
Hochbegabt und gut in eine ganz normale Familie integriert: Lisa Simpson, dritte von rechts, in "Die Simpsons - Der Film".
26. Juni 2008 Der Psychologe Detlev Rost forscht seit dem Ende der achtziger Jahre über Hochbegabung. Im Gespräch erläutert er die dabei gewonnenen Einsichten über den Zusammenhang besonderer Begabung und Persönlichkeitsmerkmalen.
Hochbegabte, also Menschen mit einem IQ von mindestens 130, sind Einzelgänger, Sonderlinge, hochsensibel und sozial nicht kompatibel.
Das ist absolut dummes Zeug!
Aber eine gängige Ansicht.
Es steht so auch in fast allen Büchern zum Thema drin. Wenn man sich aber weltweit die methodisch guten Studien ansieht, findet man dafür keinen Beleg. Ganz im Gegenteil, es zeigt sich, dass Hochbegabte mindestens genauso gut abschneiden, was Persönlichkeit und soziale Anpassung angeht, wie durchschnittlich Begabte. Manchmal sogar ein bisschen besser.
Woher kommt der verbreitete Glaube, dass Genie und Wahnsinn sehr dicht beieinanderliegen?
Unser Projekt zum Beispiel ist vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft finanziert worden. Allein die siebentausend Kinder herauszusuchen, daran haben sieben Psychologen ein Jahr lang gearbeitet. Da kann man sich vorstellen, was das kostet. Ein normaler Forscher hat gar nicht so viel Geld. Viele Forschungen werden daher in kleinem Rahmen an Institutionen gemacht, in denen viele Hochbegabte sind: Schulen für Hochbegabte, Elternvereinigungen und so weiter. Nehmen wir Letztere: Wer organisiert sich denn in solchen Gruppen? Ich habe noch nie eine Selbsthilfegruppe für das pflegeleichte Sonnenscheinkind gesehen. Dort sind natürlich problematische Kinder überrepräsentiert. Und dann wird von diesen auf die Hochbegabten überhaupt verallgemeinert - das ist der Fehler.
Aber da muss doch mehr dahinterstecken. Woher kommen denn die vielen Geschichten von genialen Schulversagern und begnadeten Nieten?
Ich habe nicht gesagt, dass es nicht auch Hochbegabte gibt, die Probleme haben. Nur, die Probleme kommen bei Hochbegabten nicht seltener und nicht häufiger vor als bei Normalbegabten. Das hat nichts mit der Begabung zu tun, sondern mit anderen Faktoren. Es ist aber doch so: Für Zeitungen und Talkshows sind doch nur die Fälle interessant, in denen ein Kind große Schwierigkeiten hat, gemobbt wird. Wenn da ein ganz normales Kind sitzt, interessiert das doch keinen.
Wie hat sich der Umgang mit dem Thema Hochbegabung verändert, seitdem Sie 1987 Ihre umfangreiche Studie begannen?
Damals musste man sich noch entschuldigen, wenn man zum Thema Hochbegabung forschte, so tabuisiert war das. Heute muss man sich fast entschuldigen, wenn man nicht über Hochbegabung forscht. Als ich das Projekt begann, galt ich als Exotenvogel. Es wurde mir sogar gedroht, meine Autoreifen aufzuschlitzen. Es war allein schon sehr schwer, die Schulen zur Mitarbeit zu gewinnen.
Vor dem Hintergrund Ihrer Erkenntnisse prangern Sie eine "Hochbegabtenhysterie" in Deutschland an.
Ja, heutzutage ist eine Förderhysterie ausgebrochen. Es gibt sehr viele Eltern, die glauben, ihr Kind würde nur noch aus dem Intellekt bestehen. Diese Eltern achten gar nicht mehr auf die anderen Bedürfnisse des Kindes. Das geht natürlich viel zu weit. Ich will damit nicht sagen, dass man nichts für Hochbegabte tun soll. Aber auch hochbegabte Kinder brauchen Freizeit, hochbegabte Jugendliche müssen auch mal rumhängen und mal nicht gefördert werden.
Sie halten also nichts von gesonderten Förderklassen oder Sonderschulen, wo die Hochbegabten unter sich sind?
Nein, insbesondere wenn die Kinder noch jung sind. Hochbegabte müssen lernen, dass sich der Wert eines Menschen nicht an der Intelligenz oder Begabung festmachen lässt, sondern aus ganz vielen anderen Facetten besteht, die genauso wichtig sind. Und das lernen sie, indem sie mit Normalbegabten zusammen sind. Andersherum müssen durchschnittlich Begabte lernen, dass Hochbegabte genauso nette Zeitgenossen sind wie alle anderen auch. Wenn man Hochbegabte frühzeitig herausnimmt, raubt man beiden Gruppen die Gelegenheit, den Umgang miteinander zu lernen. Sonderschulen sind immer Notlösungen, wenn es normale Schulen nicht schaffen, mit der Variabilität hinsichtlich der Begabungen zurechtzukommen.
Ihre Probanden waren zu Beginn ihrer Studie, Ende der achtziger Jahre, in der dritten Schulklasse. Davon sind heute gewiss viele auf dem Sprung oder schon im Berufsleben. Laufen deren Karrieren ihrem Intellekt entsprechend?
Wir haben festgestellt, dass von den Hochbegabten fast alle studieren. Aber von den durchschnittlich Begabten studieren auch eine ganze Reihe. Hochbegabte ziehen ihr Studium indes deutlich zügiger durch. Sie sind schon als Schüler sehr leistungsorientiert - das setzt sich im Studium fort.
Als eine Schwäche des deutschen Bildungssystems gilt, dass die Chancen und Förderungen des Kindes stark vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Demnach müssten die meisten Hochbegabten aus wohlhabendem Hause kommen.
Ja, Hochbegabte kommen häufig aus höheren gesellschaftlichen Schichten. Das ist einfach ein Faktum.
Wie ist das zu erklären?
Wir wissen, dass Intelligenz im Durchschnitt zu fünfzig bis sechzig Prozent vererbbar ist. Menschen aus den oberen sozialen Schichten haben in der Regel intelligente Väter und Mütter. Das liegt auch daran, dass Menschen bei der Partnersuche meist jemanden wählen, der ein ähnliches intellektuelles Niveau hat. Zusätzlich zur Erbanlage kommen bessere Anregungen für das Kind: Wenn die Eltern sich am Kamin über den Atomwaffensperrvertrag unterhalten, ist das für den Wortschatz des Kindes besser, als wenn die Familie den ganzen Tag RTL im Fernsehen schaut. Die Interaktion zwischen Vererbung und Umwelt spielt eine große Rolle.
Seit Wochen wird darüber diskutiert, dass die Jungs hierzulande gegenüber den Mädchen auf allen Ebenen den Anschluss verlieren. Bei der Anzahl der Hochbegabten haben die Jungen aber noch die Nase vorn. Wie kommt das?
Begabung ist ja nicht gleich Leistung. Leistung bedeutet auch Anpassungsbereitschaft, Motivation, Fleiß, Konstanz. Die Jungen sind in unserem Schulsystem die Loser, ganz eindeutig. Es gehen sechzig Prozent der Mädchen zum Gymnasium und vierzig Prozent der Jungen, die Mädchen machen ein besseres Abitur und so weiter. Das männliche Geschlecht ist aber minimal intelligenter als das weibliche.
Also gibt es noch Hoffnung für die Jungs.
Es ist nicht viel, nur ein kleiner Mittelwertsunterschied. Für den Alltag ist das an sich irrelevant.
Wo läuft die Hochbegabtenförderung besser als in Deutschland?
In Finnland zum Beispiel wird über Förderklassen oder Ähnliches erst gar nicht diskutiert. Der Lehrer richtet sich von Beginn an darauf ein, dass die Klasse sehr heterogen ist und dass er individuell differenzieren muss. Ein Lehrer, der zulässt, dass unterschiedliche Lernwege eingeschlagen werden, hat noch keinem geschadet - auch nicht den Hochbegabten.
Ob in Finnland oder in Deutschland: Geht es nicht zu Lasten der sehr guten Schüler, wenn sich der Lehrer häufig mit den schwächsten Klassenkameraden aufhalten muss? Führt das nicht zu zäher Langeweile bei den Hochbegabten, wenn sie stetig unterfordert werden?
Langeweile ist kein Zeichen für Hochbegabung, sondern für schlechten Unterricht. Es gibt in Deutschland ungefähr 380 000 Hochbegabte - meinen Sie, die langweilen sich alle in der Schule? Zu den paar Hochbegabtenschulen, die wir haben, gehen doch nur etwa fünftausend Kinder.
Viele Einzelschicksale zeigen, dass ständige Unterforderung in der Schule in Verhaltensauffälligkeiten münden können. Von dort ist es bis zum kompletten Schulversager nicht mehr weit.
Dieser Mythos hat sich schon so weit herumgesprochen, dass viele Eltern glauben, mein verhaltensschwieriges Kind ist garantiert hochbegabt. Aber es ist ja nicht so, dass der Lehrer langweiligen Unterricht macht und, zack-bumm, das Kind ist verhaltensgestört. Das Wichtigste an der Hochbegabtenförderung ist eine vernünftige Lehrerförderung und -weiterbildung. Damit ist das meiste getan. Wenn der Lehrer einen guten, spannenden Unterricht macht, wird der Hochbegabte auch in seiner normalen Klasse hinreichend gefördert. Ältere Schüler können sich alle weiteren Anregungen sowieso selber holen, die sie brauchen - zum Beispiel über das Internet.
Hängen Begabung und Persönlichkeit zusammen?
Der Psychologe Detlev Rost forscht seit dem Ende der achtziger Jahre über Hochbegabung und leitet seit zwei Jahren die begabungsdiagnostische Beratungsstelle Brain an der Universität Marburg. Rost und sein Team starteten 1987 eine umfangreiche Studie mit mehr als 7000 Kindern aus den alten Bundesländern im dritten Schuljahr. Der Wissenschaftler wollte der Frage nachgehen, ob eine besondere Begabung mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängt.
Laut der gängigen Konvention sind zwei Prozent der Menschen hochbegabt, haben also einen IQ von mindestens 130. Mit kognitiven Leistungstests wurden die 151 vermeintlich leistungsstärksten Kinder herausgesucht - und jedem wurde ein Vergleichskind, das durchschnittliche Leistungen bringt, gegenübergestellt. Rosts Mitarbeiter besuchten alle Familien und sprachen intensiv mit den Probanden, deren Eltern und Lehrern. In den folgenden Jahren wurden immer wieder Zwischenbefragungen durchgeführt. Als die Kinder fünfzehn und sechzehn Jahre alt waren, wurde das ganze Programm wiederholt. Die Studie läuft noch.
Später startete Rost ein zweites Projekt, dieses Mal mit Kindern aus den neuen Bundesländern. Hier wurden die Jahrgangsbesten aus neunten Klassen herausgesucht, dazu wiederum ein Vergleichskind mit ähnlichem sozioökonomischen Hintergrund, das nur durchschnittliche Leistungen erbringt. Auch diese Studie läuft noch.
Die Fragen stellte Alex Westhoff.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: 20th Century Fox/Cinetext