Die Philipps-Universität Marburg

Hochschulen

Wie ein Studienort zerstört wurde

Der Fall der renommierten Marburger Osteuropageschichte: Durch bare Frechheit und entschlossenen Dilettantismus ist ein vorzüglich aufgestelltes Fach ruiniert worden. Ein Erfahrungsbericht aus den Abgründen der deutschen Hochschulpolitik. Von Stefan Plaggenborg

Lesermeinungen zum Beitrag

27. November 2007 18:57

Betreff Gießen/Marburg

walter mueller-wipperfuerth (wipper)

Es sind Krokodilstränen, die Sie vergießen, Herr Plaggenborg. Es wäre redlicher
gewesen, hätten Sie nicht verschwiegen, dass die Osteuropäische Geschichte in
Gießen - natürlich lange vor Ihrer Berufung nach Marburg - einen mindestens
ebensoguten Ruf genoß wie Marburg selbst. Als ich in den 70ern studierte, gab
es gleichsam berühmte Professoren, die dort forschten und lehrten: so Herbert
Ludat und seine Schule; Klaus Zernack; Karl-Eugen Wädekin; Klaus-Detlev
Grothusen; Hannsgerd Göckenjan; Geza Alföldi etc. Und es gab das mit dem
Institut verquickte interdisziplinäre "Zentrum für kont. Agrar- und
Wirtschaftsforschung" mit zahlreichen Wissenschaftlern, die meist aus Ländern
Ost- und Südosteuropas stammten. Ich arbeitete damals in der mit weit mehr als
100 000 Bänden sowie gut 300 Zeitschriften (aus Osteuropa) größten
Präsenzbibliothek besagten "Zentrums", die auf Spezialgebieten besser bestückt
war als Marburg und München zusammen. Also bitte - die Dinge nicht auf den Kopf
stellen! Denn was in Ihrem FAZ-Artikel zum Ausdruck kommt, ist (auch) ein Stück
Rivalität zwischen Marburg und Gießen seit beider Gründung. Und:
Selbstbeweihräucherung nebst Eitelkeit ....
Walther Müller-Wipperfürth
A-1130 Wien

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27. November 2007 14:13

Slavistik Uni Frankfurt am Main

Bernd E. Scholz (Vepchi)

Frankfurt ohne Russisch, Hessen vorn!

Präsidium stoppt Einschreibung in den
Bachelor-Studiengang "Empirische Sprachwissenschaft" (ES)

Die Webseite der Uni Frankfurt am Main meldet:
!Im WS 2007/07 wir keine Immatrikulation in die drei slavistischen Schwerpunkte und Nebenfächer der Empirischen Sprachwissenschaft stattfinden. Minister Corts hat dem Gesamtstudiengang ES die Genehmigung verweigert, solange u.a. die slavistischen Fächer nicht aus dem Fächerkanon der ES gestrichen sind. Er sieht dies in einem Widerspruch zu der Bildung des Zentrums für das östliche Europa an der Universität Giessen. Der Frankfurter Uni-Präsident Steinberg hat dieser Forderung Corts´ nun Folge geleistet und die Einschreibung in die slavistischen Fächer gestoppt.

Ursprünglich waren folgende Schwerpunkt im Rahmen der ES studierbar:

* Russische Sprach- und Kulturwissenschaft,
* Tschechische Sprach- und Kulturwissenschaft,
* Kroatische/Serbische Sprach- und Kulturwissenschaft. "

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27. November 2007 13:16

Bochumer "Effizienz" in Marburg und Hessen oder Platte NRW 75

Bernd E. Scholz (Vepchi)

Plaggenborg geht nach Bochum an eine Uni, wo der Marburger Präsident Nienhaus herkommt. Das verschweigt er. In Bochum war Nienhaus u.a. für Effizienz und Evaluation zuständig – "Platte NRW 75". Nicht "effizient" war in Marburg die Altphilologie, die Herrr Nienhaus endgültig "plattgeräumt" hat. Der mit 1,5 Mill. höchste deutsche Wissenschaftspreis, der 2006 an die Marburgerin Gyburg Radke - eine Altphilologin - ging, wurde vom Vizepräsidenten überreicht. Preise für "Dolly-Kloner" in Höhe von 20 TSD Euro werden dagegen mit grossem Pomp von Nienhaus übergeben. Frau Radke ist aus MR an die Uni Heidelberg gegangen, die offenbar mit dem Zahlbegriff der alten Griechen mehr anzufangen weiss als ein Bochumer Wirtschaftsprof. Nienhaus hat zu Islam und Marktwirtschaft einen kleinen Aufsatz geschrieben, was aus ihm offenbar einen "Islamisten" gemacht hat. Weg mit den Buddhas! Das "Plattmachen" der Slavistischen Bibliotheken findet nicht nur in MR statt, sondern auch am Slav. Institut in Frankfurt, das seit Jahrzehnten mit den höchsten "Forschungsindex" in der BRD aufweist. Auch dieses angesehene Institut ist ein Opfer Wiesbadener Tolpatscherei, die sich benimmt, wie der Elefant im Porzellanladen. Am erschreckendsten: das Schweigen der Lämmer!

