Hochschulen

Studienabbruch in Deutschland

Von Jürgen Kaube

20. Februar 2008 Studenten, die den Bachelor-Abschluss anstreben, so hieß es in einer Mitteilung der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) vor kurzem, sind zufriedener als ihre Kommilitonen in den traditionellen Studiengängen. Eine repräsentative Befragung von 22.000 Studenten an deutschen Hochschulen will das herausgefunden haben.

Zufriedener heißt aber durchaus nicht zufrieden. Zwar schreiben die Hannoveraner Forscher, deren Institut vom Bund und den Ländern getragen wird, eine deutliche Mehrheit fühle sich im Studium gerade richtig gefordert. Das aber grenzt an Hochschuldesinformation, denn tatsächlich hielten sich knapp dreißig Prozent der Befragten für über- und knapp zwanzig Prozent für unterfordert. Und wenn die Differenz zwischen den zufriedenen Bachelor-Kandidaten und den zufriedenen in alten Diplom- und Magisterstudiengängen über alle Fächer ganze drei Prozent beträgt, wird man auf so eine Zahl statistisch auch nicht viel geben wollen. Tatsächlich scheint das Ausmaß der Zufriedenheit auch viel mehr mit den Betreuungsrelationen als mit den Abschlüssen zusammenzuhängen: So liegt der Anteil der mit den Seminargrößen sehr zufriedenen Bachelor-Studenten an Fachhochschulen ganze achtundzwanzig Prozent höher als bei künftigen Bachelors an Universitäten.

Dreißig Prozent Abbrecher

Es ist also wie zumeist bei solchen Meinungsdaten: Je gründlicher man sie anschaut, desto ungreifbarer wird, was sie an Information eigentlich enthalten. Da sind Zahlen, die tatsächliches Verhalten beschreiben, schon etwas belastbarer. Drei Tage nach der erfreuten Mitteilung über die Studierzufriedenheit war das HIS mit einer zweiten Studie zur Stelle, in der vor problematischen Entwicklungen beim Bachelor gewarnt wurde. Nun hatte man nämlich untersucht, wie es um den Studienabbruch an deutschen Hochschulen steht. Während von 2000 bis 2004 im Durchschnitt ein Fünftel der Universitäts- und Fachhochschulstudenten das Studium abbrach, seien es in den Bachelorfächern ein Viertel (an den Universitäten) und mehr als ein Drittel (an den Fachhochschulen), insgesamt dreißig Prozent. Studienfachwechsler, die es im neuen Fach zu einem Abschluss bringen, und Studenten, die ins alte Diplomstudium zurückgehen, wo das noch möglich ist, sind dabei nicht einmal mitgezählt worden.

Wie kann das sein: hohe Zufriedenheit bei hohen Abbruchzahlen? Die Sozialforschung macht's möglich. Man hatte die Abbrecher, unter denen sich eher weniger Studenten finden dürften, die mit ihrem Studium „sehr zufrieden“ sind, bei der Wohlfühlumfrage nicht miterfasst.

Drei Ziele

Die Bachelor-Studiengänge sollten vor allem drei Ziele erfüllen: mehr internationale Mobilität der Studierenden, ein kürzeres Studium, geringere Abbruchquoten. Über die Steigerung von Mobilität redet inzwischen schon gar niemand mehr, denn als offenkundig sinnwidrig ist der Versuch inzwischen begriffen worden, sie durch ein schnelleres Studium herbeizuführen, das sogar im Inland durch eine stärkere Differenzierung der Studiengänge neue Mobilitätshürden errichtet hat. „Der Hochschulwechsel ins Ausland war bislang statistisch nicht relevant“, heißt es lakonisch in der HIS-Studie, es lasse sich auch derzeit keine Steigerung eines solchen Wechselverhaltens in den Bachelor-Studiengängen beobachten. Ob der Bachelor-Abschluss zur vermehrten Fortsetzung des anschließenden Master-Studiums im Ausland führen wird und wie viele von denen, die so optieren, dann irgendwann auch wieder zurück nach Deutschland kommen, wird abzuwarten sein.

