Von Jürgen Kaube
20. März 2008 Die Gattung der Antrittsvorlesung kennt mindestens drei Formen: Die Verbeugung vor den Vorgängern auf dem Lehrstuhl, den Bericht aus der jüngsten eigenen Arbeit und die Entfaltung eines Forschungsprogramms, das über die ganze Disziplin des Vortragenden in verändernder Absicht nachdenkt.
In seiner Antrittsvorlesung an der Universität Basel hat Althistoriker Aloys Winterling, der zuvor in Freiburg lehrte, soeben alle drei Möglichkeiten ergriffen. Das Manuskript seines Vortrags behandelt dabei unter dem Titel Stadt - Politische Integration - Involution eine Frage, die nicht nur die Forscher, sondern auch die Studenten der antiken Geschichte sowie Lehrer, die Latein und Griechisch unterrichten, umtreiben muss. Denn die Antike, mit der sie sich beschäftigen, ist längst kein Vorbild mehr. Zwar werden manche ihrer Grundbegriffe auch heute noch festlich hochgehalten, oder man spricht von abendländischer Tradition. Aber näherer Betrachtung halten solche Zugriffe nicht stand. Wer das römische Recht historisch erforscht, dem fällt eher seine Ferne als seine Nähe zur Gegenwart auf. Als ästhetischer Maßstab ist die Kunst der Griechen oder die Literatur der Römer längst vergangen. Wer von antiker Erfindung der Demokratie spricht, meint etwas vollkommen Anderes als den Rechtsstaates unserer Breiten. Und so weiter.
Im Gewand neuzeitlicher Bürger
Der in zahlreichen Renaissancen unternommene Versuch, die Gegenwart als Wiederkehr der Antike zu identifizieren, hat also einerseits die Erforschung der Alten Welt erst in Gang gebracht. Er hat sie aber auch in Form von Anachronismen, gewissermaßen epochalen Kurzschlüssen, erschwert. Teils traten Griechen und Römer dann im Gewand neuzeitlicher Bürger auf, teils beschrieben sich diese selber in historischer Kostümierung.
Dagegen hatten Außenseiter der politischen Geschichtsschreibung wie Jacob Burckhardt - ein erster Basler Vorgänger Winterlings -, Fustel de Coulanges und Max Weber schon früh darauf hingewiesen, wie wenig sinnvoll es beispielsweise ist, von einem Staat der Griechen und Römer zu sprechen. Die wichtigste politische Einheit jener Epoche war vielmehr die Stadt. In der Antike finden wir eine überregionale, geschichtete, über einen Adel verfügende Gesellschaft mit gemeinsamer Sprache und Kultur, die aber anders als das sonst aus der Weltgeschichte bekannt ist, primär in kleinräumigen städtische Einheiten segmentiert war. Bei diesen Einheiten handelte es sich um face-to-face-Gesellschaften, in denen man sich kannte und die aus der Stadt heraus einen Teil ihres Umlandes beherrschten, untereinander aber politisch nur durch instabile Bündnisse und Kriege integriert waren.
In Rom, so Winterling, nahm das die Form einer immens ausgedehnten Stadt an, die auf ehemaligem Feindgebiet mir römischen Bürgern neue Städte, coloniae, gründete, oder an besiegte Städte ein mehr oder weniger eingeschränktes römisches Bürgerrecht verlieh, gewissermaßen eine doppelte Stadtangehörigkeit. Nicht zuletzt dadurch verfügte Rom über ausreichende soldatische und materielle Ressourcen, um jede kriegerische Auseinandersetzung zu bestehen.
Davon sprach ein Römer nicht einmal
Weshalb aber wurde selbst das römische Reich nicht zum Territorialstaat, sondern band alle Herrschaft an die Kontakte und Konflikte seiner Adelsschicht zurück? Matthias Gelzer - zweiter in der Ahnenreihe der berühmten Althistoriker Basels, allerdings im Kanton Basel-Landschaft geboren und später Professor in Frankfurt am Main - hatte schon 1912 in einer Studie über den römischen Stadtadel hervorgehoben: Im politischen Personal Roms treffe man ständig auf Leute aus denselben Sippen, die aber aus den formal freien Wahlen als Amtsträger hervorgingen. Der Grundsatz, nicht jeden beliebigen Bürger in der Regierung sitzen zu lassen, so Gelzer, ist den Römern so selbstverständlich, dass es darüber kein Gesetz gibt, und dass sie davon nie sprechen. Eine Oberschicht diesseits von Stand und Klasse, die sich über angesehene Vorfahren beschreibt, Ehrbegriffe und den militärischen Reiterdienst pflegt, begreift sich als das maßgebende Stadtbürgertum.
Zugang zu ihr war nur über die Wahl zum Konsulamt zu erhalten. Nach 366 v. Chr. gelang das auch neuen, nicht dem alten Patriziat angehörigen Familien. Das aber bedeutet, dass es die politische Ordnung war, die das gesamte System sozialer Ungleichheit regulierte. Der Adel mußte sich ständig um Wahlämter bewerben, Familien versuchten aufzusteigen oder den von ihren Vorfahren eroberten Status auszuspielen und dadurch zu erhalten. Die Schichtung bedurfte der politischen Organisation, um sich zu erhalten.
Der Wunsch nach Teilhabe
In der griechischen Polis verlegte sich die Oberschicht dagegen, nachdem die Ämter durch Los vergeben wurden, auf die Demonstration ihres sozialen Vorranges durch mäzenatische Aktivitäten und Sponsorentum, etwa im Bereich von öffentlichen Festen, der Finanzierung von Kriegsgerät oder der Errichtung von Grebäude. Leistungen für die Stadt, so Winterling, zeichnete diese Aristokratien aus. So war es nicht der Wunsch nach politischer Teilhabe, sondern der nach Teilhabe am aristokratischen Privileg, der in Athen die Demokratie für den demos, das Volk - also ein männliches Fünftel der gesamten Bevölkerung einer Polis -, reizvoll machte. Die Stadt blieb eben darum das Modell antiker Politikausübung: weil diese an ein Konfliktsystem gebunden war, in dem um Rangerhalt und Statusgewinne unter Bekannten gekämpft wurde. Ehrdifferenzen nämlich lassen sich nur unter Anwesenden aktualisieren. Die politische Integration der antiken Herrschaftsform ließ sich darum nicht primär über abstraktere Mechanismen, über Verwaltungen, Gesetze, Steuern und die entsprechenden Funktionsstäbe vollziehen, auch wenn es all dies gab.
Wie aber kam es dann, dass diese politische Ordnung sowohl in Athen wie in Rom in die Krise geriet und sich in eine Monarchie transformierte? Winterling greift hier auf eine Beobachtung seines Lehrers Christian Meier zurück, der seinerseits Schülers von Gelzer war und gleich zweimal den Lehrstuhl für Alte Geschichte in Basel innehatte. Er hat im späten Rom eine Spaltung der Politik festgestellt: auf der einen Seite der Machtkampf zwischen Cäsar und Pompeius, auf der anderen Seite ein davon kaum Notiz nehmender, ganz der Pflege des eigenen Glanzes gewidmeter Senat. Das Weltreich war, sowohl was seine Probleme wie auch was seine Ressourcen anging, seiner politischen Struktur wie seinen Idealen über den Kopf gewachsen. Es kam in eine Krise ohne Alternative(Meier).
Die Involution der Unarten
Entsprechend orientierten sich auch die neuen, auf militärischer Macht beruhenden Positionen nach wie vor an den Ehrenämtern. Der Bürgerkrieg, so Cäsar, habe er um seiner dignitas, seines Ehrenansehens willen geführt. Wie im Griechenland der Bürgerkriege des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. wurde nach wie vor um Zugang zu Ämtern gestritten, nur eben dass diese Ämter politisch zunehmend unbedeutender wurden. Winterling notiert, dass das Phänomen des zunehmenden Verrats der Polis an äußere Feinde, um innenpolitisch an Rang zu gewinnen, eben diese krisenhafte Verselbständigung des Konkurrenzmotivs auf Kosten seiner politischen Funktion belegt.
Mit einem Begriff des Ethnologen Alexander Goldenweiser nennt er diese Beibehaltung einer Verhaltensweise im Augenblick ihres Sinnloswerdens Involution: das hilflose Festhalten an und Steigern von Handlungsmustern, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Entsprechend ließen sich noch die Monarchen, die der stadtbürgerlichen Herrschaftsform ein Ende machten, Philipp II. und Alexander der Große einerseits, Cäsar und Augustus andererseits, noch als Retter der Städte feiern und behielten auch deren politische Strukturen formal bei. Es wurden in der Peripherie der Reiche weiter Städte gegründet und deren Oberschichten an das monarchische Zentrum gebunden. In diesem Zentrum selber aber verlegte sich eine politische Aristokratie, die politisch zunehmend funktionslos wurde, auf Demonstrativkonsum. Später nannte man das Dekadenz, aber, so Winterling, am Schelmenroman des römischen Ex-Senators Petronius, Satyricon, zeige sich, dass diese Art der Bekräftigung des eigenen Status auch zu Innovationen fähig war, hier zu einer literarischen.
Was in dieser Antrittsvorlesung skizziert wurde, ist insofern eine soziologisch angeregte wie aufgeklärte Althistorie. Sie schließt aus überhistorisch verwendeten Begriffen wie Adel oder Familie oder Stadt nicht auf Ähnlichkeiten des jeweils Gemeinten. Und sie erprobt gesellschaftstheoretische Überlegungen ganz zwanglos in der Analyse von Sachproblemen wie dem der Stadt als lange Zeit alternativloser und schließlich krisengeschüttelter Organisationsform politischer Kommunikation in der Antike. Die Faszination durch die Alte Welt geht unter diesen Umständen nicht daraus hervor, dass wir uns in ihr wiedererkennen. Sie entsteht dadurch, dass wir an ihr Möglichkeiten sozialer Ordnung und Unordnung erkennen, auf die wir selber, durch Anschauung der eigenen Gegenwart nicht gekommen wären.
Text: F.A.Z., 20.03.2008, Nr. 68 / Seite 44
Bildmaterial: CINETEXT