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21. November 2007 21:59

Wie ein Studienort zerstört wurde

Stefan Holz (StefanDH)

Meinen aufrichtigen Dank an Herrn Prof. Plaggenborg und die FAZ für diese unnachgiebige, ausführliche und erschütternde Recherche!

Es ist erbärmlich, wie man als Student erkennen muss, dass selbst in den höchsten staatlichen bzw. universitären Gremien Dinge getan werden und geschehen, die Vernunft, Sachverstand und ein Mindestmaß an Erziehung und Miteinander missen lassen!

So kann nur gehofft werden, dass sich das einzig Gute daran bewahrheitet: seine Beispielfunktion.


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21. November 2007 09:34

Zum Kommentar "Reformverlierer" von Herrn Wolff / Lieber Herr Wolff,

Andreas Karg (AndreasKarg)

vorderhand haben Sie wohl Recht: Reformen haben meist "Gewinner" u. "Verlierer", u. es überrascht wenig, wenn es gerade die "Verlierer" sind, welche die tatsächlichen o. auch nur vermeintlichen Defizite einer Reform ansprechen.
Dazu sind sie i.ü. aus ihrer Position heraus auch prädestiniert, u. es ist der F.A.Z. hoch anzurechnen, daß sie hierfür eine Plattform bietet.

In Ihrer Stellungnahme meine ich aber eine gewisse Inkonsistenz zu entdecken: Wir können es uns also ihrer Meinung nach nicht leisten, die "weniger nachgefragten Fächer" im bisherigen Umfang weiter zu finanzieren?! Oder wir sollen die "weniger wichtigen Fächer" sukzessive streichen?! Ginge es nach Nachfrage, müßten wir uns im "Jahr der Geisteswissenschaften" um diese nicht sorgen: Etwa 1/4 der Studenten in Dtld. studieren angeblich die bewußten 96 Fächer.
Und was meinen Sie mit "wichtigere Fächer"? Sind "Osteuropastudien" (inkl. -geschichte) "unwichtig"? Daß München und Regensburg gemeinsam den "Elitestudiengang Osteuropastudien" als Teil des "Elitenetzwerks Bayern" anbieten, spricht hier doch wohl Bände. "Wichtigkeit" als Kriterium für Bildung kommt mir ohnehin als ein wenig taugliches Kriterium vor.

Beste Grüße

A. Karg

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20. November 2007 23:39

Die Verlierer sind nicht nur die Orchideenfächler

Corinna Menzer (comen83)

Ich bin als Studentin der Japanwissenschaften am Japan-Zentrum der Philipps-Universität selbst von den von Hr. Plaggenborg vorgestellten unvorstellbaren Vorgängen betroffen.
Die Zentrenbildung ist an sich nicht das Problem. Wie einige Kommentatoren hier auch anführen ist dies in Zeiten einer zunehmenden Verwirtschaftlichung des Hochschulbildungssystems sicher die einzige Möglichkeit Orchideenfächer wie unsere vor dem Aussterben zu bewahren. Zumindest in der Theorie.
Wie dies aber zur Zeit in Hessen umgesetzt wird, spottet jeglicher Beschreibung. Und hier übertreibt Hr. Plaggenborg als ein Vertreter der Verliererseite (wie es in einem Kommentar heißt) nicht etwa aus Rachegefühlen. (Immerhin hat er nach wie vor einen Job!) So ist es tatsächlich!
Und die Gegenseite kommt weit häufiger zu Wort als wir Studierenden. Gegen Ende des letzten Semesters gab es auch im Japan-Zentrum unglaubliche Vorgänge. (Aber das wurde an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben.)
Tatsache ist aber: Einfach nach Frankfurt ins neu entstehende Ostasienzentrum wechseln geht nicht! Haben wir sogar schriftlich vom Vize-Präsidenten der Goethe Universität. Ich mache jetzt meinen Magister (zum Glück!) und dann bin ich weg.

