15. Januar 2009 So sehe doch keine französische Intellektuelle aus: scheu, keinerlei Silberblick, zigarettenlos, wie eine Grundschullehrerin, die in ihrer Freizeit bergsteigt. An wem immer der Frankreich-Korrespondent des Londoner Independent“ seine Erwartungen an intellektuelle Französinnen gebildet haben mag – Esther Duflo weicht von ihnen nicht nur dem Erscheinungsbild nach ab. Gerade hat sie ihre Vorlesungen am Pariser Collège de France aufgenommen; mit sechsunddreißig ist sie die jüngste Frau, die dort jemals unterrichtet hat. Ihr Gebiet steht nicht eben im Ruf, modisch zu sein: Entwicklungsökonomie. Ihr Lehrstuhl am Collège lautet Savoirs contre pauvreté“, im Deutschen unschöner: Wissenschaft der Armutsbekämpfung.
Was sie, die in Frankreich die Eliteschulen durchlaufen hat, an ihrer Universität, dem Massachusetts Institute of Technology, erforscht, sind Wohlfahrtsprogramme der Entwicklungshilfe wie Schulbeihilfen oder Staudammbauten. Für die Effektivität von derlei Maßnahmen hat sie Testverfahren entwickelt, die denen der Pharmaindustrie für Medikamente ähneln. Das alles klingt im Vergleich zu dem, worüber Intellektuelle sonst reden müssen, um in die Medien zu kommen – Epochenbrüche, Sex oder Ungerechtigkeiten –, recht trocken. Dennoch schlugen sich die Pariser vor einer Woche um Plätze in ihrer ersten Vorlesung.
Dinge, die es wirklich gibt
Vielleicht hat es damit zu tun, dass Esther Duflo über Dinge redet, die es wirklich gibt. Und über Dinge, die schiefgehen. Ihre Forschung – siehe http://econ-www.mit.edu/faculty/eduflo/papers – klärt auf, beispielsweise über die modische Illusion, man können die Hilfebedürftigen der Dritten Welt über ihren Überlebenskampf hinaus auch noch zur Selbsthilfe begaben und etwa kleine Unternehmer aus ihnen machen. Oder darüber, dass man in vielen Hilfekontexten die Bedürftigen oft erst durch kleine Bestechungen dazu bringt, ein Entwurmungsmittel einzunehmen oder ihre Kinder zur Schule zu schicken. Oder dass Überwachungskameras sich besser dazu eignen, die Anwesenheit von Lehrern und Schülern in Schulen zu garantieren als Schultagebücher, die von Eltern kontrolliert werden. Oder dass ein Armutsverstärker in der Unfähigkeit armer Eltern liegt, überhaupt zu beurteilen, ob ihre Kinder in der Schule etwas gelernt haben. Oder dass Staudammbau die Armut in den betroffenen Gebieten meistens erhöht.
Gern wird Aufklärung in einen Gegensatz zur Sozialtechnologie gebracht. Esther Duflo kümmert sich nicht um diese Differenz. Sie klärt über Sozialtechnologien des Weltwohlfahrtsstaates auf, und zwar, um sie zu verbessern. Das führt vermutlich weiter als Epochenbrüche, Ethiken oder Philosophien über Sex.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP