Von Ariane Breyer
04. Dezember 2007 Zu den schwierigen Fällen der Bologneser Hochschulreform gehören Fächer, die mit einem Staatsexamen abschließen. Von einem Bachelor lasse er sich nicht operieren, meinte einst Hochschulrektor Klaus Landfried. Von einem Bachelor die eigenen Kinder unterrichten zu lassen, davor scheuen auch die Verantwortlichen für die Lehrerausbildung zurück. In unserer Serie schauen wir deshalb heute auf den Master of Education. (F.A.Z.)
Bochum: Am Haupteingang von Deutschlands größter Campus-Uni werden wir von der U-Bahn ausgespuckt und übergangslos in das hochschulinterne Farbleitsystem eingespeist. Das Gebäude der Medizin ist rot angestrichen, Grün steht für die Naturwissenschaften, die Ingenieurwissenschaften sind blau, während die Bibliothek in Orange gehalten ist. Folgen wir den Wegweisern, die mit bunten Arme rundherum im trüben Herbsthimmel stochern, zum gelben Gebäude der Geisteswissenschaften. Hier kann man die angehenden Lehrer treffen, die den deutschen Schülern künftig zu besseren Pisa-Testergebnissen verhelfen sollen. Erst 2002/03 wurde hier das Lehramtsstudium im Sinne des Bologna-Prozesses in zwei Phasen aufgespaltet.
Einig sind sich die Kultusministerkonferenz und die Hochschulen darin, dass die Lehrerausbildung kürzer, praktischer und bundesweit einheitlich werden muss. Von Einheitlichkeit ist allerdings nur die Rede. Denn jedes Land entscheidet selbst, ob es das alte Lehramtsstudium mit erstem Staatsexamen zugunsten des zweistufigen Bologna-Modells mit Master-Abschluss abschaffen will. Und, wenn es denn will, ob es die Studenten bereits während des Bachelor-Studiums mit fachdidaktischen Überlegungen vertraut macht oder erst in der Masterphase.
Dichtgedrängtes Curriculum
An der Ruhr Universität Bochum (RUB) testet man derweil die zweite Variante, die den Stoff und die Theorie seiner Vermittlung säuberlich voneinander scheidet: in das Bachelor-Studium, das sechs Semester für den Erwerb ausschließlich fachwissenschaftlichen Wissens vorsieht, und den viersemestrigen Master-of-Education-Studiengang, in den die Didaktik ausgelagert wurde. Die Vorhut der ersten Bochumer Kohorte hat sich bereits durch das dichtgedrängte Curriculum gekämpft. Im Sommer wurde die erste Studentin mit einem M.Ed. statt dem Ersten Staatsexamen ins Referendariat entlassen.
Wolfgang Boettcher, Professor für germanistische Linguistik und Sprachdidaktik an der RUB, war maßgeblich an der Ausarbeitung der neuen Studienordnung beteiligt. Er ist ein unbedingter Verfechter des Zwei-Phasen-Studiums. Zum einen erlaube es den Studenten, ihre Berufspläne etappenweise zu formulieren. So müssten sie nicht unmittelbar nach dem Abitur beginnen, sich auf die Rückkehr in die Schule, die sie doch kaum verlassen hätten, vorzubereiten.
Hohe Abbrecherquote
Auch zeichne sich schon jetzt der von der Politik gewünschte Effekt ab: Die Studenten schlössen ihr Studium schneller ab. Denn die Regelstudienzeit verlängere sich nur nominell um ein halbes Jahr, da die Lehramtler hier bislang im Durchschnitt dreizehn bis vierzehn Semester gebraucht hätten. Die Langwierigkeit des klassischen Lehramtsstudiums habe den anfänglichen Enthusiasmus über die Semester oft empfindlich geschmälert und die Abbrecherquote in die Höhe getrieben. Das liege nicht zuletzt daran, dass die Studenten aus ihrer Schulzeit an klare Strukturvorgaben gewöhnt seien: Nur wenige der Abiturienten brächten eigene Zielvorstellungen mit und seien in der Lage, ihr Studium eigeninitiativ zu gestalten. Für alle anderen halte die Universität daher Fertigangebote bereit, deren Anforderungen dann nur noch termingerecht erfüllt werden müssten.
Die Schule, die - besonders nach der Reduzierung der Gymnasialzeit auf acht Jahre - auf geringe Selbstorganisation und hohe Anpassungsfähigkeit setzt, wird also für die Ausbildung der späteren Lehrenden zum Vorbild. Was den Schülern nicht beigebracht wurde, lernen demnach auch die Studenten nicht: Verlagert man so nicht eine Strukturschwäche der deutschen Schulausbildung an ihre Quelle zurück? An dem Erkenntnisinteresse vieler Studenten entdeckt Boettcher jedenfalls wenig Leidenschaftliches. Allerdings ist es keine neue Entwicklung, dass sich angehende Lehrer in Abstimmung mit den Bedarfsprognosen der Bildungsministerien für ein Fach entscheiden. Gefragt, warum sie bestimmte Fächer gewählt hätten, antworten die meisten mit einer Formel für die Schnittmenge ihrer Lieblingsfächer mit den jüngsten Statistiken über Einstellungschancen.
