Von Dorothea Frede
17. Juni 2009 Wer sich über viele Jahre hin für eine behutsame Orientierung an Vorzügen der Organisation von Studium und Lehre amerikanischer Universitäten eingesetzt hat, kann sich heute beim Anblick der Ergebnisse der Universitätsreform nur ungläubig die Augen reiben. Statt einer sorgfältigen Abwägung all dessen, was am angelsächsischen Modell nachahmenswert ist und was nicht, liegt der Universitätsreform ein ganz anderes Prinzip zugrunde. Der Aktionismus, dem sich die Reformer in Bildung und Wissenschaft nach Jahrzehnten des Nichtstuns verschrieben haben, folgt der Maxime, einfach das Gegenteil alles Bisherigen zu tun.
Hatte Deutschland jahrzehntelang die ältesten Studenten der Welt, weil es an jeder Kontrolle von Leistungen und Leistungsniveau fehlte, sollen sie nun die jüngsten sein, indem man sie a tempo am Leitseil einer Vielzahl von Kontrollen und Reglementierungen (Modularisierung) durch die Universitäten schleust. Hatte sich die Gruppenuniversität als reformunfähig erwiesen, so hat man der Universität stattdessen ein strenges Regiment durch nahezu allmächtige Präsidenten/-innen verpasst. Hochschulräte sind mit deren Wahl und der Oberaufsicht über die Belange der Universität betraut, die bisherigen Gremien wurden teils abgeschafft, teils entmachtet. Auch Einsamkeit und Freiheit in Lehre und Forschung haben ein jähes Ende gefunden: Leistung hat sich jetzt durch Einwerbung von Drittmitteln, vor allem durch Mitwirkung an Sonderforschungsbereichen, Forschergruppen und Exzellenzinitiativen zu manifestieren. Wer nicht mitspielt, den bestraft das Leben, nicht nur was die Reputation angeht, sondern auch beim Gehalt.
Konfliktreiche Wahl vor drei Jahren
Wie sich an den jüngsten Turbulenzen in Hamburg zeigt, könnte man auch bei der Wahl von Präsidenten von Erfahrungen aus dem Ausland profitieren. Denn Hochschulmanagement will nicht nur gelernt sein, sondern erfordert auch besondere Persönlichkeiten. Allem voran geht die Fähigkeit, zwischen dem Amt und der eigenen Person zu unterscheiden, den eigenen Willen nicht mit Allwissenheit zu verwechseln, Unwissen nicht durch Aggressivität zu überspielen. Des Weiteren bedarf es der Fähigkeit, Menschen nicht nur zu überzeugen, sondern auch mit Verständnis und Geduld auf abweichende Standpunkte einzugehen.
An alldem scheint es der Präsidentin der Universität, Monika Auweter-Kurtz, zu mangeln. Dies ist in einer für Hamburg nicht untypischen Weise bei der konfliktreichen Wahl vor drei Jahren übersehen worden. Über dem Sturm gegen die Forschungsrichtung der Kandidatin (Raketenantrieb) hat niemand bemerkt, dass sie die hohe Kapitänsschule für die Leitung eines so großen und komplexen Schiffes, wie die Universität es nun einmal ist, nicht absolviert oder auch nur Beweise für ihre Befähigung dazu vorgelegt hat. Wie ihre Vita zeigt, hat Auweter-Kurtz ihr ganzes wissenschaftliches Leben in Stuttgart verbracht, ausländische Universitäten nie kennengelernt und auch in Stuttgart nur zeitweilig ein relativ kleines Institut geleitet.
Auf dem hohen Ross der Ignoranz
Auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus scheint sie kaum einen Blick geworfen zu haben, wie ihr unqualifiziertes Urteil bezeugt, die Geisteswissenschaften seien exzellenzunfähig, weil sie zu keinen messbaren Resultaten führten. Diese Defizite dürften erklären, warum die Präsidentin nur von oben herab zu herrschen bereit ist und von Beratung und Kollegialität nichts hält. Die Universität ist jedoch weder eine Kommanditgesellschaft noch auch eine straff organisierte militärische Organisation. Sie ist eine universitas von Lehrenden und Lernenden, die zwar der Leitung durch die Verwaltung, nicht aber ihrem Kommando untersteht. Dass Wissenschaftler, von denen kreative Exzellenz erwartet wird, nicht wie unmündige Schulkinder zu behandeln sind, sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.
