Da an deutschen Universitäten einerseits nichts unreformiert bleiben darf, der Reformklasse andererseits aber langsam die Themen ausgehen, hat sich die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) vorgenommen, nun bald auch die Semesterzeiten in Deutschland zu ändern (Längere Vorlesungszeit: Die Kalenderreform der Universitäten). Das neue Herbstsemester soll – ab 2010 – statt wie bislang Mitte Oktober dann Anfang September beginnen, das Sommersemester Anfang März anstatt wie bisher Mitte April.
Damit wird eine Harmonisierung mit den meisten Nachbarländern angestrebt, die ihrerseits natürlich nie auf den Gedanken gekommen wären, ihre eigenen Semesterzeiten mit denen des größten Nachbarn in Übereinstimmung zu bringen. Nur in Deutschland ist man ständig darauf bedacht, die Bedingungen für mehr Mobilität“ der Studenten zu schaffen. Es sind übrigens dieselben Studenten, deren Mobilität man gleichzeitig durch die Einführung der Bachelorstudiengänge nachweislich gesenkt hat, weil nicht nur der Zeitdruck auf das Studium erhöht wurde, sondern vielfach Studiengänge, die es an jeder Universität gibt, durch lokale Spezialitäten und entsprechend inkompatible Abschlüsse ersetzt worden sind.
Wieviele Studierende tatsächlich unter inkongruenten Semesterzeiten leiden, teilt die HRK bemerkenswerterweise nicht mit. Für Reformer spielt Empirie oft nur eine zweitrangige Rolle.
Von der Universität Konstanz aus ergeht nun ein Aufruf gegen die Verschiebung der Semesterzeiten in Deutschland“. Er enthält zwei Argumente. Die Vorverlegung der Semester verknappt zum einen die Bewebungsfristen für Schulabgänger, denn die Schulen werden ihren Kalender nicht dem Innovationsbedürfnis der HRK anpassen. Mitten in den Vorbereitungen zur Reifeprüfung würden sich darum demnächst die Abiturienten auch schon um einen Studienplatz kümmern müssen. Die HRK, deren Vertreter ständig davon sprechen, wie schön es wäre, wenn sich die Hochschulen ihre Studenten selbst heraussuchen könnten, hat offenbar über diese Terminkollision nicht nachgedacht.
Anders aber als Anzahl tatsächlicher Härtefälle beim Studienplatzwechsel vom Inland ins Ausland, ist die Zahl der Abiturienten in Deutschland, die unter der Neufestlegung von Semesterzeiten litten, leicht zu ermitteln. Man kann den Bildungsministerien, die für beides, Wissenschaft wie Schulen, zuständig sind, nur raten, hier einmal nachzuzählen und die entsprechenden Schlüsse fürs Gemeinwohl zu ziehen.
Das zweite Argument des Aufrufs, der auf Initiative des Literaturwissenschaftlers Albrecht Koschorke verfasst wurde, betrifft die Forschung. Denn wer behauptet, eine gleicher Semestertakt fördere den Austausch zwischen Wissenschaftlern, irrt sich. Gerade die Zeitversetzung der akademischen Kalender führt zu jenen Zwischenzeiten, in denen deutsche Forscher im März und September an ausländischen Universitäten unterrichten und forschen können. Umgekehrt können Professoren und Doktoranden beispielsweise aus den Vereinigten Staaten, England oder Frankreich im Juni oder Juli nach Deutschland kommen, ohne heimische Lehrverpflichtungen zu verletzen. Oder will man die amerikanischen, britischen, französischen Kollegen demnächst in die vorlesungsfreie Zeit einladen? Es ist also geradezu wünschenswert, dass die vorlesungsfreien Perioden zwischen den Hochschulsystemen nicht kongruent sind.
Erste Stimmen aus dem Ausland, der Schweiz etwa oder Indien, warnen aus diesem Grund vor einer Änderung der Semesterregel. Der HRK sollte es nicht schwerfallen, sofern Empirie doch eine Rolle spielen dürfte, die Zahl der Austauschprogramme zwischen Universitäten zu ermitteln, die durch ihr Reformvorhaben erschwert wenn nicht verunmöglicht werden.
Hinzu kommt, dass auch andere universitäre Zeitpläne auf die bisherigen Semesterzeiten hin abgestimmt sind: Prüfungen, Block-Praktika in den Lehramtsstudiengängen, Vorbereitungskurse auf das Studium, Sommerschulen und dergleichen. Erneut also die Frage: Das alles will man ändern für eine bislang unbekannt gebliebene Zahl von Fällen eines nicht ganz reibungslosen Wechsels von einem deutschen Sommer in ein Schweizer oder französisches Herbstsemester? Oder anders gefragt: Wann endlich wird die Phrase von der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Hochschulsystems“, die stets herhalten muss, um sinnwidrige Belastungen eines durchaus funktionierenden Systems zu begründen, an dem gemessen, was das deutsche Hochschulsystem ja bereits ist: international wettbewerbsfähig.
Die Verbände der Romanisten und der Anglisten in Deutschland haben sich im selben Sinne geäußert und gegen eine Verschiebung der Semesterzeiten protestiert. Dasselbe gilt für die Deutsche Gesellschaft für Philosophie, die auf ihrer Mitgliederversammlung Ende September zugunsten des Status qou gestimmt hat. Schon im Mai hat die Konferenz der Mathematischen Fachbereiche eine ähnliche Resolution verabschiedet. Mehr als vierhundert deutsche Forscher haben den Aufruf innerhalb der ersten zehn Tage unterschrieben.
Der Aufruf gegen die Verschiebung der Semesterzeiten in Deutschland ist im Internet unter www.aktion-semesterzeiten.de nachzulesen.
Text: F.A.Z.
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