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20. November 2007 22:03

Das Fach Osteuropageschichte an der Universität Marburg

Gösta Björn (GostaB)

Zu den in diesem Artikel und den Lesermeinungen beschriebenen Qualitätsproblemen des Universitätsunterrichts wird zur Zeit auch in meinem Land Schweden eine heftige Diskussion geführt.
Dr. Gösta Björn

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20. November 2007 20:02

Marburger Bubenstück

Evgenia Grishina (EvgeniaGrishina)

Als russische Doktorandin an der Ruhr-Universität Bochum, die die Spätphase plannwirtschaftlicher Universitätspolitik in Russland noch erleben konnte, bin ich über die von Herrn Plaggenborg geschilderten Verhältnisse an der Marburger Universität und in der Hessischen Hochschulpolitik verwundert. Sie erinnern mich fatal an jene unheilvolle Verbindung von bürokratischer Willkür und egoistischen Einzelninteressen, die in meinem Heimatland nicht unwesentlich für die Zerstörung der akademischen Kultur verantwortlich waren. Was an wissenschaftlich widersinnigen Maßnahmen in Marburg und Gießen offenbar passieren konnte, hätte ich selbst in meiner Heimat für kaum möglich gehalten.
Daß solche Machenschaften zum Erfolg führen, hat sicherlich auch mit der Schwäche der Geisteswissenschaften gegenüber dem Wissenschaftsministerium zu tun. Die geschilderten Vorgänge sollten den universitären Geisteswissenschaften Anlaß geben, über Möglichkeiten nachzudenken, ihre berechtigten Interessen künftig politsch wirklungsvoller zu vertreten.

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20. November 2007 19:43

Orientalisitk-FFM an Fr. Berlinghof

Mirko Roth (MiroslavRubin)

Frau Berlinghof, ich studiere Orientalistik in Frankfurt. Seit Wochen kämpfen wir - so dachten jedenfalls die Studierenden, der ASta, der Professor, die Wissenschaftlichen Mitarbeiter - recht erfolgreich für den Erhalt unserer Bibliothek bis mindestens 2010. Aus Ihrem Kommentar lassen sich gegenläufige Informationen entnehmen. Bitte senden sie mir dringend den Artikel auf den Sie verweisen "im heutigen Lokalteil" als Link an: Mirko.Roth@gmx.de
(...)

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20. November 2007 19:22

Finanzwissenschaft Bochum

Stefan Laß (Lass77)

Ein vergleichbarer Fall ereignet sich zur Zeit an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (interessanterweise der alten Wirkungsstätte des Marburger Universiätspräsidenten Nienhaus).
In Bochum wird ohne Not der Lehrstuhl für Finanzwissenschaft abgeschafft, nachdem der bisherige Lehrstuhlinhaber zum März 2008 emeritiert wird. Die Lehrstuhlmittel werden für die Besserstellung der anderen Lehrstühle verwendet. Offizielle Begründung: Finanzwissenschaft, also die Lehre von den öffentlichen Finanzen, passe nicht zum neuen Profil der Fakultät. Der neue Schwerpunkt sei in der Empirischen Wirtschaftsforschung und Makroökonomie angesiedelt. Fragen der Besteuerung, Staatsverschuldung, Sozialversicherung werden ab 2008 nicht mehr gelehrt und erforscht. Auch 400 Unterschriften von Studierenden (die Studiengebühren zahlen!) konnten keine Änderung der Entscheidung herbeiführen.
Ursache dieser Entscheidung ist, dass infolge der Hochschulautonomie die Fakultäten selbst über die Verwendung der öffentlichen Mittel entscheiden können. Es gibt weder ein Wiederwort vom Rektor noch vom Ministerium. So lassen sich schnell Koaltionen von Professoren bilden, die frei verfügbare Mittel unter sich aufteilen können.

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20. November 2007 18:03

Reformverlierer

Sebastian Wolff (produktewolff)

Jede Reform hat Gewinner und Verlierer. Prof. Plaggenborg scheint hier zur zweiten Kategorie zu gehören. Es ist verständlich, daß ihn dies empört und er einen Artikel entsprechenden Inhalts verfaßt.

