zu tun, mit Neigung kaum. Dieser gilt immerhin die erste Frage der Dozentin, einer jungen Doktorandin: Sie will wissen, was zur Wahl des Germanistikstudiums führte. Ich lese gern und ich habe Deutsch in der Schule gemocht sind häufige Antworten. Keine schlechten. Ich will Schriftstellerin werden, hört man auch zweimal.
Hineinschnuppern ist ausgestorben
Die Stundenpläne der Tischnachbarn sind gefüllt, sicher mit Ballast am Beginn des Semesters, doch selbst die notwendigen Kurse füllen den Tag und machen klar, warum es schon so früh am Tag losgeht: Basisseminare in den drei Gebieten Neuere Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Germanistische Mediävistik, abzuschließen mit Klausur; Tutorien dazu, geleitet von Studenten höherer Semester; Vorlesungen, die ebenfalls verpflichtend sind, meist ebenfalls mit Abschlussklausur.
Dann ist da noch das zweite Fach. Und das, was man Schlüsselqualifikationen nennt, Fremdsprachenkurse etwa. Alles, was man aus Interesse belegen möchte, eine Vorlesung etwa, die ansprechend klingt, muss außerhalb dieser Pflichtstunden belegt werden. Ich frage Bachelorstudenten aller Semester, ob sie sich auch andere Fächer als die eigenen angesehen haben - und bekomme in zwei Tagen nur eine einzige positive Antwort von jemandem, der das Fach wechseln will. Hineinschnuppern in Bereiche, die einen interessieren könnten, ob Kunstgeschichte, Psychologie oder Atomphysik - das ist ausgestorben. Keine Zeit.
Hohe Erfolgsquoten sind erwünscht
Diese Verschulung und Einengung des Studiums, mit genauen Anweisungen, wann man was zu belegen hat, um im kommenden Semester in eine darauf aufbauende Veranstaltung zu gelangen, richtet sich an die breite Menge von Studierenden, die mit dem alten System, dem selbstbestimmten, freien Studium, schlecht bedient war. Keine Frage: Die Abbrecherquoten waren hoch, zu hoch, gerade in den Geisteswissenschaften.
Nun sollen bis zu achtzig Prozent der Studenten erfolgreich zum Bachelor getrieben werden, Konsequenz einer Bildungspolitik, die vierzig Prozent eines Jahrgangs an die Hochschulen schicken möchte. Achtzig Prozent Abschlussquote errechnet sich konkret so, dass man von den Zahlen im dritten Semester ausgeht und diese mit den Absolventenzahlen vergleicht. Zwei Semester also darf die Hochschule aussieben. Hohe Erfolgsquoten sind erwünscht und sollen bald auch mit der Mittelverteilung gekoppelt werden. Umgesetzt ist das in Niedersachsen noch nicht, aber der politische Wille ist bereits deutlich.
Rilke? - Wieviele Credits bringt mir der?
Dass man damit, nach konsequenter Logik, nicht mehr ein bestimmtes Wissen erlangen, sondern nur noch verhindern muss, zum schlechtesten Fünftel des Semesters zu gehören, hat sich unter den Studenten schon herumgesprochen. Ein Dozent gibt später im Gespräch offen zu, dass man angehalten sei, nicht zu streng zu bewerten.
Und Bachelor bedeutet, das ist in den Gesprächen der Studenten unüberhörbar, die totale Bürokratisierung des Studiums. Jeder Kurs, jede Vorlesung, die Hausaufgaben und die Klausuren werden in ein abstraktes System auf Punkte, Credits, umgerechnet, die man sammeln muss, um zum Examen zugelassen zu werden. Die Germanistikstudenten waren immer schon Meister des Tricksens, etwa im Gespräch über Literatur, die man nicht gelesen hatte. Nun richten sie ihren Ehrgeiz auf effizientes Durchschlängeln durch die Studienordnung. Was bringt mir das?, ist die Kernfrage zum Bachelor. Rilke? - Wieviele Credits bringt mir der?
Modul Freies Lesen einführen
50 Seiten Lektüre von einer Sitzung zur nächsten erwarten wir von Ihnen, sagt eine Dozentin im Basisseminar und fügt hinzu, man habe ja schließlich ein Fach gewählt, bei dem Lesen primäre Disziplin sei. Doch das Primäre ist das Sekundäre: Forschungsliteratur. Literarische Texte selbst werden nur als Beispiele für methodische Ansätze herangezogen. Drei Sitzungen Lyrik, drei Drama, drei Erzählung. Fünf Gedichte, ein wenig Kleist, ein Blick ins Dantons Tod - schließlich die Klausur. Wer besteht, darf im nächsten Semester das Folgeseminar besuchen, das die Methodik vertieft.
Literarisches Studium fällt in die rare Freizeit. Die Göttinger Germanistikprofessoren hatten dieses Defizit selbst erkannt und wollten wenigstens teilweise Abhilfe schaffen, den Bachelor mit seinen eigenen Waffen schlagen und ein Modul Freies Lesen einführen. Sie erstellten eine Liste von dreißig Werken, von Andreas Gryphius bis Elfriede Jelinek, die die Studenten im Laufe ihres Studiums lesen sollten, eine Art Göttinger Kanon, belohnt mit zehn bis fünfzehn Credits. Man scheiterte an der Kultusbürokratie: Es dürfe kein Modul geben, hieß es aus Hannover, das sich über ein gesamtes Studium erstreckt.
Ein eigenes Profil lässt sich kaum entwickeln
Die Universität und mit ihr das Germanistische Seminar hat sich das neue Studium nicht ausgesucht, es setzt um, was vorgesetzt wurde. Und man strebt, mit einigem Geschick, danach, die starren Vorgaben zu unterlaufen - oder wie man das nennt: flexibel zu gestalten. Beim Notendurchschnitt, der zum aufbauenden Masterstudiengang berechtigen soll, hat man sich etwa ein Recht auf Ausnahmen vorbehalten. Nicht unsympathisch ist, dass jemand wie der Ordinarius für Neuere Literaturwissenschaft Gerhard Lauer im Gespräch die positiven Seiten des Bachelor betont, dem Ganzen, Unabänderlichen Gutes abzuringen gewillt ist.
Die Konzentration auf die breite Menge der Studierenden, statt auf die wenigen wissenschaftlich Begabten zuvor; oder die Beschleunigung des Studiums, das, gemeinsam mit dem kürzeren Gymnasium, zu neuen Lebensbiographien, zu Abschlüssen mit Anfang zwanzig, zu Masterabsolventen mit dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahren führen wird. Ein eigenes Profil und Interesse für ein Spezialgebiet, für einen Schriftsteller oder eine Epoche etwa, so viel gibt auch Lauer zu, lässt sich in den sechs Semestern kaum entwickeln.
Gerade so bestanden
Insgesamt, so viel macht die Stippvisite klar, hat man kein grundlegend neues Studium geschaffen, sondern versucht, das bisherige Studium in sechs Semester zu quetschen. Man spielt hier die Universitätsvariante der schulischen Reduktion von neun auf acht Gymnasialjahre: bloß nichts vom Lehrplan streichen. Dass dies aber, angesichts der knapperen Zeit, auf Kosten der Intensität und Tiefe erfolgt, ist evident. Schwerpunktbildung ist kaum noch möglich, gleichrangig müssen die Teildisziplinen absolviert werden. Auch der zukünftige Gymnasiallehrer im Fach Deutsch soll die mittelhochdeutsche Literatur und Grammatik intensiv kennenlernen, die in der Schule keine Rolle spielt. Die ersten Verse aus dem Parzival von Wolfram von Eschenbach machen manchen Erstsemester neben mir mutlos. Eine Studentin überlegt nach dem Kurs laut, ob sie nicht doch lieber zu Sport wechseln soll.
Zentrales Thema in vielen Gesprächen sind die Noten. Früher erst im Examen relevant, wird heute, mit geringen Wahlmöglichkeiten, fast jede Teilnote aus den einzelnen Veranstaltungen ins Examen eingebracht. Bange Fragen machen die Runde, etwa ob es einen bestimmten Durchschnitt gebe, den man im Bachelor erreichen muss, um dann weiter den Master of Education erwerben zu können. Eine zwei soll es sein, 2,5 Notendurchschnitt ist die Grenze. Was fange ich, fragt eine Studentin im fünften Semester, mit einem Lehramtsbachelor an, wenn ich nicht mehr weiterstudieren darf? Inzwischen hat sich bei den Studenten herumgesprochen, dass es womöglich schlauer ist, eine Klausur, bei der man zu Beginn erkennt, dass keine gute Note herausspringt, mit Absicht gar nicht zu bestehen, um in einem Wiederholungsversuch eine bessere Note als ein gerade so bestanden zu erreichen.
Es regiert ein neuer Pragmatismus, ein Ringen um Noten, Kurse, Klausuren und mit den Hürden der Bürokratie. Der Ansatz des Bachelor, der auf den durchschnittlichen Studenten abgestimmt ist, aber keine fördernden Impulse für die Begabten kennt, steht in einem seltsamen Missverhältnis zum stolzen Etikett der frischgebackenen Eliteuniversität Göttingen.
Der Bachelor im Test (1)
Das Wintersemester hat begonnen. In den allermeisten Fächern an deutschen Universitäten heißt das: Die Erstsemester beginnen mit dem Bachelor-Studium. Noch allerdings ist das für die meisten nur ein neuer Name. Welche Studienwirklichkeit sich dahinter zeigt, das versuchen wir in den kommenden Wochen an dieser Stelle herauszufinden.
An ganz verschiedenen Hochschulen und in ganz verschiedenen Studiengängen, von der Physik bis zu den Islamwissenschaften und den Ingenieursfächern, soll der Frage nachgegangen werden, was sich geändert hat durch die vielbeklagte Verschulung des Studiums, seine Modularisierung, die Umstellung von Seminarscheinen auf credit points und die Berechnung des Arbeitsaufwandes dafür in sogenannten workloads.
Hat sich überhaupt etwas geändert? Sind Bachelor und Master nur neue Etiketten? Wo liegen für wen die Stärken des geänderten Systems, wer trägt seine Schwächen? Den offiziellen Erläuterungen muss man misstrauen, aus Statistiken wird man nie erfahren, was an den Universitäten los ist. Wir ziehen die Anschauung vor Ort vor.
Text: F.A.Z., 30.10.2007, Nr. 252 / Seite 39
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