Aus der erwarteten Verkürzung des Studiums auf sechs Semester ist längst auch bei den vehementesten Verfechtern der Reform ein Kann-aber-muss-überhaupt-nicht-Gesichtspunkt geworden. Vor allem in Fächern, für die der Erwerb von Sprachkenntnissen im Studium üblich ist, sind sechs Semester zur Erlangung irgendeiner Art von Berufsqualifikation illusorisch. An Fachhochschulen muss vielerorts das Bruchrechnen nachgeholt werden. Die durchschnittliche Gesamtstudiendauer der Bachelor-Absolventen betrug 2006, laut Statistischem Bundesamt, acht Semester.

Abweichende Empirie

Nun scheint es also auch, was den Abbruch angeht, abweichende Empirie zu geben. Sie betrifft vor allem die Ingenieurs- und Wirtschaftsfächer an den Fachhochschulen. In den Sprach- und Kulturwissenschaften brechen seit Einführung des Bachelors deutlich weniger Studenten ab. Die Ursache dafür sehen die Hannoveraner Forscher in der stringenten Studienstruktur und in einer stärkeren Ausrichtung der Bachelor-Programme auf bestimmte Berufsfelder. Um welche Berufsfelder es sich dabei handelt, konnte die Studie naturgemäß nicht ermitteln. Deutungen, die den Ingenieurswissenschaften, aber auch Mathematik und Chemie, bei denen die Abbrecherzahlen ebenfalls zugenommen haben, einen zu dichten Stundenplan vorwerfen, streifen aber den schwarzen Humor. Denn tatsächlich ist es ja so, dass die Wissenschaftspolitik zunächst auch solchen Fächergruppen, die keinerlei Bedarf an einem Bachelor-Studium signalisierten, diesen Abschluss aufgenötigt hat. Und jetzt wirft man ihnen vor, an Fachstandards festzuhalten?

In jeder Zeile der HIS-Studie lässt sich der Wille zu einer milden Beurteilung ihrer Zahlen erkennen. Noch seien ja nicht alle Studiengänge umgestellt, so dass die errechneten Quoten „allemal nur eine bestimmte Auswahl an Fächern mit jeweils unterschiedlichen Studienabbrecheranteilen“ enthielten. Doch was gibt Anlass zur Hoffnung, dass gerade in den Fächern, die sich am längsten gegen die Umstellung auf den Bachelor gesträubt haben, die künftigen Abbruchzahlen eher geringer als der Durchschnitt sein werden? Auch notieren die Autoren der Studie, in die niedrigeren Abbruchquoten der traditionellen Studiengänge gingen ja auch die traditionell niedrigen Abbrecherzahlen der Mediziner, Juristen und Lehrer ein.

Niederschmetterndes Ergebnis

Was die Lehrer angeht, so enthält die Kombination aus Wohlfühlumfrage und Abbruchsberechnung das eigentlich niederschmetternde Ergebnis der Studien. Einerseits gehören die Lehramtskandidaten zu den unzufriedensten Studenten überhaupt, andererseits brechen sie ihr Studium aber vergleichsweise selten ab. Zuletzt waren es sagenhaft niedrige acht Prozent der Studenten, die sich von dem Ziel, Beamter im Schuldienst zu werden, während des Studium abwandten. Nur Mediziner und Landwirte halten noch hartnäckiger an ihrem Fach fest.

Das erneuert einen Befund des Frankfurter Erziehungswissenschaftlers Udo Rauin. In seiner Studie, die unter Beteiligung von 1100 Lehramtsstudenten in Baden-Württemberg durchgeführt wurde, hatte mehr als ein Viertel aller angehenden Lehrer sich selbst nach sechs Semestern die Nichteignung zum Lehrberuf attestiert, ohne deswegen jedoch das Berufsziel aufzugeben. Ein Viertel gab an, das Studium als Notlösung ergriffen zu haben, nur die Hälfte davon sprang unterwegs aber ab. Man sieht an diesem Beispiel, wie wenig die nackte Zahl von Studienabbrechern besagt. In manchen Fächern wünschte man sich geradezu, auch für die betroffenen Studenten, dass es zum Studienabbruch noch vor dem ersten Semester kommen würde.

Beide Studien finden sich im Internet unter http://www.his.de/abt2



Text: F.A.Z., 19.02.2008, Nr. 42 / Seite 41
Bildmaterial: AP

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche