Von Peter Strohschneider
29. April 2008 Die vom Wissenschaftsrat in Auftrag gegebene Studie zur vergleichenden Bewertung von Forschungsleistungen der Soziologie in Deutschland wurde in der F.A.Z. einer Kritik unterzogen. Darin geht es einerseits um die Wahrnehmung der Lage des Faches; in dieser Hinsicht wäre ich für eine Replik ganz unzuständig. Andererseits zieht sich auch die vom Wissenschaftsrat beschlossene Bewertungsmethodik sowie die Aussagekraft der auf ihrer Grundlage gewonnenen Ergebnisse des Ratings jene Kritik zu, und insofern erlaube ich mir einige kommentierende Anmerkungen.
Wissen über die Wissenschaft überhaupt oder über eine ihrer Disziplinen kann selbstverständlich auf höchst verschiedene Weisen gewonnen werden. Eine dieser Weisen heißt Reputation: die in einem Kreis von Wissenschaftlern unstrittige Annahme über die Leistungskraft eines Kollegen. Als solche impliziert Reputation immer auch Strukturierungs- und Bewertungswissen über jenen Sektor der Wissenschaft, in dem jemandem Reputation zugeschrieben wird. Schwerlich könnte deswegen bei den Urteilen über Wissenschaft auf Aspekte der Reputation verzichtet werden. Das heißt indes gerade nicht, dass Reputation und Leistungsbewertung identisch wären oder einander substituieren könnten. Selbst höchstgeschätzten Kollegen misslingt ja einmal ein Vortrag.
Die Ökonomie der Reputation
Reputation, sieht man daran, hat ihre eigene Zeitdimension: Sie kann fortdauern, wo die bahnbrechende Erkenntnis, auf welcher sie fußt, längst überholt wurde. Sie kann umgekehrt selbst in Fällen auf sich warten lassen, wo wissenschaftliche Leistung sie längst hätte begründen können. Und es ist nicht zu übersehen, dass die Ökonomie der Reputation zu schlichten Distinktionen neigt: Unterhalb der Spitze kennt sie typischerweise nur undifferenziertes Mittelmaß.
Zwischen denen, die wichtige Beiträge zur Forschung leisten, ohne die Diskursrichtung des Faches zu prägen, und jenen, die überhaupt nicht forschen, macht die Reputation keine großen Unterschiede. Und weil sie eine Form der Kommunikation unter Kennern ist, bleibt sie intransparent für all jene, die keine Kenner sind, aber womöglich finanziell oder strukturell folgenreiche Entscheidungen für Institutionen des Wissenschaftssystems treffen müssen - und die diese Entscheidungen sollten rechtfertigen können.
Transparenz durch Empirie
Ein öffentlich finanziertes Wissenschaftssystem, das gute ebenso wie Spitzenforschung im ganzen Spektrum der Fächer und zugleich Bildung wie Ausbildung für rund zwei Millionen Studierende organisiert; eines, das überdies nicht wegen Wachstumsideologien (deren Existenz offenkundig ist), sondern aus Gründen des enormen Wandels der wissenschaftlich-technischen Zivilisation weiter wachsen wird - ein solches Wissenschaftssystem kann nicht allein nach der Reputation, die einzelne Forscher bei Kennern genießen, gesellschaftlich begründet, administriert und weiterentwickelt werden.
Es bedarf verschiedener Instrumente, zumal solcher, die dem legitimen Anspruch der Politik auf Nachweise verantwortungsvollen Mitteleinsatzes ebenso genügen wie der Notwendigkeit, Leistungskriterien auf die Eigenheiten von Fächern abzustimmen. Und dazu führt der Wissenschaftsrat jetzt ein methodisch gut begründetes Forschungsrating durch. Es macht die Leistungen wissenschaftlicher Einrichtungen in Deutschland transparenter, indem es sie auf der Grundlage empirischer Daten durch Fachgutachter bewertet.
Gegen die Evaluitis
Damit dient dieses Rating als Instrument der Begründung von Ressourcen wie der institutionellen Qualitätssicherung. Es wird auch einzelnen Einrichtungen ermöglichen, sich ihrer Leistungshöhe im Vergleich mit anderen Instituten zu vergewissern, die auf demselben Gebiet forschen. Dass die bisher vorliegenden Ergebnisse in Teilen mit den Einschätzungen der vorherrschenden Reputationshierarchien übereinstimmen, ist in diesem Zusammenhang durchaus kein Einwand.
Jürgen Kaube kritisiert zu Recht den grassierenden Glauben, man könne wissenschaftliche Qualität allein anhand von Zahlen beurteilen. Der Wissenschaftsrat teilt diese Haltung und plädiert gerade deshalb für ein Verfahren des informed peer review. Gegen die endemische Evaluitis hilft selbstverständlich allein Verknappung von Evaluation. Das aber heißt, Forschungsbewertungen müssen differenzierter, aussagekräftiger, verlässlicher, kurz: methodisch anspruchsvoller werden.
Gefühlte Exzellenz reicht nicht
Hier liegt die Leistung der jetzt diskutierten Pilotstudie. Differenzierung der Bewertungsdimensionen wie deutlich stabilere Qualitätseinschätzungen zeichnen sie gegenüber den in den Medien verbreiteten Rankings aus. Deswegen bestätigt die Pilotstudie, dass man in vielen Fällen irrt, wenn man sich bei Qualitätsfragen allein der Suggestion von Zahlen hingibt. Deswegen macht sie zuweilen aber auch bloße Reputationsunterstellungen kenntlich. Erst die Verbindung einer soliden empirischen Basis mit der sorgfältigen Begutachtung durch Fachvertreter kann die Verzerrungen des Zahlenfetischismus ebenso vermeiden wie die Fortschreibung eingewöhnter, aber anachronistisch gewordener Leistungsunterstellungen.
Dass damit schon alle Fragen beantwortet wären, behaupte ich keineswegs. Ob sich der beträchtliche Aufwand des Ratings lohnt, ob technische Fragen wie etwa diejenige der Definition von Forschungseinheiten noch besser gelöst werden können, ob die Vorkehrungen gegen unerwünschte Effekte ausreichen, ob das Verfahren sich bei anderen Fächergruppen bewähren wird: Das alles wird zu diskutieren sein. Nicht fraglich scheint mir hingegen, dass das Wissenschaftssystem nach Gesichtspunkten lediglich gefühlter Exzellenz kaum erfolgreich weiterentwickelt werden könnte.
Differenzierung des Wahrnehmungsfelds
Das Forschungsrating des Wissenschaftsrats richtet sich primär an diejenigen, die in den wissenschaftlichen Einrichtungen die strukturellen und finanziellen Strategien entwickeln und verantworten. Ihnen liefert auch die Differenzierung der verschiedenen Kriterien wichtige Informationen: Dass Qualität und Effizienz der Forschung an mancher kleinen Einrichtung genauso gut sein können wie an den Hochburgen eines Faches, diese Aussage mag für eine solche Einrichtung auch dann enorm wichtig sein, wenn ihre disziplinäre Ausstrahlung vielleicht nur als befriedigend bewertet wird.
Die von Kaube vermisste Diskussion zur Lage, Struktur und Organisation der Soziologie kann das Rating selbst allerdings nicht leisten. Gleich dem im Mai zu veröffentlichenden Abschlussbericht kann das Rating eine solche Diskussion aber anregen. Die Kritik dokumentiert ja, dass es dabei durchaus nicht erfolglos ist.
Peter Strohschneider lehrt Germanistische Mediävistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Vorsitzender des Wissenschaftsrats.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa