hier geht es nicht um eine Traumabewältigung. Das gängige Vorurteil von den humanistisch gebildeten, weltgewandten Geistis und den pickeligen, sozial-inkompetenten Techies wird zum Glück jeden Tag von der Wirklichkeit widerlegt.
Was jedoch den "Beißreflex" auslöst, ist die weltfremde und arrogante Anspruchshaltung der Orchideenfächer. Neid und Gleichschaltungs-Phantasien sind nämlich keine Lösungen.
So sehr ich als sogar als Techie Literatur, Kunst und alles Schöne auf der Welt liebe, so sehr muss Leuten, die diese Dinge hauptberuflich betreiben wollen klar sein: Entweder sind sie sehr, sehr, sehr, sehr gut darin und prägen wirklich die intellektuelle Kultur oder sie können es wie alle anderen Leute eben auch nur als Hobby, quasi als Luxus betreiben.
Zudem muss noch angemerkt werden, dass gerade die intellektuelle Verarmung der Geisteswissenschaften maßgeblich zur Verarmung jeglicher intellektueller Kultur beigetragen haben.
Löhne ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. Wer die Entlohnung von Geisteswissenschaftlern als zu niedrig erachtet, kann dies durch Senkung des Angebots ganz einfach ändern: Stellen Sie z.B. einen Germanisten ein! Ist ja nicht verboten.
Oh, Sie haben keinen Bedarf für die entsprechenden Fähigkeiten? Sie könnten eher den kräftigen Lagerarbeiter aus dem ersten Kommentar für den anstehenden Umzug brauchen? Könnte hier der Grund für die schlechten Arbeitsbedingungen liegen...?
Ich komme aus dem Kulturbereich und beobachte, wie viele etwas Interessantes in ihrem Leben tun wollen. Das ganze begründet mit psychologischen Versatzstücken, wie schlimm es für einen Menschen sein kann, den Rest seines Lebens Uninteressantes tun zu müssen.
Diese Art der Denke scheint mir eine Schwemme an Interessenten erzeugt zu haben.
Zwar betone ich immer, dass man in diesen Bereichen sehr gut sein muss, wenn man sich finanziell nicht nach der Decke strecken will, oder die Sache sehr lieben muss, um diese Situation zu ertragen. Das war aber schon immer so.
Was aber erstaunt, wie viele mittlerweile glauben, sie wären die Ausnahme. Mir scheint, es gab mal mehr Selbstkritik.
Andererseits wird diese Selbstverblendung von den entsprechenden Kreisen ausgenutzt. Erstaunlicherweise von Leuten die moralisch eher hochtrabend sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Führungsebene des DHM für Mindestlöhne ist und Harz 4 für unmenschlich hält.
Aber der Praktikant sichert den eigenen Fleischtopf und dann ist diese Moral plötzlich vergessen. Dem Praktikanten wird eine Chance zu seiner Selbstfindung und Selbstverwirklichung gegeben. Da ist Geld ja nicht so wichtig.
Sehr geehrter heswer,
falls ich Ihre Wortmeldung ernst nehmen darf, möchte ich Sie auf einen kleinen Denkfehler hinweisen:
Nehmen wir an, sämtliche Studierende wählten die nach Ihrer Auffassung marktgerechten Fächer wie BWL, Physik, Mathematik und Artverwandtes. Dann gäbe es ein Überangebot an derartig qualifizierten Arbeitskräften. Folglich könnten Sie Ihre Qualifikationen nicht erfolgreich vermarkten und müssten sich eventuell mit 1800€ brutto im 4. Berufsjahr bescheiden.
Nicht zu reden von der kulturellen Verarmung, die eine solche „intellektuelle Monokultur“ mit sich brächte.
Zu Ihrer Entschuldigung möchte ich annehmen, dass Ihr Beißreflex in einem während des Studiums erworbenen Trauma gründet: Hat Ihnen ein Philosoph oder ganz und gar nutzloser Kunsthistoriker die Freundin ausgespannt?
Achten Sie darauf, dass Ihnen Ihr prima Markt nicht mit Pardauz auf die Füße fällt;-).
Die betroffenen Geisteswissenschaftler sollten nicht so weinerlich wehklagen, sondern froh sein, dass sie überhaupt arbeiten dürfen und so Kontakt zur Praxis bekommen, den sie auf der Universität nicht erhielten.
Von so genannten Wissenschaftlern sollte man erwarten, dass sie die Realität, wenn auch spät im Leben, akzeptieren.
Sie haben am Markt vorbei studiert. Nun ist der Markt schuldig. Sicher sind sie politisch links oder/und grün und verlangen, dass man den Markt abschafft. Dazu eine Einstellungsgarantie mit großzügigen Bezügen.