Da es der Präsidentin eben daran zu mangeln scheint, ist es schwer, in der gegenwärtigen Gemengelage von Konflikten auch nur auszumachen, wo es um das Wie, also um den Stil der Präsidentin im Umgang mit anderen, und wo es um das Was, also um die Sache, geht. Zu dieser Vermengung trägt die Präsidentin mit Eifer bei, wie die jüngste Demonstration ihres Durchsetzungswillens auf Biegen oder Brechen gezeigt hat. Nach der völlig korrekt durchgeführten Wahl des Dekans der Fakultät der Geisteswissenschaften durch den Fakultätsrat hat sie von ihrem Vetorecht Gebrauch gemacht, weil sie sich an den hochschulpolitischen Ansichten des designierten Dekans stieß, eines weithin angesehenen Theologen.
Für viele war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dies zeigen die auch für Hamburg einmalige Reaktion einer großen Zahl von Professoren, in einem Brief den Rücktritt der Präsidentin zu fordern, sowie das einmütige Protestschreiben der Dekane von fünf Fakultäten, das eingehend darlegt, in welcher Weise der willkürliche präsidiale Führungs- und Umgangsstil nicht nur gemeinsame Reformbemühungen, sondern auch Berufungen bedeutender Wissenschaftler vereitelt. Auf diese Weise will man nicht länger mit sich umspringen lassen. Es ist kein Geheimnis, dass die Vorliebe der Präsidentin Dekanen von außen gilt, welche sich nicht dem Kollegium und den Fächern, sondern ihr selbst verpflichtet sehen.
Gewaltsame Stadtsanierung mit unkalkulierbaren Kosten
Dies ist eine völlige Fehlbeurteilung der Aufgaben der Dekane, da sie ihre Fakultät samt ihren Stärken und Schwächen, Anliegen und Nöten kennen und dem Präsidium vermitteln sollten. Die Stärke von Präsidenten manifestiert sich diesbezüglich darin, statt Widerspruch zu unterdrücken, mit Spannungen kreativ umzugehen, denn meistens gibt es dafür gute Gründe, die es auszuloten und zu beseitigen gilt.
Niemand leugnet, dass es in Hamburg dringenden Reformbedarf gibt, wie das schlechte Abschneiden der Universität im Exzellenzwettbewerb gezeigt hat und die allfälligen Bewertungen auch immer wieder bestätigen. Doch dazu bedarf es keiner nagelneuen Universität, wie sie die Präsidentin als unerlässlich ansieht, noch dazu an einem ganz ungewöhnlichen Ort: mitten in der Elbe, auf dem Kleinen Grasbrook zwischen Schiffskränen und Eisenbahnlinien für Container. Wie teuer ein Neubau und welche Zeit er in Anspruch nehmen würde, ist unabsehbar. Wenn Fragen nach der Solidität des Kleinen Grasbrook als Basis für Bücher- und Menschentürme noch der Antwort harren und es ohnehin gute Gründe für Misstrauen gegenüber einer schnell hochgezogenen Architektur gibt, so steht eines fest: ein Ambiente für Lehrende und Studenten ist dieser Ort nicht. Ringsum gibt es nur Wasser und Schiffe. Wohnraum lässt sich nur durch Verdrängung von Bewohnern aus Veddel, Wilhemsburg und Rothenburgsort schaffen. Da es sich dabei vielfach um Arbeitslose und Ausländer handelt, mag dies politisch gewollt sein. Es wäre jedoch eine gewaltsame Stadtsanierung mit unkalkulierbaren Kosten und ungewissem Ausgang.
Was diese Neugründung der Sache nach bringen soll, bleibt unklar: Das schlechte Abschneiden der Universität beim Exzellenzwettbewerb ist weder auf zu weite Wege zwischen den - wie in jeder Großstadt-Universität - verstreut liegenden Instituten noch auf marode Gebäude zurückzuführen. Die Gründe sind vielschichtig: Ständige Sparmaßnahmen bei ständig ansteigenden Studentenzahlen bedeuten eine Überbelastung in der Lehre und mangelnde Betreuung der Studenten; die ungenügende Ausstattung vieler Bibliotheken und Labore tun das Ihre. Das Verschwinden des Mittelbaus verstärkt nicht nur den Mangel an Betreuung, sondern erschwert die Kooperation innerhalb und zwischen den Fächern.
Wo bleibt die Bürgerschaft?
Vielen Hochschullehrern fehlt deswegen schlicht die Zeit, neben dem Lehrbetrieb auch noch Drittmittelprojekte zu konzipieren, zumal in Fächern, in denen dies nicht eben naheliegt. (Wenn Forschungsmäntelchen nach dem Drittmittelwind gehängt werden, führt das zu Verbiegungen seltsamster Art, wie man als Gutachter schmerzhaft in Erfahrung bringt. Daher besteht durchaus Anlass zu Skepsis gegenüber dem Ertrag der Exzellenzprogramme auch an erfolgreicheren Universitäten.) An den genannten Problemen würde eine Neugründung der Universität nichts ändern. Von einer Zusammenführung auf einem gemeinsamen Campus kann ohnehin nicht die Rede sein: Die Experimentalphysiker werden weiter in Bahrenfeld, die Biologen in Klein-Flottbek, die Mediziner in Eppendorf bleiben. Die Wege werden dadurch noch länger, der Austausch wird noch schwieriger. Dass der neue Standort wissenschaftliche Leuchten aus Harvard oder Stanford nach Hamburg locken wird, wie die Präsidentin jüngst anlässlich eines Podiumsgesprächs des Überseeklubs versprach, ist eine Luftnummer, ebenso wie die Floskeln von Technologietransfer und die Ankündigung von einhundert neuen Professuren mit einem entsprechenden Raumbedarf.
Grundsätzlich muss es verwundern, dass entscheidende Teile der sonst so traditionsbewussten Hamburger Bürgerschaft sich nicht nur dem ungebremsten Hegemonialprinzip verschrieben haben, sondern auch den Vernichtungswillen der Präsidentin die alte Universität betreffend mittragen. Denn der Vorschlag, das von Edmund Siemers gestiftete Hauptgebäude auf Werner von Melles Wiese, die Flügelbauten des Ehepaars Greve und das Audimax in universitäre Kongresszentren umzuwidmen, kommt einer Aufgabe dieser Wahrzeichen der Universität gleich. Angesichts solcher Missachtung der eigenen Tradition und des Stifterwillens dürfte auf Jahre hinaus mit weiteren Förderern nicht mehr zu rechnen sein. Dabei besteht zu solch drastischen Maßnahmen kein Grund, sondern es ginge auch eine Nummer kleiner: Restauration und Neubauten vor Ort sind durchaus möglich und wären für weit weniger Geld zu haben. Man muss sie nur wollen.
Ein bedrückendes Schauspiel
Auch eine Sanierung der Organisation der Universität Hamburg durch Entflechtung der Kompetenzen ist nötig und möglich, um eine konstruktive Zusammenarbeit von Verwaltung und Wissenschaft und eine allseits zufriedenstellende Einigung über die wünschenswerte Struktur der Universität und ihre weitere Entwicklung zu garantieren. Denn dieser Gesichtspunkt ist in den jüngsten Querelen ganz aus dem Gesichtskreis vieler Beteiligter entschwunden. Die Zeichen stehen jedoch auch weiterhin auf Sturm, wenn die Bürgerschaft die geplante Novellierung des Hochschulgesetzes durchführt, die dem Universitätspräsidium zusätzlich das Recht zur Ernennung der Dekane übertragen wird.
Was die CDU zu einer solchen Maßnahme bewogen hat, muss Spekulation bleiben. Dass die Grünen mit von der Partie ist, beruht offensichtlich auf einem Quidproquo: Ihr lasst uns die sechsjährige Grundschule einführen, wir stören eure Pläne die Universität betreffend nicht. An diesem völlig unsinnigen Junktim wird man hoffentlich angesichts der katastrophalen Entwicklung nicht festhalten. Nur dann kann auch der Hochschulrat seiner Aufgabe gerecht werden, der ja weder Organ der Universität noch der Stadt ist, sondern unabhängig von beiden beratend und ordnend tätig sein soll. Er hat zwar insofern eine starke Stellung, als er die Präsidenten ernennt und auch ihren Rücktritt fordern kann; aktiv in die Leitung der Universität und in akademische Belange eingreifen kann und soll er jedoch nicht. Daher ist auch die Absetzung eines Präsidenten - wie das Vetorecht - ein Mittel, das nur im äußersten Notfall anzuwenden ist.
Der gegenwärtige Vorsitzende des Hochschulrates der Universität, Albrecht Wagner, sieht sich nach eigener Aussage als kritischen freundlichen Ratgeber. Dass es ihm gelingen wird, an dieser Haltung in der gegenwärtigen verfahrenen Lage festzuhalten, erscheint zweifelhaft. Für jemanden, der früher gern an der Universität Hamburg unterrichtet hat, durch viel studentisches Talent und kollegiale Zusammenarbeit ermutigt, ist dieser weitere Niedergang ein bedrückendes Schauspiel.
Dorothea Frede ist Emerita der Universität Hamburg und Mills Visiting Professor der University of California, Berkeley.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa