Lektürepensum an der Uni

Bis nächste Woche lesen Sie bitte bis Seite 900

Von Magnus Resch

07. März 2008 London, Freitag, 20 Uhr, Bibliothek der London School of Economics and Political Science (LSE). Für einen Ortstermin hätte ich eine angenehmere Zeit auswählen können. Aber ich habe am Mittwoch einen Essay einzureichen: „How serious is the threat of competition from Indian and Chinese companies, and how should the established manufacturers respond?“ Umfangslimit: zweitausend Wörter.

„Forschung ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Aufsatz“, höre ich noch den Professor bei der Auftaktveranstaltung zu meinem Master-Studiengang sagen. In der Bibliothek bin ich schon, jetzt muss ich an einen Computer. Doch das wird zum Problem: Im unteren Geschoss dieser riesigen von Norman Foster gestalteten Bibliothek und weltweit größten für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stehen etwa zweihundert Computer. Alle sind besetzt mit Studenten - obwohl oder gerade weil es Freitagabend ist. Als erfahrener Master-Student kennt man die Regeln: Es herrscht das Prinzip: First come, first served, und also läuft man durch die Reihen, in der Hoffnung, dass gerade da, wo man steht, ein Platz frei wird.

Gefühlte 400 Seiten

Ein Blick in die Literaturliste für meinen Kurs „MN 413: „Marketing - A Strategic Approach“ reicht aus, um das Lesepensum einzuschätzen. Ich komme auf durchschnittlich etwa 250 Seiten pro Woche. Ähnlich sieht es im Kurs „ID 433: Negotiation Analysis“ aus. Gut 200 Seiten pro Woche müssen hier gelesen werden. Getoppt wird das nur von „MN 425: Business in a Global Environment“, hier liegen wir bei gefühlten 400 Seiten. Gefühlt deshalb, weil das Seitenzählen fast unmöglich ist, denn hier wird das gesamte Repertoire aufgefahren, das die Literatur so hergibt.

Die Zeiten, in denen man noch ein ordentliches Lehrbuch hatte, sind spätestens seit dem ersten Jahr im Bachelor-Studium vorbei. Auf Master-Stufe geht es um die Vielseitigkeit der Informationen. Die Professoren versuchen uns einen möglichst breiten Blickwinkel auf die Thematik zu verschaffen. Dadurch steigt der Arbeitsaufwand ungemein: 900 Seiten für drei Kurse, das sind gut hundertzwanzig am Tag. Für die Unterrichtseinheit über Kapitalmärkte beispielsweise müssen neun „Research Papers“, sieben Artikel aus Zeitschriften sowie Ausschnitte aus sieben Büchern und vier Zeitungsartikel samt der Vorlesungsunterlagen gelesen werden.

Nur zögerliche Veränderungen

Die Bologna-Reform wurde 1999 auch von Großbritannien unterschrieben. Die Umstellung für die Engländer wird jedoch nicht so gewaltig werden wie für die Deutschen. Das System Bachelor und Master gehört hier schon seit Jahrzehnten zum Inventar. Verwunderlich ist es deshalb, wieso sich die englischen Universitäten nur zögerlich der kleinen Veränderungen annehmen. Die LSE will erst in den kommenden zwei Jahren das European Credit Point System (ECTS) offiziell einführen. Das ECTS rechnet jedem Kurs im europäischen Hochschulraum Credit Points zu, mit denen der Arbeitsaufwand gemessen wird. Dies soll den Transfer von Studenten zwischen Hochschulen erleichtern. Ein Credit Point entspricht etwa dreißig Arbeitsstunden. Auf Nachfrage bei der LSE erhält man die Auskunft, dass Kurse auf dem Master-Level 7,5 Credits zählen werden, der einjährige Master komplett neunzig Credit Points.

7,5 Credits soll also mein Kurs bringen, das bedeutet 225 Arbeitsstunden. Um die Arbeitsbelastung pro Woche zu errechnen, muss bemerkt werden, dass, anders als im deutschen System, die LSE ihre Studienzeit in Trimester aufteilt. Jedes Trimester hat nur zehn Wochen. Pro Woche und Kurs muss an der LSE also etwa 22 Stunden gearbeitet werden. Bei drei Kursen hat man also zu tun. Ich kenne Studenten, die sind überzeugt, dass sie mehr lernen, andere behaupten von sich, dass sie weniger lernen. Eindeutig ist jedoch, wofür die LSE Studenten mehr als die Hälfte der Zeit benötigen: nämlich das Lesen von Forschungsliteratur.

Neidische Blicke aus Deutschland

Aber darüber beschwert sich keiner. Als Master-Student muss man bereit sein, viel zu arbeiten, doch die LSE unterstützt ihre Studenten dabei entschieden. Neben einem gut ausgebauten IT-System stellt sie ihren Studenten Zugriffe auf so gut wie jede Datenbank zur Verfügung, die man für seine wissenschaftlichen Arbeiten benötigt; die Passwörter findet jeder LSE- Student auf seiner persönlichen Log-in- Seite. Bei meinen Freunden von deutschen Unis erzeugt so eine reichhaltige Auswahl jedes Mal neidische Blicke. Vor ein paar Wochen lief ich zufällig einer Freundin aus Düsseldorf in unserer Bibliothek in die Arme. Sie promoviert an einer großen deutschen Uni und berichtete mir, dass sie für jeden Zugriff auf eine gewisse Datenbank ein eigenes Formular in der Fachschaft ausfüllen muss.

Die LSE sieht sich als Dienstleister, der den Studenten jede Ressource zur Verfügung stellt. Unnötige Zeit durch Behördengänge wird an der LSE nicht verloren. Dafür sind die Studenten dankbar, fordern aber gleichzeitig auch diese Leistung der LSE ein. So hat jüngst die Student Union eine Initiative unter dem Motto: „24/7 Library“ gestartet, um die Öffnungszeiten der Bibliothek zu verlängern. Vor ein paar Monaten hat die Direktion nämlich die Öffnungszeiten verkürzt. Derzeit schließt die Bibliothek schon um 24 Uhr. Die Studenten fordern, dass sie rund um die Uhr geöffnet bleibt, damit auch nachts noch die letzten Seiten durchgelesen werden können. Ich habe jetzt noch zwei Stunden bis Mitternacht.



Text: F.A.Z., 06.03.2008, Nr. 56 / Seite 39
Bildmaterial: AP

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