Hätten sie etwas Anständiges studiert, dann würden sich die Arbeitgeben um sie reißen.
Ich habe Physik, Mathematik und BWL studiert und war nicht einen einzigen Tag arbeitslos und schon gar nicht prekär.
Willkommen in der Realität, liebe Geistis!
Selbst wenn man -- wie ein Vorkommentator hier anmerkte -- "exzellent ausgebildet" ist, bringt einem das einfach nichts, wenn man
a) sich auf "unrentable" und überlaufene Berufszweige festlegt (Journalist?)
b) weniger Fähigkeiten für die Berufswelt als andere gesammelt hat
Ungerechtigkeit hin oder her, mit einer Magisterarbeit über die Rolle des Werwolfs in Deutschen Sagen bekommt man eben schwieriger einen Job als der verachtete BWLer mit seiner Arbeit über Basel II.
Vielleicht übernimmt mal ein erwachsener Mensch Verantwortung für seine Entscheidungen und lädt nicht mit von solchen Artikeln und Studien die Schuld auf das böse System.
Das Phänomen "Scheinpraktikum" ist hauptsächlich auf die Geisteswissenschaften beschränkt und in den Natur- und Ingenieurwissenschaften praktisch unbekannt.
Anscheinend gibt es also ein Überangebot von GeisteswissenschaftlerInnen und einen Mangel an Natur- und IngenieurwisenschaftlerInnen. Also aufgepasst, liebe Schüler: Besser ein naturwissenschaftliches oder technisches Fach studieren!
"Zudem sei der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler nach Abschluss der Universität deutlich schwieriger als zum Beispiel für Informatiker" ... da ist wohl was dran, denn wer braucht schon so viele "Geisteswissenschaftler" !?
Alle Mediziner müssen ein "Praktisches Jahr" im Krankenhaus absolvieren, was in vielen Fällen in erster Linie Blutabnehmen und OP-Haken-Halten bedeutet, Vollzeit für 0 Euro, sowie vorher im Studum weitere unbezahlte Monate Famulatur ("Knechtschaft"). Das _zusätzliche_ "Arzt im Praktikum" (die ersten 18 Monate als Arzt schuften für 800 Euro brutto) hat eine ganze Generation von Absolventen leisten müssen, bevor es wegen Ärztemangels vor einigen Jahren abgeschafft wurde. Das alles in staatlichen oder halbstaatlichen Krankenhäusern. Insofern müßte der Bundestag als Beschließer der Ärztlichen Approbationsordnung den "Goldenen Raffzahn" für das Lebenswerk bekommen.
Die Ausbeutung junger Akademiker durch die Staatswirtschaft ist absolut üblich, nicht nur bei Geisteswissenschaftlern.
... ist die Tatsache, dass diese 'Scheinpraktika' im Geisteswissenschaftlichen Bereich gang und gebe sind. Nach einem 4-5 Jährigen Studium kommen so noch einmal 1-2 Jahre hinzu, in denen der eigentlich exzellent ausgebildete junge Mensch noch immer nichts verdient. Eigentlich sollte er ja schon sein Bafög ab- und in die Rentenversicherung einzahlen...
Aber wer heutzutage einen Job haben will, muss halt da durch.
Sehr geehrte Damen und Herren, ich verstehe ihr échauvement in dieser Sache gar nicht, sind Sie sich bewußt, dass dies der Alltag ist für Geisteswissenschaftler. Sind Sie sich im klaren darüber, dass ein promovierter Geisteswissenschaftler nach TVöD weniger bekommt als ein Lagerarbeiter. Nicht dass ich dessen Arbeit nicht anerkennen würde, es ist wichtig, dass diese Arbeit gemacht wird und sie verdient auch Anerkennung. Unbezahlte Praktika sind die Regel und bloß weil sich das DHM hier unrühmlich einreiht, ist dies meiner Meinung nach nicht der gesonderten Erwähnung wert. Bedacht werden sollte, dass es im nun gerade vorüber gegangenen Jahr der Geisteswissenschaften deutschlandweit 20 000 € zu gewinnen gab, ein Wettbewerb, der an allen Universitäten ausgeschrieben war, wen man das einmal durchrechnet, könnte der Inhaber der Stelle, die von diesem Gewinn finanziert werde sollte nicht einmal einen Kopierer, bzw. ein Blatt Papier benutzen, oder gar Strom verbrauchen.
Auch wenn ich diese Zeitung seit langem sehr schätze muss ich Ihnen in diesem expliziten Fall Zynismus vorwerfen. Wie wäre es mit einer Serie über Studienabgänger aller Fachrichtungen am Wissenschaftsstandort Deutschland?