Gute Marktlage für Lateinlehrer
Das betrifft auch angebliche Liebhaberfächer wie die Altphilologie, die fast ausschließlich Lehramtsanwärter ausbildet. Seit sich die Kunde der guten Marktlage für Lateinlehrer verbreitet hat, ist die Zahl der Bewerber für das Fach Klassische Philologie sprunghaft angestiegen: von vierzig auf 180 innerhalb von drei Jahren. Hier auf ein Erstarken der Begeisterung für humanistische Bildung zu schließen aber wäre voreilig. Im Fachbereich für Latein wundert man sich mitunter, dass viele der Studienanfänger ihr Latinum mit der Note 4 bestanden haben. Mitte der Neunziger wurde als Reaktion auf die dürftigen Sprachkenntnisse der Studenten erstmals eine Grundlagenübung angeboten, die auf die Teilnahme an Lektürekurse vorbereitete; dieser wurde vor drei Jahren ein zusätzliches Propädeutikum vorangestellt.
Das Schulfach Latein bereitet offenbar auf ein Studium nicht mehr ausreichend vor. Bedenklich findet Claudia Kloth, die geschäftsführende Direktorin des Fachbereichs, dass die Ausdünnung des gymnasialen Lehrplans in der verminderten Erwartungshaltung der Universitäten fortgesetzt wird. Die neue Prüfungsordnung sieht kein mündliches Examen mehr vor, auch entfällt die ehedem geforderte Übersetzung vom Deutschen ins Lateinische. Dass die Absenkung des Niveaus der fachwissenschaftlichen Ausbildung nicht zwangsläufig zu besseren Lehrern führt, ist leicht einzusehen.
Simuliertes Lehrerdasein
Der Bologna-Lösung eines engeren Praxisbezugs der Ausbildung steht Polleichtner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am selben Fachbereich, misstrauisch gegenüber: Man kann das Lehrerdasein nur zu einem gewissen Grad simulieren. Ein Schulpraktikum im dritten Semester, in dem der Praktikant kaum älter ist als die Schüler, die er überdies als Praktikant noch gar nicht unterrichten darf, vermittle doch nur ein vages Bild einer Berufsgruppe, deren Aufgabe es ist, die intellektuelle Entwicklung ihrer Schüler jahrelang zu begleiten.
Bei den Bochumer Schülern wiederum dürfte das ständige Kommen und Gehen der Lehramtsanwärter für manche Verwirrung sorgen. Nachdem Anfang Februar die neuen Referendare an der Schule eingeführt werden, kommen Mitte des Monats mit Beginn der Semesterferien die Bachelorstudenten, um ihr obligatorisches Orientierungspraktikum zu leisten. Zu beiden stoßen dann noch die Studierenden des Master of Education-Studiengangs, die in ihren beiden Fächern je vier Wochen Berufspraxis erlangen müssen. Was in der Theorie vernünftig klingt, erfordert in der Praxis ein Höchstmaß an Kooperationswillen und Organisationsgeschick seitens der Schulen.
Optimierung des Zeitmanagements
Der Wunsch, den zukünftigen Lehrern frühzeitig Berufspraxis angedeihen zu lassen, wird von dem Bestreben konterkariert, das Referendariat deutlich zu verkürzen. Ab 2015 wird die Vorbereitungszeit auf den Schuldienst in NRW auf zwölf Monate schrumpfen. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass man das eigentlich unterrichtsrelevante Wissen erst im Referendariat erwirbt, wundert sich Sebastian, der nächstes Jahr seinen M.Ed. in Anglistik und Sozialwissenschaften macht. Hier Zeit sparen zu wollen heißt dann für die Studenten: Optimierung des Zeitmanagements und Konzentration auf das Allerwichtigste. Das hat Sebastian auch schon bei seinem obligatorischen Auslandsaufenthalt in England beherzigt, für den er sich sechs Wochen in den Semesterferien frei gehalten hat. Ein ganzes Semester oder ein Jahr hätte einerseits seinen Stundenplan durcheinandergebracht, da er dann ein einmal begonnenes Modul nicht hätte abschließen können; andererseits schlagen die Studiengebühren mit einem Gefühl permanenter Zeitnot zu Buche.
Dennoch hat man in der M.Ed.-Fachschaft nicht das Gefühl, durch zu viele Einschränkungen an der freien Bildung gehindert zu werden. Lediglich der organisatorische Mehraufwand sorgt für moderaten Unmut. So ist es ein weiter Weg zum Master of Education: Vom Modulbetreuer zum Kursleiter und zurück, mit den gesammelten Unterlagen zu den Prüfungsbüros der Fakultäten, gestempelt und beglaubigt weiter zum zentralen M.Ed.-Prüfungsamt, das ein Abschlusszeugnis erstellt, welches dann dem Landesprüfungsamt vorgelegt wird; zusätzlich werden diese Bewegungen auf einem sogenannten Laufzettel dokumentiert, mittels dessen sich überprüfen lässt, ob sie in der richtigen Reihenfolge stattgefunden haben. Vielleicht aber ist dieser Organisationsballast nicht nur strukturell bedingt, sondern vielmehr eine Kinderkrankheit des neuen Systems und ausgeheilt, sobald die neue Verwaltungssoftware reibungslos funktioniert.
Das campuseigene Kultur-Café hat bereits eine Antwort auf den Ruf nach Mobilität, nach Polyvalenz und Flexibilität formuliert. Hier wird ein MultipleChoice-Frühstück angeboten, dessen polyvalente Bestandteile sich nach Belieben miteinander kombinieren lassen und bei Bedarf mobil sind bis über die Landesgrenzen. Geschmiert werden die Brötchen bis 16 Uhr, so dass sich das Frühstück flexibel an jeden Tagesrhythmus anschmiegt.
Text: F.A.Z., 04.12.2007, Nr. 282 / Seite 41
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