Aber eine Wahrheit ist in den seltensten Fällen absolut. Das Bild setzt sich meist erst aus den verschiedenen Sichtweisen zusammen. Von einer Zeitung mit dem Anspruch der FAZ hätte ich daher erwartet, die Gegenseite gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen.

In Zeiten knapper Kassen steht jeder Forschungsbereich unter einem ständigen Legitimationsdruck. Die Ressourcen sind zu knapp, als daß alles Wissenswerte erforscht und gelehrt werden könnte.

Der Autor schreibt selbst, daß es in Gießen heute vier Professoren der osteuropäischen Geschichte gebe. "Die Zahl der Studenten übersteigt die ihre nicht. Im Vergleich dazu lehrte ich in Marburg ein Massenfach." Dies impliziert doch bereits ein nur geringes studentisches Interesse.

Vielleicht haben die zuständigen Stellen einfach entschieden, die begrenzten Mittel auf wichtigere oder stärker nachgefragte Fächer zu konzentrieren?

Nota bene: Ich behaupte nicht, daß es so ist, ich rufe nur zur Mäßigung in den Kommentaren auf.

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20. November 2007 17:13

Missbrauch der Schwerpunktbildung

Nadja von Werner (NVonWerner)

Beide großen Volksparteien haben die Notwendigkeit einer Schwerpunktbildung an Hochschulen erkannt und in Ihren Parteiprogrammen aufgenommen. Somit war es absehbar, dass es auch in der hessischen Hochschullandschaft zu Veränderungen kommen würde.

Trotz geringer Studentenzahlen an der Marburger Slawistik, (die aufgrund politischer Veränderungen nach 1989 auftraten) trug der Fachbereich nach wie vor zur internationalen Ausrichtung der Hochschule bei, nicht zuletzt nahmen die Zahlen osteuropäischer Studenten in Marburg zu. Die russischen Naturwissenschaften und die russische Literatur haben der Marburg einen Teil ihrer Wurzeln zu verdanken. Die Universität wusste dies geschickt zu nutzen um die bedeutendsten Universitäten Russlands mit Partnerschaften zu binden. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich der wirtschaftliche Aufschwung Russlands auch in der Rolle Marburgs für die Deutsch-Russischen Beziehungen widergespiegelt hätte.

Dem machte der Universitätspräsident Nienhaus ein Ende. Die Bestrebungen nach einer Neuordnung der Studienlandschaft nutze er, um eigene Präferenzen zulasten einer gewachsenen Struktur durchzudrücken. Es bleibt zu bezweifeln, ob der neue Slawistik-Standort Gießen jemals die Rolle Marburgs übe

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20. November 2007 16:46

... das war die eine Seite...

Jürgen Falkenstein (jfalkenstein)

Schön, jetzt haben wir die eine Seite gehört, die sehr engagiert und überzeugend ihr Anliegen vorgebracht hat. Und die andere? Ich jedenfalls, möchte mir jetzt noch kein Urteil erlauben.

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20. November 2007 15:35

Wie ein Studienort zerstoert wurde

peter schieser (pschieser)

Erschuetternd und erschreckend, man mag es wirklich nicht glauben. Zwar verstehe ich nichts von den im Artiekl genannten Themengebieten, aber die Problematik versteh ich sehr wohl und kann Prof. Plaggenborg nur meine allergroesste Sympathie und "Beilied" aussprechen, und wuenschen, dass eine Eimer nicht-abwaschbarer Asche das Haupt vom Praesidenten der Marburger Uni zieren mag. Man wuenscht haenderingend selbst einfgreifen zu koennen, aber leider kann ich nicht helfen, und kenne auch niemand mit ausreichender Prominenz, der dies koennte. Prof. Plaggenborg wuensche ich alles Gute in Bochum!
Mit freundlichen Gruessen
Peter Schieser
(Jurist in Luxemburg)

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20. November 2007 15:12

Das also hat der Wissenschaftsrat gemeint

D Völker (D_Voelker)

Das also hat der Wissenschaftsrat gemeint, als er weiland 2000 mehr Spezialisierung und Schwerpunktbildung in der deutschen Universitätslandschaft anmahnte: selbstherrliche Rektoren drücken der Forschungslandschaft ein nach ihren persönlichen Vorstellungen gemodeltes Muster auf, die Ministerien nicken mangels akademischer Kompetenz ab.

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